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Enerige & Management > Aus Der Aktuellen Zeitungsausgabe - Unter erschwerten Bedingungen
Quelle: E&M
AUS DER AKTUELLEN ZEITUNGSAUSGABE:
Unter erschwerten Bedingungen
Der Smart Meter Rollout erweist sich in diesen Zeiten als große Herausforderung, nicht zuletzt aufgrund der aktuell schwierigen Beschaffungssituation bei den Geräten.
 
Im März des vergangenen Jahres setzte eine Eilentscheidung des Oberverwaltungsgerichts (OVG) für Nordrhein-Westfalen in Münster für eine Reihe von Stadtwerken die sogenannte Markterklärung des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) und damit die Pflicht zum Rollout intelligenter Messsysteme formal aus. Rechtlich gesehen ist diese Markterklärung als Allgemeinverfügung ein Verwaltungsakt, der beispielsweise den Startpunkt bestimmter gesetzlich geregelter Fristen beim Smart Meter Rollout markiert.
 
Die Produktion von Zählern und Smart Meter Gateways ist angesichts des globalen Chipmangels eine große Herausforderung
Quelle: EMH Metering

Inzwischen ist zwar das Messstellenbetriebsgesetz angepasst worden und auch eine neue Technische Richtlinie wurde veröffentlicht, sodass die von den Juristen des OVG adressierten Mängel behoben sind. Auf eine neue Allgemeinverfügung wartet die Branche allerdings auch am Redaktionsschluss dieser Ausgabe im April noch immer. Dabei ist die der Markterklärung formal zugrundeliegende Marktanalyse schon zum turnusmäßigen Stichtag 31. Januar erhoben worden, wie aus dem Markt zu hören ist.

Arbeiten gehen unverändert weiter

Für die Mehrzahl der Stadtwerke, außer für die 50 Kläger vor dem Oberverwaltungsgericht, ändert sich damit zunächst einmal auch nicht die Frist, bis Februar 2023 die ersten 10 % der jeweiligen Pflichteinbaufälle intelligenter Messsysteme abgearbeitet zu haben. Soweit zumindest der Stand zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe.

Bei den Mitgliedern der Voltaris-Anwendergemeinschaft, die rund 40 Stadtwerke umfasst, gehen die Arbeiten für den Rollout der intelligenten Messsysteme somit unverändert weiter. Seit Ende 2020 ist das Unternehmen dabei, mit Stadtwerken in der Rolle des grundzuständigen Messstellenbetreibers intelligente Messsysteme auszurollen. „Seither wurden etwa 3.500 Stück verbaut“, berichtete Geschäftsführer Volker Schirra bei einem Gespräch mit Journalisten im März. Eine „durchaus ansehnliche Zahl“, findet er angesichts des Fortschritts, der insgesamt im Markt zu beobachten sei.

Allerdings verwies er auf unterschiedliche Einbauquoten, die vor allem von der Größe des jeweiligen Messstellenbetreibers abhängig seien. Lediglich 1 % der Voltaris-Kunden, also der vom Unternehmen betreuten Stadtwerke, hätten noch nicht mit dem Rollout begonnen, berichtete Schirra. Dagegen befinden sich 49 % in Pilotprojekten, in denen etwa noch Schnittstellen getestet werden. Und rund die Hälfte befinde sich bereits im operativen Rollout.

Eine ganz besondere Herausforderung dabei ist die Anbindung des Gateway-Administrationssystems an das ERP-System des jeweiligen Stadtwerks. „Wir arbeiten mit Robotron, einem der größten Gateway-Administrationssysteme, in dem schon Schnittstellen für einen Großteil der ERP-Systeme angelegt sind“, erklärt Marcus Hörhammer. Diese müssten dann noch in einem konkreten Projekt mit dem jeweiligen Kunden implementiert und getestet werden, erläutert der Bereichsleiter Produktentwicklung und Vertrieb von Voltaris. Das könne ein Quartal in Anspruch nehmen.

Das kann Alexander Schneider von GGEW im südhessischen Bensheim bestätigen. „Jedes ERP-System ist an bestimmten Stellen etwas anders konfiguriert als der Standard“, so der Projektleiter Digitalisierung/Smart Metering. Weil es „customized“ sei, seien Anpassungen notwendig, die nicht nur fachlichen, sondern auch organisatorischen Aufwand bedeuten. „Bei den Anbietern der ERP-Systeme ist das Wissen nicht in einer Person gebündelt und muss deshalb aus verschiedenen Fachbereichen erst zusammengezogen werden“, erläutert Schneider. Bis die Implementierung einer Schnittstelle so richtig ins Rollen komme und man letztlich operativ arbeiten könne − das könne also dauern.

Er lobt die Unterstützung, die Voltaris den Mitgliedern der Anwendergemeinschaft zuteil werden lässt. „Aber trotz der gut strukturierten Vorgehensweise und dem guten Austausch unter den Mitgliedern arbeiten wir schon seit Monaten an den Schnittstellen“, sagt Schneider und deutet damit an, was für ein komplexes Unterfangen es ist, Schnittstellen zu implementieren, die verlässlich und sicher funktionieren.

Auch bei den Stadtwerken Bad Kreuznach ist die Anbindung des Gateway-Administrationssystems an das ERP-System ein Thema, das den Verantwortlichen so manches graue Haar beschert hat. Wie sein Namensvetter aus Bensheim hat auch Christian Schneider so seine Erfahrungen mit den Schnittstellen gemacht und „ein langes Tal des Jammers“ durchlaufen, wie er sagt. Dem Gruppenleiter Metering zufolge laufen 82 intelligente Messsysteme im Netzgebiet der Stadtwerke bereits produktiv. Trotz aller Startschwierigkeiten sei es die richtige Entscheidung gewesen, von Anfang an auf eine vollautomatisierte Schnittstelle zu setzen. Der manuelle Aufwand in den nachgelagerten Prozessen, besonders beim Messwertemanagement, sei aktuell allerdings hoch.

Dabei kann der Metering-Verantwortliche sogar der Corona-Pandemie etwas Positives abgewinnen. Denn die Abstimmung zwischen dem ERP-Hersteller, Robotron und den eigenen IT-Spezialisten, die von Voltaris unterstützt und koordiniert wird, geschieht weitgehend in Onlinekonferenzen. Der Verzicht auf aufwendige Präsenztermine beschleunigt den Prozess seiner Überzeugung nach doch erheblich.

Internetbasiertes Frontend als Übergangslösung

Um besonders kleinen und mittelgroßen Stadtwerken einen schnellen und einfachen Start des operativen Betriebs der intelligenten Messsysteme zu ermöglichen, hat Voltaris eine einfache Übergangslösung, ein internetbasiertes Frontend, im Einsatz. Damit müssen die Messstellenbetreiber nicht warten, bis sie eine vollautomatisierte Schnittstelle verfügbar haben, sondern können Stammdaten, beispielsweise der Messlokation, darüber eintragen und dem GWA-System verfügbar machen. Bei einer kleineren Anzahl intelligenter Messsysteme sei das noch machbar, ist Hörhammer sicher.

Und wenn die Zahl der Einbaufälle steige, könne man die vollautomatisierte Schnittstelle auch später noch implementieren. Mit diesem Baustein eines Komplettpakets für die Umsetzung des Rollouts, dem Hörhammer und seine Kollegen das Etikett „Easy 10 %“ verpasst haben, hoffen sie den Nerv der Stadtwerke zu treffen.

Neben dem Schnittstellenproblem gibt es allerdings noch ein viel grundsätzlicheres Thema für die Messstellenbetreiber: Sie müssen überhaupt erst einmal Smart Meter Gateways und elektronische Zähler zur Verfügung haben, um ihrer Rollout-Verpflichtung nachzukommen.

„Wir gehen von etwa 8.000 Pflichteinbaufällen intelligenter Messsysteme aus“, rechnet Alexander Schneider vor. Demnach müsste GGEW bis Februar 2023 − sofern die Fristen infolge der anstehenden Markterklärung nicht neu festgelegt werden − rund 800 Geräte verbaut haben. Diese Zahl hält der Projektleiter beim südhessischen Versorger unter den aktuellen Gegebenheiten für ein sehr ambitioniertes Ziel. Ein Smart Meter Gateway hat GGEW 2021 verbaut. Eigentlich hätten es 100 sein sollen, mit denen ausgiebige Tests geplant waren. Im laufenden Jahr wollten die Bergsträßer dann den Pflichteinbau abarbeiten. Alexander Schneider verhehlt nicht seine Hoffnung, dass die gesetzlichen Fristen zum Pflicht-Rollout doch noch ausgedehnt werden. „Denn wer nichts hat, kann nichts verbauen. Da hilft es auch nicht, dass wir zertifizierte Gateway-Hersteller und eine Markterklärung haben.“

Bei den Stadtwerken Bad Kreuznach ist die Situation ähnlich. Die rund 240 intelligenten Messsysteme, die der grundzuständige Messstellenbetreiber als zehn-prozentigen Pflichtteil bis Februar des kommenden Jahres ins Feld bringen müsste, sind laut Christian Schneider unter den aktuellen Voraussetzungen ein ambitioniertes Ziel. „Aber es ist zu schaffen“, fügt er hinzu, „denn wir konnten uns über die Anwendergemeinschaft bereits einen Teil der Jahresmenge sichern.“ So ließen sich die Lieferverzögerungen am Markt abfedern.

Sowohl die Stadtwerke Bad Kreuznach als auch GGEW haben Voltaris mit der Gateway-Administration und der Beschaffung ihrer Smart Meter Gateways beauftragt und nehmen beispielsweise die Wareneingangsprüfung beziehungsweise das Qualitätsmanagement des Metering-Dienstleisters in Anspruch. Doch der weltweite Mangel an Chips, um die die Automobilindustrie, die Elektroindustrie und andere Hightech-Branchen konkurrieren, verursacht derzeit Lieferprobleme bei den Smart-Meter-Gateway-Herstellern und bringt damit den Rollout ins Stocken.

Diversifizierung und rollierende Beschaffung

Die Situation bei den eigenen Stadtwerkepartnern sei noch „auskömmlich“, hatte Voltaris-Geschäftsführer Karsten Vortanz Anfang März gesagt, aber schon damals gewarnt, dass trotz frühzeitiger Bestellungen mit langen Lieferzeiten und sogar Lieferausfällen zu rechnen sei. Zumal die weltpolitische Lage alles andere als zur Beruhigung des Chipmarktes beitrage. In der Ukraine wird beispielsweise das Edelgas Neon gewonnen, das für den Betrieb von Lasern in der Halbleiterproduktion notwendig ist.

Mit der Diversifizierung der Lieferanten und einer rollierenden Beschaffungsstrategie versucht Voltaris mit seinen Kunden die Klippen im Markt zu umschiffen. Denn am Ende sei nicht entscheidend, ob man von Hersteller A, B oder C die Geräte bekomme, sondern überhaupt beliefert werde.

Unter diesen Vorzeichen scheint ein Thema, das der Branche sehr unter den Nägeln brennt, in weite Ferne gerückt: das Steuern von Anlagen über das Smart Meter Gateway. „Mit dem CLS-Kanal (Controllable Local Systems; d. Red.) gibt es die Möglichkeit, über das Gateway zu steuern“, erläutert Marcus Hörhammer. Für die Steuerbox, die an den CLS-Kanal angeschlossen wird, fehlen allerdings noch Standards. In der Branche hoffe man, dass diese zügig geklärt werden, so der Voltaris-Bereichsleiter. Denn dringlich sei das Thema „Steuern“ nach wie vor, auch wenn der Chipmangel den Rollout intelligenter Messsysteme derzeit behindere. „Die meisten Unternehmen wollen ja mehr tun, als nur Messwerte übertragen“, sagt Hörhammer.

Alexander Schneider von GGEW steht dem Technologiewandel grundsätzlich positiv gegenüber und benötigt auch die Steuerfunktion. Aber so lange, bis Smart Meter Gateways in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen und die technischen Standards der Steuerbox definiert sind, nutze GGEW weiter die klassische Rundsteuerung für die zahlreichen Nachtspeicheröfen und Wärmepumpen im Netzgebiet.

Christian Schneider ist in der gleichen Situation. „Wir haben eine funktionierende Technik und kommen sehr gut mit der herkömmlichen Rundsteuerung zurecht“, betont der Gruppenleiter Metering von den Stadtwerken Bad Kreuznach. Und was mit der Rundsteuerung nicht möglich sei, könne man einfach mit einer Tarifschaltuhr machen. Trotzdem sei es wünschenswert, bald von der starren Rundsteuertechnik hin zu variablen, ergebnisorientierten Schalthandlungen mit der Steuerbox umzustellen − gerade im Hinblick auf den zunehmenden Ausbau der Photovoltaik und Ladeinfrastruktur. 
 

Die Beschaffung der Smart Meter Gateways − eine Großbaustelle

Der globale Chipmangel und die unsichere Situation der Weltwirtschaft hinterlassen Spuren bei den Herstellern der Smart Meter Gateways. Auf der anderen Seite benötigen die Messstellenbetreiber dringend die Geräte, um ihrer Rollout-Verpflichtung nachzukommen. Eine vertrackte Situation, zu der wir die vier vom BSI zertifizierten Hersteller befragt haben.

Ruwen Konzelmann, Head of Business Unit Smart Energy, Theben
„Wir konnten unsere Smart Meter Gateways bislang sehr überwiegend wie mit unseren Kunden und Partnern abgestimmt ausliefern. Grundsätzlich erleben wir derzeit eine große Instabilität in den verschiedenen Lieferketten, die außerdem mit extremen Preissprüngen einhergeht. Wir arbeiten bei Theben sehr aktiv daran, die Verfügbarkeit für unsere Kunden weiter sicherzustellen und investieren kontinuierlich in die Produktion und die weitere Beschaffung. Theben hat unter anderem in den letzten Monaten weitere Bauteile qualifiziert und die nötigen Anpassungen vorgenommen, um nicht mehr verfügbare Chips zu ersetzen beziehungsweise flexibler reagieren zu können.“
Ingo Schönberg, Vorstandsvorsitzender, PPC
„Zurzeit ist die Belieferung mit Bauteilen teilweise unplanbar geworden. Es gab wiederholt Engpässe bei einigen Bauteilen, die wir bisher durch Sourcing, Lagerbestände und hohe Flexibilität in der Fertigung abfedern konnten. Leider wird die systemkritische Bedeutung der Digitalisierung der Energiewende im Wettbewerb um die Belieferung mit Chips, unter anderem mit der Automobilindustrie, bisher nicht politisch unterstützt.“
Holger Graetz, Director Sales & Marketing, Sagemcom Dr. Neuhaus
„Die globale Bauteilkrise ist sicherlich eine Thematik, um die aktuell kein Hersteller herumkommt. Glücklicherweise sind wir von Sagemcom Dr. Neuhaus in einen internationalen Konzern eingebunden, dessen strategischer Einkauf auf eine sehr professionelle Art und Weise mit einer derartigen Herausforderung umzugehen weiß.“
Peter Heuell, Geschäftsführer, EMH Metering
„Unsere Produktion läuft. Wir arbeiten im Dreischichtbetrieb. In der Tat verläuft aber aktuell nicht alles nach Plan. Wir können nicht versprechen, dass jeder Kunde immer genau das Gerät erhält, welches er zum gewünschten Zeitpunkt möchte. Zum Glück lässt sich teilweise eine Gerätevariante durch eine andere ersetzen. Die größte Herausforderung ist die extrem schlechte Planbarkeit, weil wir von unseren Lieferanten teilweise keine festen Liefertermine und -mengen mehr erhalten oder manche Produkte sogar gar nicht geliefert werden. Dem begegnen wir mit schnellen Redesigns unserer Produkte und einer enormen Flexibilität in unserer Fertigung.“

 
 

Fritz Wilhelm
Stellvertretender Chefredakteur
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Dienstag, 03.05.2022, 09:45 Uhr

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