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Enerige & Management > Aus Der Aktuellen Printausgabe - "Wir Deutschen waren hier zu arrogant und besserwisserisch"
Quelle: E&M
AUS DER AKTUELLEN PRINTAUSGABE:
"Wir Deutschen waren hier zu arrogant und besserwisserisch"
Ben Schlemmermeier ist Geschäftsführer der LBD-Beratungsgesellschaft. Seine Einschätzung zur aktuellen Energiekrise und zum LBD-Start-up Caeli Wind.
 
E&M: Herr Schlemmermeier, mehr oder weniger die ganze deutsche etablierte Energiebranche hat sich auf die Liefertreue der Russen in Sachen Erdgas verlassen. War die Branche zu blauäugig?

Schlemmermeier: Jedenfalls war die Vorstellung, wir brauchen das Gas und die Russen unser Geld, zu kurz gedacht. Wir hatten nicht vor Augen, dass die Russen als Marktbeherrscher in der Lage sind, durch Verknappung der Menge den Preis so sehr zu treiben, dass sie trotzdem die gleichen Einnahmen realisieren können oder sogar noch mehr. Wir dachten, es gebe ein Gleichgewicht der Interessenlagen. Da haben wir uns sehr getäuscht.

E&M: Was hätte man anders machen müssen?

Schlemmermeier: Wir hätten uns diversifizieren müssen. Ein Problem war seinerzeit das Verhalten der Gasimporteure Ruhrgas und Wintershall, die gegen eine Diversifizierung der Erdgasversorgung mit LNG (Flüssigerdgas, d. Red.) waren, weil das wiederum ihrer Marktposition geschadet hätte. Und jetzt haben wir den Treppenwitz, dass genau deren Nachfolgegesellschaften − Uniper und Gazprom Germania − vom Staat gerettet werden mussten.

E&M: Ein interessanter Aspekt. Hatten die Lobbyisten zu viel Einfluss?

Schlemmermeier: Früher sicherlich mehr als heute. Aber die Energiewirtschaft ist sehr komplex, von daher brauchen wir die Mitwirkung der Unternehmen, auch weil die Ministerialbürokratie nicht alles allein bewältigen kann. Es ist ein Geben und Nehmen.

E&M: Russland deckte bis zum Sommer rund 55 Prozent des deutschen Gasverbrauchs. Es bestand eindeutig ein Klumpenrisiko, warum hat das im Vorfeld niemand angesprochen?

Schlemmermeier: Klar, das widerspricht jeder Risikomanagement-Standardrichtlinie. Ein Counterparty Risk wird typischerweise limitiert, wenn weniger als zehn Prozent bei einem Lieferanten liegen. Das wurde ignoriert. Die Gasimporteure waren lange in ihrer eigenen Welt unterwegs. Die Polen und die Balten haben dieses Risiko erkannt, entsprechend gehandelt und sich unabhängig gemacht. Wir Deutschen waren hier zu arrogant und besserwisserisch. Wir dachten, wir sind so groß und stark und haben das mit den Russen im Griff.

E&M: Die Bundesregierung hat nach dem Rückgang und dann kompletten Stopp der russischen Gaslieferungen mit ihrer Gasbeschaffungsstrategie die Preise in ungeahnte Höhen getrieben. War das Handeln der Regierung richtig?

Schlemmermeier: Ja, das war richtig. Wir haben auf dem Energiemarkt − anders als auf dem Kapitalmarkt − keine Europäische Zentralbank, die bei Störungen eingreifen kann. Insofern musste die Bundesregierung einspringen.

E&M: Es gab sicher auch etwas, das die Regierung falsch gemacht hat.

Schlemmermeier: Zu kaufen, auf Teufel komm raus, egal um welchen Preis, ohne ordnungspolitische Leitplanken zu setzen, das ist nicht richtig gewesen. Und das ist auch heute nicht richtig.

Eine Preisobergrenze ist jetzt das Maß der Dinge

E&M: Sie und Ihre LBD-Kollegen sprechen sich für eine Preisobergrenze für Erdgas aus. Wie soll die aussehen?

Schlemmermeier: Eine Preisobergrenze ist jetzt das Maß der Dinge im Erdgasmarkt. Das ist das Allerwichtigste. Aktuell bekämpft die Regierung nicht die Ursachen, sondern die Symptome am Gasmarkt. Das heißt, sie verteilt Schecks an die Leute, damit sie das aushalten. Wir schütten 200 Milliarden Euro an Subventionen an die Konsumenten aus, das ist absoluter Irrsinn. Am Gaspreis selbst tut die Regierung nichts. Es handelt sich dabei um einen riesigen Umverteilungsprozess hin zu den Gasproduzenten − zu sehen an den Einnahmen des norwegischen Staatsfonds, die sich vervielfacht haben. Mit 200 Milliarden Euro könnten wir hierzulande rund 150.000 Megawatt Windkraft oder auch eine Million Kilometer Radwege bauen. Dieses Geld exportieren wir stattdessen nach Norwegen, nach Aserbaidschan, in Länder, die LNG liefern.

E&M: Wie würden Sie es machen?

Schlemmermeier: Wir bei LBD schlagen einen Gaspreisdeckel für europäisches Pipelinegas von 30 Euro pro Megawattstunde und für LNG von um die 60 Euro pro Megawattstunde vor. Das wäre der Preis, um einen Fuel Switch im Kraftwerksbereich von Kohle auf Gas zu vermeiden. Als Zweites bräuchten wir einen europäischen Single Buyer, der zentral den Erdgaseinkauf steuert. Man wird so schnell keine Behörde aufbauen können, aber man könnte eine Organisation beauftragen, die über einen Handelsraum verfügt.

E&M: Wenn der Preis als Mechanismus zur Mengenverteilung ausfällt, weil alle den gleichen zahlen, wie wollen Sie die knappen Gasmengen verteilen?

Schlemmermeier: Es müssen alle einen Beitrag leisten und am besten setzt man den benötigten Gasbezug der Unternehmen in ein entsprechendes Verhältnis. Es kann auch eine Mischung aus Pönalien und Abschalten sein. Um eine Mengensteuerung zu organisieren, brauche ich keinen Gaspreis von 300 Euro pro Megawattstunde. Wir brauchen keine Verzehnfachung der Gaspreise, eine Verdopplung oder auch Verdreifachung sind Anreiz zum Sparen genug. Deshalb auch der Gaspreisdeckel.

E&M: Der grüne Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hat kurz entschlossen mehrere schwimmende LNG-Terminals gechartert, um Deutschland an den weltweiten LNG-Markt anzubinden. Ist das Aktionismus oder vorausschauende Politik?

Schlemmermeier: Das ist die absolut richtige Maßnahme gewesen. Das hätte man schon vor Jahren machen müssen. Die Planung hat es ja gegeben. Deswegen ist dort jetzt auch ein Warmstart möglich, weil die Standorte untersucht waren.

"Wir brauchen ein Äquivalent zu Hartz im Umweltrecht"

E&M: Die Bundesregierung sagt, wir müssen uns aus dieser Energiekrise selbst befreien, indem wir in Erneuerbare investieren und uns unabhängiger machen von Exporten. Ist sie konsequent genug mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien?

Schlemmermeier: Das Oster- wie Sommerpaket waren ein erster Schritt, der aber nicht weit genug geht. Was wir brauchen, ist ein Äquivalent zur Hartz-Reform des Sozialstaates auf Ebene der Umweltgesetzgebung: einen tiefen, tiefen, tiefen Einschnitt. Klimaschutz muss Vorrang vor Naturschutz bekommen. Die Genehmigungsverfahren müssen viel schneller werden. Wir müssen viel mehr Eingriffe in Raum und Natur zulassen, ohne im Einzelfall alles zu analysieren. Es sollte möglich sein, pauschalisiert Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen einzuführen.

E&M: Sie haben als LBD mit dem Start-up Caeli Wind einen Marktplatz für Windkraftflächen gegründet. Merken Sie angesichts der aktuellen Krise ein Anziehen der Geschäfte?

Schlemmermeier: Wir haben, als wir die Idee geboren und vor einem Jahr damit angefangen haben, nicht damit gerechnet, dass das Feedback so positiv ist.

E&M: Wie kommen Sie an die Flächen, die auf der Plattform für Windkraftanlagen angeboten / verauktioniert werden?

Schlemmermeier: Wir stellen fest, dass wir bei den Flächeneigentümern − aktuell in der Regel Forstwirte und Landwirte − auf ein Vakuum im Markt gestoßen sind. Denn: Der Markt ist völlig intransparent. Der eine kriegt dieses Pachtentgelt fürs Grundstück, der andere jenes. Wir wissen andererseits, auf was ein Projektentwickler bei der Auswahl der Flächen und bei der Bestimmung des Gestattungsentgelts achtet. Durch unsere Standortanalyse schaffen wir vor allem Transparenz.

E&M: Wie geht es dann weiter?

Schlemmermeier: Wenn der Standort geeignet scheint, dann bringen wir ihn auf unseren Marktplatz. Dort suchen wir einen Projektentwickler, der seine Ressourcen einsetzt, um das Ganze ordentlich zu entwickeln, und ein faires, marktgerechtes Entgelt zahlt. Das ist unsere Aufgabe und dafür sind die Flächeneigentümer dankbar.

E&M: Wie knüpft Caeli die Kontakte zu den Flächenbesitzern?

Schlemmermeier: Wir haben unser Netzwerk genutzt, und viel lief über Mundpropaganda. Förster kennen Förster, Landwirte Landwirte. Wir sind jetzt bei über 2.500 Megawatt an knapp 70 Standorten, auch wenn sich im Laufe der weiteren Prüfung nicht alle als machbar erweisen werden.

E&M: Sprechen Sie auch Flächenbesitzer direkt an, die noch nichts von ihrem Glück wissen, die Sie aber glücklich machen könnten?

Schlemmermeier: Das machen wir nicht bisher. Wir müssen auch sehen, ob das so effizient ist. Wir kommen aktuell über die Zusammenarbeit mit Verbänden, die Teilnahme an Veranstaltungen und über Netzwerke an potenzielle Standorte.

"Echter Game Change bei den Behörden"

E&M: Hierzulande wird viel über Behördenhemmnisse beim Ausbau der erneuerbaren Energien gesprochen. Sie bewerten bei Caeli Wind mögliche Windstandorte auch nach rechtlichen Aspekten. Stellen Sie eine Besserung fest?

Schlemmermeier: Ja, es gibt einen echten Game Change bei den Behörden. Vor allem bei den politisch bestimmten Behördenleitern wie Landräten, Regierungspräsidenten und Bürgermeistern hat sich seit Februar und dem Kriegsbeginn dramatisch etwas verändert. Die wollen beschleunigen und Projekte genehmigen. Allerdings haben wir die Situation, dass den Mitarbeitern auf Arbeitsebene, die die Genehmigung erteilen, oftmals die Erfahrung fehlt, wie man dies rechtssicher bewerkstelligt. Sie waren und wurden jahrelang auf Verhindern gepolt. Jetzt stehen sie vor der Aufgabe, genau das Gegenteil zu tun.

E&M: Letzte Frage: Wann kommt es aus Ihrer Sicht zu einer Normalisierung in Sachen Energie in Deutschland und Europa?

Schlemmermeier: Auf der Gasseite glaube ich, im Herbst 2023.

E&M: So schnell. Warum?

Schlemmermeier: Das LNG wird seinen Beitrag leisten, und wir werden sicherlich beim Gaspreis Eingriffe sehen.

E&M: Und bei Strom?

Schlemmermeier: Beim Strom sind die Probleme größer. Der Sanierungsfall der französischen Kernenergie ist ein nachhaltiger Abwärtstrend, der nur mit Ersatzkapazitäten gelöst werden kann. Der Kapazitätsmangel im europäischen Strommarkt wird uns dauerhaft beschäftigen. 
 
Ben Schlemmermeier
Quelle: LBD / Daniel Hofer

 
 

Stefan Sagmeister
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