In Berlin Kreuzberg entsteht ein neues Stadtquartier. Dieses „Modellprojekt Rathausblock“ im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg umfasst das 4,7 Hektar große ehemalige Kasernengelände „Dragonerareal“ und umliegende Grundstücke. Die Energieversorgung für das Quartier soll künftig insbesondere auf der Nutzung von kalter Nahwärme beruhen, die Wärmequelle Abwärme soll so effizient wie möglich mit eingebunden werden.
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Das Dragonerareal aus der Vogelperspektive Quelle: Stern GmbH |
Aber wie sieht diese künftige Versorgung im Detail aus? Wo liegen die sinnvollsten Abwärmequellen? Welche Gebäude müssen zu welchem Zeitpunkt an ein Wärmenetz angeschlossen sein? Wie soll das Nahwärmenetz aufgebaut werden? Wer sind die wichtigsten Akteure? Passt auch Photovoltaik ins Konzept? Dies sind nur einige der Fragen, die vorab geklärt werden mussten, um eine qualifizierte Entscheidung über die spätere Versorgung mit Strom, Wärme und Wasser zu treffen.
Die Megawatt Ingenieurgesellschaft mbH erstellte dafür das energetische Quartierskonzept (EQK) im Auftrag des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg.
Es bildet die Basis für die Umsetzung, die die Berliner Stadtwerke nun angeht. „Energetische Quartierskonzepte sind als Anschlusskonzepte an eine kommunale Wärmeplanung sehr wichtig“, erklärt Maren Henniges, Geschäftsführerin von Megawatt, im Gespräch mit E&M. „Dabei ist es enorm wichtig, dass ein solches Konzept auch praxisrelevant ist.“
Das Förderprogramm KfW 432 unterstützt Kommunen seit 2011 bei der Erstellung energetischer Quartierskonzepte. Die Praxis zeigt jedoch, dass nicht jedes geförderte Konzept zur Umsetzung führt. Fehlende Zielklarheit, unzureichende Abstimmung und praxisferne Annahmen bremsen Projekte aus. Gelungene Beispiele wie das Modellprojekt in Berlin Kreuzberg zeigen, auf welche Punkte Kommunen und Städte besonders achten sollten.
Projektstruktur und Zieldefinition als GrundlageSolche Quartierskonzepte haben den „Vorteil, dass sie sehr offen definiert sind“, sagt Christian Lentz, Projektingenieur bei der Averdung Ingenieure & Berater GmbH. Denn ein Quartier müsse immer individuell betrachtet und das Konzept entsprechend erarbeitet werden. Aber jedes Quartier „muss ganzheitlich betrachtet werden“, so Lentz.
Dafür sei es wichtig, die nötigen Stakeholder einzubinden und Verantwortlichkeiten so früh wie möglich zu klären, einschließlich einer Person oder Einheit, die das Projekt kontinuierlich vorantreibt. Die Erfahrung aus der Praxis zeigt, so Lentz: „Es braucht einen interessierten Kreis, der die Ideen aus einem EQK auch umsetzen will.“
Dazu zählen nicht nur Kommunen, Stadtwerke und Wohnungswirtschaft. „Auch die Bevölkerung sollte frühzeitig die Möglichkeit erhalten, sich einzubringen“, ergänzt Henniges von Megawatt.
Bei dem Berliner Modellprojekt war die Besonderheit, dass dafür ein Zukunftsrat gegründet wurde. Dieser ist das zentrale Gremium, das die gemeinwohlorientierte Entwicklung des „Modellprojekts Rathausblock“ vorantreibt. Zu den Mitgliedern zählen neben Verantwortlichen aus dem Bezirksamt und der Senatsverwaltung Ansprechpartner der betroffenen Immobiliengesellschaften, aber auch Menschen, die dort wohnen und arbeiten. Es zeigte sich, dass dadurch eine hohe Akzeptanz erreicht werden konnte.
Auch wenn es bei vielen anderen Quartiersprojekten keinen solchen Rat gibt, sollte „es immer einen Kümmerer geben, der das Projekt treibt“, empfiehlt die Megawatt-Geschäftsführerin. Anfangs sei es zudem wichtig, klare Zielsetzungen zu definieren, unter anderem, um die richtigen Fördermittel beantragen zu können. „Unklare Zielsetzungen führen häufig zu Konzepten, die weder technisch noch wirtschaftlich tragfähig sind.“ Idealerweise ist am Anfang einer solchen Konzepterstellung bereits der „Zuschnitt des zu betrachtenden Quartiers“ geklärt, fügt Lentz hinzu.
Eigenfinanzierte Konzepte in HamburgIn Hamburg entstehen beispielsweise derzeit Quartierskonzepte ohne Mittel aus Bundesförderprogrammen. Die energetischen Quartierskonzepte hat hier Averdung in Kooperation mit der ZEBAU GmbH erstellt. Bezirksämter, Wohnungsunternehmen und öffentliche Einrichtungen treiben die Projekte gemeinsam voran, berichtet Lentz von Averdung. Die Finanzierung erfolgt über lokale Förderinstrumente und Eigenmittel der Wohnungswirtschaft.
Im Fokus steht eine klar definierte Zielsetzung: die Vorbereitung konkreter Sanierungsmaßnahmen und die Erneuerung der Wärmeversorgung. Das hohe Eigeninteresse der Beteiligten führt zu einer starken Umsetzungsorientierung. Die Konzepte liefern somit belastbare Entscheidungsgrundlagen für die nächsten Schritte.
Konzeptqualität und UmsetzungsbezugDie technische Ausgestaltung eines EQK sollte immer modular erfolgen, um Anpassungen im weiteren Projektverlauf zu ermöglichen, da das Konzept mit dem Quartier und somit mit dem Energiebedarf mitwachsen muss, erklären die beiden Experten. „Das Versorgungskonzept muss zu jedem Zeitpunkt funktionieren“, so Henniges.
Als Beispiel nennt die Geschäftsführerin den Ausbau der Abwasserwärme für das Berliner Modellprojekt. Die Anschlüsse der Häuser müssen zeitlich mit dem Aufbau der Wärmeversorgungsanlagen zusammenpassen. Gleichzeitig empfiehlt sich die frühzeitige Berücksichtigung der nächsten Planungsschritte, etwa im Hinblick auf Sanierungsmanagement und Förderzugang.
Ein EQK sollte daher so viele „kleine Schritte wie möglich mitdenken“, ergänzt Lentz. Heißt: Maßnahmen sollten möglichst Schritt für Schritt und nicht zu vage formuliert werden.
Dazu zählen etwa Vorüberlegungen zu Trassenführungen oder Flächenbedarfen. „Energieversorgung benötigt Platz. Auch dieser muss mitgedacht werden.“ Zudem empfiehlt der Projektingenieur, früh auf die Qualität der benötigten Daten zu achten. „Verbrauchsdaten von Versorgern oder Netzbetreibern sind essenziell wichtig, um das Konzept auf realen Daten erstellen zu können.“
Die Auswahl externer Dienstleister sollte sich an den spezifischen Anforderungen des Quartiers orientieren. In Gebieten mit einem hohen Anteil an Einfamilienhäusern steigt der Beratungsbedarf für einzelne Eigentümer. Verdichtete urbane Räume erfordern dagegen stärker eine technische Planungskompetenz. Zunehmend gewinnen auch Themen wie Mobilität und Klimafolgenanpassung an Gewicht. Diese interdisziplinären Anforderungen sprechen für die Beauftragung von Arbeitsgemeinschaften, die verschiedene Fachdisziplinen bündeln.
Die Beispiele zeigen, dass nicht allein die Förderung über den Erfolg entscheidet. Vielmehr bestimmt eine offene Kommunikation die Projektstruktur und eine klare Zielrichtung die Qualität der Ergebnisse. Das „Modellprojekt Rathausblock“ im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg befindet sich, nachdem das energetische Quartierskonzept 2021 beauftragt wurde, mittlerweile in der Umsetzung. Die Berliner Stadtwerke haben mit den Planungen und dem Bau der Energieversorgung begonnen − auf Grundlage des erstellten energetischen Quartierskonzepts.
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Maren Henniges Quelle: Berenika Oblonczyk |
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Christian Lentz Quelle: Daniel Bliefert |
Donnerstag, 4.06.2026, 09:36 Uhr
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