Kerstin Andreae ist BDEW-Chefin und „Energiemanagerin des Jahres 2025“. Was war bislang ihre größte Herausforderung und wie versteht sie sich mit Katherina Reiche? Ein Gespräch.
E&M: Frau Andreae, kürzlich nahmen Sie in Berlin den E&M-Preis ‚Energiemanagerin des Jahres‘ entgegen. Dabei wurde Ihnen auch eine Bronzeskulptur übergeben. Wo steht die denn?
Andreae: Die Skulptur steht hinter mir in meinem Berliner Büro. Sie ist ein sehr dekorativer, schöner Preis.
E&M: Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung?
Andreae: Der Preis hat mich sehr gefreut, aber ich sehe ihn als Auszeichnung für den gesamten BDEW. Der Preis ist für mich ein Ansporn, die Interessen der Branche weiterhin mit Nachdruck zu vertreten und den Dialog zwischen Wirtschaft und Politik konstruktiv zu gestalten.
E&M: Sie stehen seit 2019 an der Spitze des größten deutschen Energieverbands. Was war das Herausforderndste in diesen Jahren?
Andreae: Die größte Herausforderung war eindeutig der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine. Die Zäsur im Februar 2022 hat die Energieversorgung von Grund auf verändert. Innerhalb weniger Monate mussten wir Gaslieferketten umstellen, neue Infrastrukturen schaffen, Preisbremsen organisieren und gleichzeitig die Versorgung sichern. Das war ein enormer Kraftakt. Ich bin unglaublich stolz darauf, wie der Energiesektor geholfen hat, diese Energiekrise zu managen. Vielen ist nicht klar gewesen, wie nah wir teilweise am Abgrund gestanden haben.
E&M: Es drängt sich der Eindruck auf, dass dadurch die fossilen Energieträger wieder an Gewicht gewonnen haben.
Andreae: Ich würde behaupten, das Gegenteil ist der Fall. Allerdings hat sich die Perspektive verschoben: weg vom ausschließlichen Fokus auf Klimaschutz hin zu Energiesicherheit und Unabhängigkeit. Das ist kein Widerspruch – im Gegenteil. Die Energiewende ist der Schlüssel, um energiepolitisch auf eigenen Beinen zu stehen. Europa muss das gemeinsam denken, beispielsweise mit Wind aus Dänemark und Sonne aus Spanien − das sind Bausteine einer europäischen Energiesouveränität.
E&M: Seit Mai haben wir eine neue Bundeswirtschaftsministerin, Katherina Reiche von der CDU. Sie haben ein grünes Parteibuch und waren für die Grünen im Bundestag. Wie ist das Verhältnis zu Frau Reiche?
Andreae: Wir verstehen uns sehr gut. Wir kennen uns seit vielen Jahren − aus der Politik und aus der Branche. Sie war Hauptgeschäftsführerin des VKU und später bei Westenergie. Uns eint, dass wir Versorgungssicherheit und Kosteneffizienz gemeinsam mit Klimaschutz betrachten. Nur wenn dieses energiewirtschaftliche Dreieck in Balance bleibt, behält die Energiewende gesellschaftliche Akzeptanz. Ich halte es für richtig, dass sie mit einem Monitoringbericht zunächst eine Bestandsaufnahme macht, bevor neue Gesetze folgen. Ich hätte diese Reihenfolge auch gewählt.
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Kerstin Andreae Quelle: BDEW / ThomasTrutschel |
E&M: Sie haben es angesprochen: Ministerin Reiche hat nach der Vorlage des Monitoringberichts einen Zehn-Punkte-Plan zur Energiewende vorgelegt. Dort will sie vor allem mehr Effizienz und Markt. Geht der Ansatz der Ministerin in die richtige Richtung?
Andreae: Ja, das tut er. Die Betonung der Effizienz war überfällig. In den letzten Legislaturen wurde zu wenig darauf geachtet.
E&M: Daraus lässt sich der Umkehrschluss ziehen, dass die Vorgängerregierung hier etwas versäumt hat.
Andreae: Ja. Aber ebenso die vorvorherige Regierung. Ein Beispiel: die Entscheidung für teure Erdkabel statt Freileitungen. Das war politisch bequem, aber volkswirtschaftlich ineffizient. Das hatte damals auch viel mit starken Ministerpräsidenten, vor allem in Bayern und Niedersachsen, zu tun.
E&M: Wie sind Sie aus energiewirtschaftlicher Sicht mit dem Start der schwarz-roten Regierung zufrieden?
Andreae: Im Grundsatz bin ich zufrieden. Es gibt wichtige Initiativen: die Umsetzung der EU-Erneuerbaren-Richtlinie, das Geothermie-Beschleunigungsgesetz, das Wasserstoff-Beschleunigungsgesetz – all das sind richtige Schritte. Auch die Entlastungen bei Stromsteuer und Netzentgelten sind sinnvoll.
E&M: Wo hakt es?
Andreae: Es geht zu langsam und bei vielen Themen besteht dringender Handlungsbedarf. Beispielsweise rund um die Wärmeversorgung. Die Kommunen wissen nicht, wie es weitergeht. Was passiert mit dem Gebäudeenergiegesetz? Wie geht es weiter mit den Gasnetzen?
E&M: Es gibt eine Debatte über die Versorgungssicherheit in Deutschland. Viele Akteure bezweifeln, dass die geplanten Gaskraftwerke rechtzeitig fertig werden. Droht Deutschland ab 2030 eine Versorgungslücke?
Andreae: Der Bericht zur Versorgungssicherheit Strom der Bundesnetzagentur vom September hat sehr klar gezeigt: Je nach Szenario brauchen wir zwischen 22 und 35 Gigawatt an neuer Leistung. Die Untergrenze ist damit gesetzt. Entscheidend ist nun, dass wir endlich anfangen zu bauen. Und wir werden alles brauchen: Kraftwerke, Speicher, Flexibilitäten, Demand Side Management. Die Diskussion, ob am Ende 22, 30 oder noch mehr Gigawatt richtig sind, ist müßig − wichtig ist, dass wir handeln.
E&M: Die geplanten Kraftwerke sollen auch Wasserstoff-ready sein. Allerdings kommt der Hochlauf des grünen Wasserstoffmarktes kaum voran. Potenziellen Abnehmern ist er viel zu teuer. Was ist die Lösung?
Wir brauchen auch MoleküleAndreae: Wir brauchen Moleküle auch in Form von Wasserstoff, denn die All Electric Society wird nicht kommen. Ein Teil des Wasserstoffs wird in Deutschland produziert, ein größerer Teil importiert. Aber es stimmt: Die derzeitige Regulatorik macht Wasserstoff zu teuer. Wir müssen sie vereinfachen − auf europäischer wie auf nationaler Ebene. Differenzverträge, kurz CfD, für Wasserstoff sind in meinen Augen das richtige Instrument, um den Markthochlauf anzuschieben. Und wir brauchen seitens der Bundesregierung mehr Unterstützung, die Industrie rund um Wasserstoff, die Elektrolyseure sind auch wirtschaftspolitisch von großer Bedeutung.
E&M: Eine andere große Herausforderung ist die Wärmewende. Gefragt sind vor allem die Kommunen. Sind die mit dem Thema nicht überfordert? Wie kann der BDEW hier helfen?
Andreae: Die Kommunen haben erstaunlich viel geleistet. Wir haben eine Analyse gemacht, die zeigt, dass nahezu alle Kommunen, 98 Prozent, mit mehr als 45.000 Einwohnern mit der Wärmeplanung begonnen oder diese bereits abgeschlossen haben. Im nächsten Schritt müssen diese Pläne umgesetzt werden. Dazu braucht es verlässliche Rahmenbedingungen, einfache Förderprogramme und Klarheit über die Rolle der Gasnetze.
E&M: Wie kann das aussehen?
Andreae: Aus unserer Sicht sollte man am Ziel für 65 Prozent erneuerbare Wärme festhalten, damit können die Menschen was anfangen. Aber es stimmt auch: Das aktuelle Gebäudeenergiegesetz ist zu kompliziert. Wir fordern, es zu entschlacken und praxistauglicher zu machen. Viele warten derzeit ab, weil unklar ist, wie es weitergeht. Hier brauchen wir eine Klärung, eine schnelle Klärung.
E&M: Ein anderes Thema ist der NEST-Prozess. Die Bundesnetzagentur will darin die Kosten- und Erlösstruktur der Netzbetreiber neu regeln – zulasten der Branche, klagen die Unternehmen. Ist der BDEW zufrieden mit der Gestaltung des NEST-Prozesses?
Andreae: Der Start des Prozesses war gut: offen, transparent, mit frühzeitiger Beteiligung. Aber irgendwann gab es einen Bruch. Viele Festlegungsentwürfe wurden einzeln veröffentlicht und die Gesamtschau ging verloren. Zudem kamen wir und die Bundesnetzagentur zu unterschiedlichen Einschätzungen über einige Vorschläge und Maßnahmen. Da hätten wir mehr Austausch über die tatsächliche Wirkung gebraucht.
E&M: Bei der Preisverleihung ‚Energiemanagerin des Jahres‘ nannten Sie unter anderem den Bürokratieabbau als entscheidend, um schneller bei der Energiewende voranzukommen. Wie muss das in der Praxis aussehen?
Andreae: Die Bürokratiebelastung in der Energiewirtschaft ist enorm. Viele Informationspflichten sind schlicht überflüssig. Ein Problem ist, dass die Politik versucht, mit den vielen Regeln Einzelfallgerechtigkeit herzustellen, das kenne ich selbst aus meiner Zeit als Parlamentarierin. Das schafft unglaublich viel Bürokratie. Ich würde hier mehr Pragmatismus begrüßen.
E&M: Was braucht es noch?
Andreae: Hilfreich wäre eine zentrale Abfragestelle für die bereitgestellten Daten der Unternehmen. Einmal melden, mehrfach nutzen − das wäre effizient. Wer Daten haben will, holt sie sich in der Cloud − das Statistische Bundesamt, die Landesbehörden, welche Institutionen auch immer. Aktuell müssen wir viele Adressaten immer wieder einzeln bedienen.
E&M: Zum Abschluss: Glauben Sie, dass wir ab dem Jahr 2045 − wie gesetzlich verankert − in Deutschland klimaneutral leben und wirtschaften?
Andreae: Es geht nicht ums Glauben, sondern ums Tun. Entscheidend ist, dass wir die richtigen Schritte gehen mit den Erneuerbaren im Zentrum. Ich halte nichts von Zieldebatten, die lähmen. Energiewende heißt auch nicht ‚Immer-wieder-Wende‘. Der Konsens über unser zukünftiges Energiesystem sollte eine Legislaturperiode überdauern. Wir als BDEW können da sehr viel beitragen, denn wir haben ein sehr klares Bild, wie wir das Ziel erreichen können.
Kerstin Andreae, geboren am 21. Oktober 1968 in Schramberg im Schwarzwald, studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität Freiburg. Ihre berufliche Laufbahn begann sie im Projektmanagement und im Bereich der erneuerbaren Energien. 2002 wurde sie für Bündnis 90/Die Grünen in den Deutschen Bundestag gewählt. Seit 2019 ist Andreae Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).
Mittwoch, 10.12.2025, 08:47 Uhr
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