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Energie & Management > Inside EU Energie - Atempause für die Industrie
Quelle: Pixabay / NakNakNak / E&M
Inside EU Energie

Atempause für die Industrie

Unser Brüsseler Korrespondent Tom Weingärtner kommentiert in seiner Kolumne „Inside EU Energie“ energiepolitische Themen aus dem EU-Parlament, der EU-Kommission und den Verbänden.
Die Einlagerung von CO2 für den Klimaschutz ist nach wie vor umstritten, besonders wenn es um CO2 aus der Atmosphäre geht. Bislang spielen die Einlagerung (Carbon Capture and Storage, CCS) oder die Verwertung (Carbon Capture and Utilization, CCU) von CO2 nur eine marginale Rolle im Klimaschutz. Die Realität bleibt deutlich hinter den Erwartungen zurück. Das ist kein Wunder, denn bei Preisen weit jenseits von 100 Euro pro eingelagerter Tonne CO2 für CCS ist es allemal billiger, Kohlendioxid für 80 Euro einfach in die Luft zu pusten.

Andererseits ist gerade die deutsche Industrie mittelfristig darauf angewiesen, CO2 einzulagern, wenn Deutschland seine Klimaziele erreichen soll. Dabei ist zu unterscheiden, ob das CO2 im Rahmen eines industriellen Prozesses direkt abgeschieden oder ob es indirekt aus der Atmosphäre gewonnen und eingelagert wird: Carbon Dirext Revomal (CDR). Im ersten Fall braucht ein Unternehmen keine Zertifikate für das entstandene und eingelagerte CO2 einzureichen. Umgekehrt gibt es für CDR aber keine Gutschrift im Rahmen des ETS.

Das Bundeswissenschaftsministerium hat im Rahmen eines Kopernikus-Projektes untersuchen lassen, wie sich die Integration von CDR auf den Emissionshandel auswirken würde.
 
Tom Weingärtner
Quelle: E&M

Die Untersuchung geht davon aus, dass die Zahl der Zertifikate wie bislang geplant reduziert wird, der Bedarf aber größer sein dürfte, dadie Dekarbonisierung nicht so schnell voran kommt. Der Preis für den Ausstoß einer Tonne CO2 könnte unter diesen Umständen bis 2030 auf 350 und bis 2045 auf fast 800 Euro/Tonne steigen.

Wird das durch CDR entnommene CO2 mit der Ausgabe eines ETS-Zertifikates vergütet, würde der CO2-Preis nach Ansicht der Wissenschaftler deutlich sinken. Würden ab 2030 schrittweise 40 Millionen CDR-Zertifikate pro Jahr in das ETS integriert, wäre der CO2-Preis 2035 um 34 Prozent niedriger. Bei größeren Menge wäre der Effekt noch größer.

Die Integration der CDR in das ETS würde vor allem für die besonders betroffenen Branchen wie die chemische Industrie eine „Atempause“ bedeuten. Ihre Lobbyisten sind im Vorfeld der ETS-Reform besonders rührig unterwegs. Die Einbeziehung der CDR in das ETS könnte auf sie eine befriedende Wirkung ausübern und Teil eines Kompromisses sein, der alle Beteiligten zufrieden stellt.

Auf jeden Fall, heißt es in der Studie, müsse auf die Menge der Zertifikate aus CDR geachtet werden. Denn es gehe nicht darum, ein bestimmtes Preisniveau anzusteuern. Deswegen müsse die Menge auf jeden Fall begrenzt bleiben, damit der Preis nicht unter die Kosten der direkten CO2-Reduktion falle und CDR nicht mehr rentabel wäre.

Die Kosten für eine Tonne CDR veranschlagen die Autoren für den Zeitraum 2030-2040 auf 200 bis 300 Euro/Tonnen, für einzelne Technologien wären mittelfristig auch Kosten unter 100 Euro/Tonnen vorstellbar. Das Angebot könnte damit groß genug sein, um den ETS-Preis zu stabilisieren.Dafür müssten die CDR-Zertifikate in das ETS integriert werden. Dieser Anreiz könnte dadurch verstärkt werden, dass die Staaten CDR-Zertifikate gezielt aufkaufen und/oder eine zusätzliche Prämie zahlen. Die Einnahmen der EU-Staaten aus dem Emissionshandel sollten laut Studie in größerem Umfang als bisher eingesetzt werden, um die Dekarbonisierung zu subventionieren.

Auf jeden Fall müsse darauf geachtet werden, dass die CDR-Zertifikate, die auf den europäischen Markt kommen, von bester Qualität seien, heißt es in der Studie. Das heißt: Es muss sichergestellt sein, dass eine zertifizierte CO2-Reduzierung wirklich stattgefunden hat und dauerhaft ist.

Daran haben eine Reihe von Umweltverbänden Zweifel angemeldet. Sie werfen der Europäischen Kommission vor, sie wolle Technologien für CDR zulassen, die dafür nicht geeignet seien. Die NGO's sehen vor allem die Abscheidung biogener Treibhausgase und die Umwandlung von atmosphärischem CO2 in sogenannte Biokohle kritisch, weil sie keine dauerhafte Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre gewährleisteten.

Die Methoden der Kommission zur Überwachung und Quantifizierung entsprächen nicht den internationalen Normen und Standards heißt es in einem Antrag der NGO's nach der Konvention von Aarhus. Das untergrabe die Glaubwürdigkeit der europäischen Klimaziele. Der Plan der Kommission sehe vor, dass Tätigkeiten gefördert würden, „die die CO2-Emissionen tatsächlich erhöhen könnten, anstatt CO2 aus der Atmosphäre zu entnehmen“.

Das sei besonders fatal, da die Kommission gleichzeitig die Integration der CDR in das ETS prüfe, dessen Glaubwürdigkeit in diesem Fall ebenfalls beeinträchtigt würde. Die Zulassung der genannten Technologien werde „Investitionen von zuverlässigeren Methoden der CO2-Entnahme“ abziehen. Die Kommission muss über den Antrag bis Mitte November entscheiden und ihre Entscheidung auch begründen.

Donnerstag, 18.06.2026, 10:33 Uhr
Tom Weingärtner
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Atempause für die Industrie
Unser Brüsseler Korrespondent Tom Weingärtner kommentiert in seiner Kolumne „Inside EU Energie“ energiepolitische Themen aus dem EU-Parlament, der EU-Kommission und den Verbänden.
Die Einlagerung von CO2 für den Klimaschutz ist nach wie vor umstritten, besonders wenn es um CO2 aus der Atmosphäre geht. Bislang spielen die Einlagerung (Carbon Capture and Storage, CCS) oder die Verwertung (Carbon Capture and Utilization, CCU) von CO2 nur eine marginale Rolle im Klimaschutz. Die Realität bleibt deutlich hinter den Erwartungen zurück. Das ist kein Wunder, denn bei Preisen weit jenseits von 100 Euro pro eingelagerter Tonne CO2 für CCS ist es allemal billiger, Kohlendioxid für 80 Euro einfach in die Luft zu pusten.

Andererseits ist gerade die deutsche Industrie mittelfristig darauf angewiesen, CO2 einzulagern, wenn Deutschland seine Klimaziele erreichen soll. Dabei ist zu unterscheiden, ob das CO2 im Rahmen eines industriellen Prozesses direkt abgeschieden oder ob es indirekt aus der Atmosphäre gewonnen und eingelagert wird: Carbon Dirext Revomal (CDR). Im ersten Fall braucht ein Unternehmen keine Zertifikate für das entstandene und eingelagerte CO2 einzureichen. Umgekehrt gibt es für CDR aber keine Gutschrift im Rahmen des ETS.

Das Bundeswissenschaftsministerium hat im Rahmen eines Kopernikus-Projektes untersuchen lassen, wie sich die Integration von CDR auf den Emissionshandel auswirken würde.
 
Tom Weingärtner
Quelle: E&M

Die Untersuchung geht davon aus, dass die Zahl der Zertifikate wie bislang geplant reduziert wird, der Bedarf aber größer sein dürfte, dadie Dekarbonisierung nicht so schnell voran kommt. Der Preis für den Ausstoß einer Tonne CO2 könnte unter diesen Umständen bis 2030 auf 350 und bis 2045 auf fast 800 Euro/Tonne steigen.

Wird das durch CDR entnommene CO2 mit der Ausgabe eines ETS-Zertifikates vergütet, würde der CO2-Preis nach Ansicht der Wissenschaftler deutlich sinken. Würden ab 2030 schrittweise 40 Millionen CDR-Zertifikate pro Jahr in das ETS integriert, wäre der CO2-Preis 2035 um 34 Prozent niedriger. Bei größeren Menge wäre der Effekt noch größer.

Die Integration der CDR in das ETS würde vor allem für die besonders betroffenen Branchen wie die chemische Industrie eine „Atempause“ bedeuten. Ihre Lobbyisten sind im Vorfeld der ETS-Reform besonders rührig unterwegs. Die Einbeziehung der CDR in das ETS könnte auf sie eine befriedende Wirkung ausübern und Teil eines Kompromisses sein, der alle Beteiligten zufrieden stellt.

Auf jeden Fall, heißt es in der Studie, müsse auf die Menge der Zertifikate aus CDR geachtet werden. Denn es gehe nicht darum, ein bestimmtes Preisniveau anzusteuern. Deswegen müsse die Menge auf jeden Fall begrenzt bleiben, damit der Preis nicht unter die Kosten der direkten CO2-Reduktion falle und CDR nicht mehr rentabel wäre.

Die Kosten für eine Tonne CDR veranschlagen die Autoren für den Zeitraum 2030-2040 auf 200 bis 300 Euro/Tonnen, für einzelne Technologien wären mittelfristig auch Kosten unter 100 Euro/Tonnen vorstellbar. Das Angebot könnte damit groß genug sein, um den ETS-Preis zu stabilisieren.Dafür müssten die CDR-Zertifikate in das ETS integriert werden. Dieser Anreiz könnte dadurch verstärkt werden, dass die Staaten CDR-Zertifikate gezielt aufkaufen und/oder eine zusätzliche Prämie zahlen. Die Einnahmen der EU-Staaten aus dem Emissionshandel sollten laut Studie in größerem Umfang als bisher eingesetzt werden, um die Dekarbonisierung zu subventionieren.

Auf jeden Fall müsse darauf geachtet werden, dass die CDR-Zertifikate, die auf den europäischen Markt kommen, von bester Qualität seien, heißt es in der Studie. Das heißt: Es muss sichergestellt sein, dass eine zertifizierte CO2-Reduzierung wirklich stattgefunden hat und dauerhaft ist.

Daran haben eine Reihe von Umweltverbänden Zweifel angemeldet. Sie werfen der Europäischen Kommission vor, sie wolle Technologien für CDR zulassen, die dafür nicht geeignet seien. Die NGO's sehen vor allem die Abscheidung biogener Treibhausgase und die Umwandlung von atmosphärischem CO2 in sogenannte Biokohle kritisch, weil sie keine dauerhafte Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre gewährleisteten.

Die Methoden der Kommission zur Überwachung und Quantifizierung entsprächen nicht den internationalen Normen und Standards heißt es in einem Antrag der NGO's nach der Konvention von Aarhus. Das untergrabe die Glaubwürdigkeit der europäischen Klimaziele. Der Plan der Kommission sehe vor, dass Tätigkeiten gefördert würden, „die die CO2-Emissionen tatsächlich erhöhen könnten, anstatt CO2 aus der Atmosphäre zu entnehmen“.

Das sei besonders fatal, da die Kommission gleichzeitig die Integration der CDR in das ETS prüfe, dessen Glaubwürdigkeit in diesem Fall ebenfalls beeinträchtigt würde. Die Zulassung der genannten Technologien werde „Investitionen von zuverlässigeren Methoden der CO2-Entnahme“ abziehen. Die Kommission muss über den Antrag bis Mitte November entscheiden und ihre Entscheidung auch begründen.

Donnerstag, 18.06.2026, 10:33 Uhr
Tom Weingärtner

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