Sigenergy ist ein Hersteller von Batteriespeichern mit Sitz in Shanghai und hat E&M dorthin eingeladen − auch um Misstrauen gegenüber chinesischer Technik abzubauen.
Deutschland ist von Batteriespeichern aus China abhängig − eine Dominanz, die hierzulande Kritiker auf den Plan ruft. Anbieter Sigenergy aus Shanghai kommt den Bedenken entgegen, um in Deutschland weiter Marktanteile gewinnen zu können. Dazu zählen offene Schnittstellen, damit auch Energieversorger und Stadtwerke Speicher und Wechselrichter steuern können. Firmengründer Tony Xu bringt zudem eine Fertigung in Europa ins Spiel.
Shanghai ist eine der modernsten Städte der Welt − zum Beispiel, was den CO2-freundlichen Verkehr betrifft. Auf den Straßen der 25-Millionen-Stadt sind vor allem Elektroautos unterwegs. Davon hat sich E&M im November 2025 bei einem Besuch überzeugt. Sieben von zehn Fahrzeugen sind per Daumen abgezählt batterieelektrische Fahrzeuge, und zwar aus chinesischer Produktion. Die meisten Marken sind schwer zu identifizieren, wenn man keine Schriftzeichen lesen kann. Unter den verbleibenden Verbrennerfahrzeugen prägen deutsche Hersteller das Bild.
Dass in China die Elektromobilität so prominent unterwegs ist, liegt auch an einem anderen Wirtschaftszweig: Einige der größten Batterieproduzenten stammen aus der größten Volkswirtschaft Asiens − wie die Contemporary Amperex Technology (CATL) und Eve Energy.
Batteriezellen von CATL und EveBatteriezellen von CATL und Eve bilden auch die Basis der Energiespeicher von Sigenergy, der als Produzent von Wechselrichtern und Speichersystemen in Deutschland auf Wachstumskurs ist. Um die Produktion vor Ort zu zeigen, hat das Unternehmen Journalisten und Wirtschaftsvertreter nach Shanghai eingeladen.
Am Rand der von Hochhäusern dominierten Metropole hat Sigenergy 2023 die erste Produktionsstätte in Betrieb genommen. Auf zwei Etagen und mehreren Linien montieren und prüfen Frauen und Männer in blauen Arbeitsanzügen Wechselrichter und Speicher. Für Besucher ist Schutzkleidung Pflicht, eine Kamera nicht erlaubt.
Ein Vorarbeiter zeigt die einzelnen Schritte des Speicherbaus. Los geht es mit den Batteriezellen auf Lithium-Eisenphosphat-Basis, ummantelt von blauen quadratischen Boxen, die Sigenergy einzeln per Computer prüft. Erfüllen sie nicht die technischen Parameter und beträgt die Spannung weniger als 3,2 Volt, gehen die Komponenten zurück an die Hersteller, erklärt er.
Als Nächstes präsentiert er schwarze Isolierpads. Sie enthalten ein Aerogel, das Hitze absorbieren soll. Sie werden zwischen die einzelnen Zellen − sechs oder neun, je nach gewünschter Leistung − in eine weiße Batteriebox gepackt. Dann wird geschweißt, und zwar per Laser, um die Batterien mit der Verteilerschiene zu verbinden. Der Vorgang bei 700 Grad Celsius braucht knapp zwei Minuten. Das konkrete Verfahren habe das Unternehmen selbst entwickelt, berichtet der Sigenergy-Mitarbeiter. Alles wirkt sauber und technologisch professionell.
Schließlich ergänzen die Fachkräfte die Box um weitere Sicherheitsfeatures: Isolationsmatten zur inneren Verkleidung, ein interner Feuerlöscher, der etwaig austretende brennbare Gase neutralisiert, sowie ein Ventil, das Überdruck aus den Boxen nach außen leiten kann. Dann fehlt noch die Abdeckung und die Batteriebox mit einer Kapazität von mindestens 5 kWh ist einsatzbereit. Die Einheiten können gestapelt und miteinander verbunden werden und ergeben so modular bis zu 50 kWh.
Zusammen mit Wechselrichter, Ladeanschluss für E-Autos und dem Energiemanagementsystem entsteht aus den Batterie-Packs ein sogenannter Sigenstor, das Vorzeigeprodukt des Unternehmens. Besonders stolz ist Sigenergy auf Steuerung und KI. „Das Batteriemanagementsystem zum Beispiel misst die Ladezustände der einzelnen Batteriemodule und kann jedes individuell be- und entladen“, sagt Sven Albersmeier, der den Vertrieb bei Sigenergy für Deutschland, Österreich und die Schweiz leitet.
Cybersicherheit: Unternehmen öffnet Protokolle Doch was, wenn Kunden ihre PV- und Speichersysteme ohne Internet betreiben wollen? Oder Sorge vor Hackern haben? Gerade was in China gefertigte Wechselrichter betrifft, zeigen sich Bedenken in der Branche − etwa beim Europäischen Solarproduzentenverband ESMC. 70 Prozent der an das europäische Stromnetz angeschlossenen Photovoltaikwechselrichter ließen sich fernsteuern und seien somit „potenzielle Ziele für Manipulationen“, erklärte er unlängst in einer Stellungnahme.
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Tony Xu ist Gründer und Geschäftsführer von Sigenergy Quelle: Oliver Ristau |
„Wir nehmen diese Sorgen in Europa sehr ernst“, sagt Sigenergy-Geschäftsführer Tony Xu. Erste Maßnahme: Der gesamte Datenverkehr der Anlagen in Deutschland läuft über ein Amazon-Rechenzentrum (AWS) in Frankfurt/Main. Der Betrieb eines Cloud-Datenzentrums in Deutschland ist laut Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering IESE „grundsätzlich positiv, da damit der europäische Rechtsrahmen gilt“.
Das allein reicht noch nicht, wie Xu weiß. Deshalb biete das Unternehmen an, Speicher und Wechselrichter vollständig offline zu betreiben, auch wenn dann nicht 100 Prozent des Funktionsumfangs zur Verfügung stehen.
Ein weiterer Punkt, um europäische Bedenken zu zerstreuen, ist die Option, die Protokolle für Dritte zu öffnen. Das heißt, dass hiesige Energieversorger, Stadtwerke oder Energiedienstleister die Steuerung von Speichern und Wechselrichtern mit einem eigenen Energiemanagementsystem (EMS) übernehmen können. Eine solche Öffnung ist aber bisher die absolute Ausnahme. Laut der deutschen Open-Source-Plattform Open EMS weist nur eine niedrige einstellige Prozentzahl an PV-Anlagen in Europa offene Schnittstellen aus. Top-Hersteller wie etwa Huawei lassen Dritte ohne das eigene EMS bisher nicht an ihre Produkte.
Dabei wären sie positiv für die Cybersicherheit, wie auch Sadeeb Ottenburger, Leiter der Abteilung „Resiliente und Smarte Infrastruktursysteme“ (RESIS) am KIT-Institut für Thermische Energietechnik und Sicherheit, sagt: „Offene Schnittstellen sind im Rahmen des Machbaren ein goldener Mittelweg.“ Setze man allein auf den Offline-Betrieb, würde das den Ausbau der Energiewende verzögern und damit die Resilienz des Energiesystems schwächen. Mit solchen Schnittstellen müssten PV-Produkte aus China auch nicht mehr unter Generalverdacht gestellt werden, so der Experte.
Sigenergy-Chef Xu − selbst mehr als 20 Jahre für Huawei tätig − hat noch mehr vor: „Wir wollen in Europa nicht nur Produkte verkaufen, sondern auch investieren“, kündigt er an. Vorstellbar sei eine eigene Produktionsstätte auf dem Kontinent. Sigenergy stehe in Kontakt mit Regierungen in der EU.
Gegen eine Produktion in Europa hätte Marco Lanza wohl nichts einzuwenden. Denn der CEO und Geschäftsführer des Schweizer Installationsbetriebs Solexus setzt die Produkte von Sigenergy gerne ein. „Die stapelbaren Speicher lassen sich schnell installieren“, sagt er. „Das spart Arbeitszeit und hilft, wenn Fachkräfte knapp sind und teuer − insbesondere in der Schweiz.“ Lanza lobt außerdem die App, mit der er auch Tausende Kilometer entfernt die Anlagen in der Schweiz im Blick hat. Und natürlich den Preis.
„Nichts, was wir in Deutschland nicht auch können“Solarteur Daniel Fetzer aus Erbach in Baden-Württemberg hat mit einem Sigenergy-Gewerbespeicher für das eigene Unternehmen positive Erfahrungen gemacht. Der Speicher habe sich „ohne Kran und Fundamente“ aufbauen lassen − „einfach nur durch Stapeln“. Das mache es möglich, kaskadierbare Systeme bis 500 kWh zusammenzustellen. „Das ist für das Reihenhaus ebenso geeignet wie für mittelgroße Unternehmen.“
Gut findet er auch, dass der Anbieter alles aus einer Hand liefere und man nicht Systeme verschiedener Hersteller miteinander kombinieren müsse. „Das ist zeitraubend und technologisch teils wenig kompatibel.“ Punkten konnte Sigenergy speziell mit dem neu aufgelegten Angebot für bidirektionales Laden. „Das ist für unsere Kunden ein spannendes Feature“, sagt Fetzer. Dabei übernimmt das Energiemanagement im Sigenstor die Einbindung der E-Autobatterie als Speicher für das Haus.
Auch wenn der Unternehmer die Produktreihe lobt. „Technologisch sehe ich nichts, das wir in Deutschland nicht auch entwickeln könnten“, sagt er.
Weil es aber kaum wettbewerbsfähige europäische Anbieter gibt, machen vor allem Unternehmen aus China das Geschäft. Doch immerhin könnten hiesige Marktteilnehmer mit Systemen wie von Sigenergy künftig eigene EMS-Geschäftsmodelle aufbauen.
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In der Fabrik von Sigenergy werden Wechselrichter produziert Quelle: Oliver Ristau |
Dienstag, 10.02.2026, 09:02 Uhr
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