E&M exklusiv Newsletter:
E&M gratis testen:
Energie & Management > Veranstaltung - Systemstabilität braucht klare Prioritäten
BMWE-Staatssekretär Frank Wetzel beim 2. Kongress der Roadmap Systemstabilität. Quelle: Susanne Harmsen
Veranstaltung

Systemstabilität braucht klare Prioritäten

Auf der zweiten Konferenz zur Roadmap Systemstabilität Strom in Berlin diskutierten Politik, Netzbetreiber und Verbände über Versorgungssicherheit in der Energiewende.
Die Systemstabilität des deutschen Stromnetzes steht vor neuen Herausforderungen. Neben der zunehmenden Zahl dezentraler und volatiler Erzeuger rücken auch Sabotage und Cyberangriffe stärker in den Fokus. Auf der zweiten Konferenz zur „Roadmap Systemstabilität“ am 15. September in Berlin diskutierten Vertreter aus Politik, Regulierung, Netzbetrieb und Energiewirtschaft über notwendige Maßnahmen und deren Priorisierung.

Frank Wetzel, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium (BMWE), verwies in seinem Grußwort auf mehrere Störungen des Stromsystems in den vergangenen Monaten. Brandanschläge in Berlin sowie die kürzliche Sabotage von Stromleitungen in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen hätten die Verwundbarkeit der Energieinfrastruktur gezeigt. Das Energiesystem müsse deshalb sowohl gegen physische Angriffe, etwa mit Drohnen, als auch gegen Cyberangriffe kontinuierlich geschützt werden. Der Gesetzgeber werde dafür in den kommenden Monaten neue Maßnahmen auf den Weg bringen, kündigte Wetzel an.

In der anschließenden Podiumsdiskussion vertrat Christian Schmidt, Abteilungsleiter Strom im BMWE, das Ministerium. Die Systemstabilität werde nicht nur durch äußere Einflüsse wie Sabotageakte belastet, sagte Schmidt. Auch die Energiewende stelle das Stromsystem vor neue Anforderungen, da künftig viele dezentrale und volatile Erzeugungsanlagen koordiniert werden müssten. „Deshalb ist dieser Prozess der Roadmap uns so wichtig“, betonte Schmidt.

Gridforming ist Aufgabe vieler

Hendrik Neumann, Chief Technology Officer (CTO) des Übertragungsnetzbetreibers (ÜNB) Amprion, verwies auf technische Vorkehrungen im deutschen Stromsystem. Deutschland verfüge über zusätzliche Blindleistungsbereitstellung auf Seiten der ÜNB und weitere, die vertraglich abgesichert sei. Einen großflächigen Stromausfall wie in Spanien im April dieses Jahres halte er deshalb in Deutschland für sehr unwahrscheinlich. In Spanien sei die Netzformung zu einem großen Teil über Umrichter erfolgt. „Das hat offenbar nicht ausgereicht“, sagte Neumann.

Für die weitere Stabilisierung des Stromsystems sieht Neumann unter anderem Fortschritte beim Gridforming als notwendig an. Dabei können Anlagen das Verhalten eines Stromnetzes aktiv unterstützen, indem sie netzbildende Eigenschaften bereitstellen. Gleichzeitig müssten Batterien und andere Anlagen stärker zur Bereitstellung von Momentanreserve beitragen, um fossile Kraftwerke zu ersetzen.

Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur, bezeichnete Netzstabilität und Systemresilienz als miteinander verbundene Grundlagen einer sicheren Stromversorgung. Die Behörde unterstütze Maßnahmen zur Gestaltung der Resilienz und zur Abwehr von Anschlägen, sagte Müller. Dabei müsse zugleich sichergestellt werden, dass die dafür notwendigen Maßnahmen für die beteiligten Unternehmen wirtschaftlich umsetzbar blieben.
 
Podium (v.li.): CTO Amprion Hendrik Neumann, Heike Kerber (VDE FNN), Präsident der Bundesnetzagentur Klaus Müller, Abteilungsleiter Strom BMWE Christian Schmidt, BDEW-Hauptgeschäftsführerin Kerstin Andreae und Moderatorin
Quelle: Susanne Harmsen

Die Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) Kerstin Andreae sprach sich dafür aus, das hohe Niveau der Versorgungssicherheit in Deutschland zu erhalten. Die wachsende Zahl von Erzeugungs- und Verbrauchsanlagen stelle die Betreiber vor erhebliche Koordinationsaufgaben. „Es wird herausfordernd, die wachsende Zahl von Erzeugern und Verbrauchern in 880 Verteilnetzen zu koordinieren“, sagte Andreae.

Politik und Regulierung müssten die Dynamik der Energiewende mit verlässlichen und langfristig tragfähigen Rahmenbedingungen verbinden. Andreae warnte zugleich davor, Investitionen in Netze und Erzeugungsanlagen nicht ausreichend abzusichern.

Heike Kerber, Geschäftsführerin des Forums Netztechnik/Netzbetrieb im Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (VDE FNN), verwies auf die Bedeutung einer vorausschauenden Vorbereitung. Der VDE FNN entwickelt technische Regeln für den sicheren und zuverlässigen Betrieb der Stromnetze. Die Roadmap ermögliche eine breitere Beteiligung als die rein ingenieurstechnische Perspektive des Fachgremiums, sagte Kerber.

Kritik an der EU

Maßnahmen zur Krisenvorsorge seien allerdings häufig wenig sichtbar, weil ihr Nutzen erst im Störungsfall deutlich werde. Gerade deshalb müsse die Vorbereitung frühzeitig erfolgen. Kerber kritisierte das Vorgehen der Europäischen Kommission bei energiepolitischen Entscheidungen. Teilweise wurden Entscheidungen zu lange aufgeschoben und anschließend Fristen verkürzt, um die Umsetzung zu beschleunigen.

Dies erschwere aus ihrer Sicht eine qualitativ ausreichende Umsetzung von Maßnahmen in den europäischen Netzen. Auch die Refinanzierung der erforderlichen Maßnahmen sei weiterhin offen. (sh)

Dienstag, 15.09.2026, 16:39 Uhr
Susanne Harmsen
Energie & Management > Veranstaltung - Systemstabilität braucht klare Prioritäten
BMWE-Staatssekretär Frank Wetzel beim 2. Kongress der Roadmap Systemstabilität. Quelle: Susanne Harmsen
Veranstaltung
Systemstabilität braucht klare Prioritäten
Auf der zweiten Konferenz zur Roadmap Systemstabilität Strom in Berlin diskutierten Politik, Netzbetreiber und Verbände über Versorgungssicherheit in der Energiewende.
Die Systemstabilität des deutschen Stromnetzes steht vor neuen Herausforderungen. Neben der zunehmenden Zahl dezentraler und volatiler Erzeuger rücken auch Sabotage und Cyberangriffe stärker in den Fokus. Auf der zweiten Konferenz zur „Roadmap Systemstabilität“ am 15. September in Berlin diskutierten Vertreter aus Politik, Regulierung, Netzbetrieb und Energiewirtschaft über notwendige Maßnahmen und deren Priorisierung.

Frank Wetzel, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium (BMWE), verwies in seinem Grußwort auf mehrere Störungen des Stromsystems in den vergangenen Monaten. Brandanschläge in Berlin sowie die kürzliche Sabotage von Stromleitungen in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen hätten die Verwundbarkeit der Energieinfrastruktur gezeigt. Das Energiesystem müsse deshalb sowohl gegen physische Angriffe, etwa mit Drohnen, als auch gegen Cyberangriffe kontinuierlich geschützt werden. Der Gesetzgeber werde dafür in den kommenden Monaten neue Maßnahmen auf den Weg bringen, kündigte Wetzel an.

In der anschließenden Podiumsdiskussion vertrat Christian Schmidt, Abteilungsleiter Strom im BMWE, das Ministerium. Die Systemstabilität werde nicht nur durch äußere Einflüsse wie Sabotageakte belastet, sagte Schmidt. Auch die Energiewende stelle das Stromsystem vor neue Anforderungen, da künftig viele dezentrale und volatile Erzeugungsanlagen koordiniert werden müssten. „Deshalb ist dieser Prozess der Roadmap uns so wichtig“, betonte Schmidt.

Gridforming ist Aufgabe vieler

Hendrik Neumann, Chief Technology Officer (CTO) des Übertragungsnetzbetreibers (ÜNB) Amprion, verwies auf technische Vorkehrungen im deutschen Stromsystem. Deutschland verfüge über zusätzliche Blindleistungsbereitstellung auf Seiten der ÜNB und weitere, die vertraglich abgesichert sei. Einen großflächigen Stromausfall wie in Spanien im April dieses Jahres halte er deshalb in Deutschland für sehr unwahrscheinlich. In Spanien sei die Netzformung zu einem großen Teil über Umrichter erfolgt. „Das hat offenbar nicht ausgereicht“, sagte Neumann.

Für die weitere Stabilisierung des Stromsystems sieht Neumann unter anderem Fortschritte beim Gridforming als notwendig an. Dabei können Anlagen das Verhalten eines Stromnetzes aktiv unterstützen, indem sie netzbildende Eigenschaften bereitstellen. Gleichzeitig müssten Batterien und andere Anlagen stärker zur Bereitstellung von Momentanreserve beitragen, um fossile Kraftwerke zu ersetzen.

Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur, bezeichnete Netzstabilität und Systemresilienz als miteinander verbundene Grundlagen einer sicheren Stromversorgung. Die Behörde unterstütze Maßnahmen zur Gestaltung der Resilienz und zur Abwehr von Anschlägen, sagte Müller. Dabei müsse zugleich sichergestellt werden, dass die dafür notwendigen Maßnahmen für die beteiligten Unternehmen wirtschaftlich umsetzbar blieben.
 
Podium (v.li.): CTO Amprion Hendrik Neumann, Heike Kerber (VDE FNN), Präsident der Bundesnetzagentur Klaus Müller, Abteilungsleiter Strom BMWE Christian Schmidt, BDEW-Hauptgeschäftsführerin Kerstin Andreae und Moderatorin
Quelle: Susanne Harmsen

Die Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) Kerstin Andreae sprach sich dafür aus, das hohe Niveau der Versorgungssicherheit in Deutschland zu erhalten. Die wachsende Zahl von Erzeugungs- und Verbrauchsanlagen stelle die Betreiber vor erhebliche Koordinationsaufgaben. „Es wird herausfordernd, die wachsende Zahl von Erzeugern und Verbrauchern in 880 Verteilnetzen zu koordinieren“, sagte Andreae.

Politik und Regulierung müssten die Dynamik der Energiewende mit verlässlichen und langfristig tragfähigen Rahmenbedingungen verbinden. Andreae warnte zugleich davor, Investitionen in Netze und Erzeugungsanlagen nicht ausreichend abzusichern.

Heike Kerber, Geschäftsführerin des Forums Netztechnik/Netzbetrieb im Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (VDE FNN), verwies auf die Bedeutung einer vorausschauenden Vorbereitung. Der VDE FNN entwickelt technische Regeln für den sicheren und zuverlässigen Betrieb der Stromnetze. Die Roadmap ermögliche eine breitere Beteiligung als die rein ingenieurstechnische Perspektive des Fachgremiums, sagte Kerber.

Kritik an der EU

Maßnahmen zur Krisenvorsorge seien allerdings häufig wenig sichtbar, weil ihr Nutzen erst im Störungsfall deutlich werde. Gerade deshalb müsse die Vorbereitung frühzeitig erfolgen. Kerber kritisierte das Vorgehen der Europäischen Kommission bei energiepolitischen Entscheidungen. Teilweise wurden Entscheidungen zu lange aufgeschoben und anschließend Fristen verkürzt, um die Umsetzung zu beschleunigen.

Dies erschwere aus ihrer Sicht eine qualitativ ausreichende Umsetzung von Maßnahmen in den europäischen Netzen. Auch die Refinanzierung der erforderlichen Maßnahmen sei weiterhin offen. (sh)

Dienstag, 15.09.2026, 16:39 Uhr
Susanne Harmsen

Haben Sie Interesse an Content oder Mehrfachzugängen für Ihr Unternehmen?

Sprechen Sie uns an, wenn Sie Fragen zur Nutzung von E&M-Inhalten oder den verschiedenen Abonnement-Paketen haben.
Das E&M-Vertriebsteam freut sich unter Tel. 08152 / 93 11-77 oder unter vertrieb@energie-und-management.de über Ihre Anfrage.