110-kV-Hochspannungskabel. Quelle: Katia Meyer-Tien
Die Bundesregierung will bei neuen Gleichstromleitungen wieder Freileitungen bevorzugen. Netzbetreiber und Industrie bewerten den Vorstoß unterschiedlich.
Mit der geplanten Novelle des Bundesbedarfsplangesetzes (BBPlG) will die Bundesregierung den Vorrang für Erdkabel bei neuen Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitungen (HGÜ) aufgeben. Künftig sollen Freileitungen grundsätzlich die Regel sein. Nach Angaben der Bundesregierung soll der Schritt den Ausbau des Übertragungsnetzes beschleunigen und die Kosten begrenzen.
Von der geplanten Gesetzesänderung wären ausschließlich neue Vorhaben betroffen. Dazu zählen unter anderem die Projekte DC42 (SuedWestLink), DC42plus sowie AlpLink in Richtung Schweiz. Bereits genehmigte oder im Bau befindliche Leitungen sollen unverändert als Erdkabel umgesetzt werden.
Übertragungsnetzbetreiber unterstützen Freileitungen
Die Übertragungsnetzbetreiber bewerten den Gesetzentwurf überwiegend positiv. Nach Angaben von 50 Hertz, Tennet Deutschland und Transnet BW lassen sich Freileitungen günstiger errichten und schneller realisieren. Die Unternehmen erwarten deshalb keine Verzögerungen durch den Kurswechsel.
Kritisch sehen sie allerdings die vorgesehenen Ausnahmen, nach denen einzelne Abschnitte weiterhin als Erdkabel gebaut werden könnten. Aus ihrer Sicht würden solche Mischlösungen zusätzliche Prüfungen und längere Genehmigungsverfahren nach sich ziehen.
Auch Amprion lehnt wechselnde Freileitungs- und Erdkabelabschnitte ab. Einen generellen Vorrang für eine Technologie unterstützt Amprion jedoch nicht. Das Unternehmen plädiert stattdessen für projektbezogene Entscheidungen unter Berücksichtigung von Kosten, technischen Anforderungen und der Akzeptanz vor Ort.
Kabelhersteller fürchten um Produktionsstandorte
Die Kabelhersteller sehen den geplanten Kurswechsel dagegen kritisch. Nach Angaben von NKT und Prysmian könnte eine Rückkehr zu Freileitungen neue Konflikte entlang der Trassen auslösen und dadurch Genehmigungen verzögern.
Beide Unternehmen verweisen auf eine Analyse von Frontier Economics. Demnach könnten sich Projekte um vier bis sieben Jahre verzögern. Prysmian verweist darauf, dass dadurch zusätzliche Redispatch-Kosten von etwa 200 bis 400 Millionen Euro je Verzögerungsjahr entstehen könnten, die letztlich von den Netznutzern getragen würden.
Die Hersteller räumen ein, dass Freileitungen bei den Investitionskosten Vorteile haben. Aus ihrer Sicht müsse jedoch die gesamte Lebensdauer der Anlagen betrachtet werden. Nach Angaben von NKT und Prysmian gehörten dazu auch Netzverluste, Finanzierungskosten sowie die höhere Widerstandsfähigkeit von Erdkabeln gegenüber Extremwetter oder Sabotage.
Hinter der Debatte stehen auch industriepolitische Interessen. Die Kabelhersteller haben nach eigenen Angaben in den vergangenen Jahren Milliarden Euro in Produktionskapazitäten für HGÜ-Erdkabel investiert. Ein erneuter Strategiewechsel erschwere langfristige Investitionsentscheidungen und beeinträchtige die Planungssicherheit.
Auf der anderen Seite wächst der politische Druck, die Kosten des Netzausbaus zu begrenzen. Die Bundesnetzagentur sieht weiterhin einen hohen Ausbaubedarf im Übertragungsnetz. Gleichzeitig steigen die Netzentgelte. In diesem Jahr unterstützt der Bund die Übertragungsnetzentgelte mit 6,5 Milliarden Euro. Mit der Entscheidung des Bundestags über die BBPlG-Novelle, voraussichtlich im Herbst, wird festgelegt, welche Bauweise künftige Stromautobahnen überwiegend erhalten. (sh)
Einen ausführlichen Beitrag zur Diskussion um Freileitungen und Erdkabel lesen Sie in der Print-Ausgabe von Energie & Management, die zum 1. August erscheint.
Mittwoch, 29.07.2026, 10:58 Uhr
Susanne Harmsen
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