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Enerige & Management > Gaskraftwerke - Wie vermarktet man ein Gaskraftwerk bei diesen Preisen?
Küstenkraftwerk in Kiel (2019), Quelle: Carsten Bernot Luftbildservice Bernot
GASKRAFTWERKE:
Wie vermarktet man ein Gaskraftwerk bei diesen Preisen?
Das neue Kieler Gaskraftwerk kann binnen Minuten hochfahren. Die Vermarktung läuft alle 15 Minuten. Was das für die Steuerung bedeutet, erklärt Markus Rieß von den Beratern von Forrs.
 
E&M: Herr Rieß, das zwei Jahre alte, gasbefeuerte Küstenkraftwerk der Stadtwerke Kiel kann in weniger als fünf Minuten auf seine 191 kW elektrisch und 200 kW thermisch hochfahren. Das alte Steinkohle-Gemeinschaftskraftwerk hätte dazu mindestens vier Stunden gebraucht. Forrs Partners hat das Stadtwerk bei der Vermarktung beraten. Was musste sich ändern?

Markus Rieß: Die alten Stromvermarktungs-Prozesse bestanden darin, dass man ein paar Mal am Tag handelt, in Excel irgendwie Orders platziert zum Handelspartner, nicht einmal direkt am Markt. Die Herausforderung war, jetzt 24/7 im 15-Minuten-Takt gemäß den Marktpreisen zu kaufen und zu verkaufen, um die Flexibilität auszunutzen und den bestmöglichen Profit zu erwirtschaften.

Die besondere Wettersituation an der Kieler Förde ergibt teilweise eine Abkühlung um mehrere Grad innerhalb von wenigen Minuten. Da kann dann der Heizbedarf schnell 10 Prozent, 15 Prozent hoch gehen. Die Komplettvermarktungs-Software dazu haben wir gebaut und vermarkten sie jetzt gemeinsam. Die Stadtwerke Kiel hatten die Idee. EWE benutzt die Software in Bremen ebenso seit über einem Jahr.

E&M: Was ist der Unterschied beispielsweise zur Intraday-Handelssoftware ITA von Procom?

Rieß: ITA ist ein Teil dieser Software-Landschaft. Sie ist das Interface (die Schnittstelle, d. Red.) zum Vermarkter, nämlich zur MVV Trading. Die reine Optimierungs-Software Bofit von Procom ist auch dabei. Wir haben den ganzen in 15 Minuten getakteten Workflow eingerichtet. Wir sammeln jeweils die Daten revisionssicher ein. Darüber mit Excel überhaupt nachzudenken, wäre aussichtslos.

E&M: RWE bietet seinen Easy Commodity Trader (ECT) auch anderen Unternehmen an, die am Energiehandel teilnehmen.

Rieß: Große Energieversorger bieten Dienstleistungen an, beispielsweise die Vermarktung einer gesamten Anlage oder eines Portfolios als Service zu übernehmen. Das ist sicher eine Variante, wenn man die Systeme und Prozesse zur Vermarktung selbst nicht haben will. Stadtwerke oder Versorger, die den Vermarktungsprozess selbst inhouse bewirtschaften wollen, in Erwartung besserer oder transparenterer Profite, benötigen eine entsprechende Software und Prozesslandschaft dafür.

E&M: Wie geht man als Betreiber eines solchen großen Gaskraftwerkes mit den gestiegenen Beschaffungskosten von Gas um?

Rieß: Wenn der Einkaufspreis den Verkaufspreis des Stroms um gigantische Mengen übersteigt, sagt die Software: Schalten wir ab! Auf der anderen Seite steigen auch die Strompreise. Wenn Sie die Software nicht haben − solche Kunden haben wir auch −, haben Sie ein großes Problem, weil sich im Prinzip die beiden zufälligen Variablen Strom- und Gaspreis bewegen. Die haben eine gewisse Korrelation, aber Ihnen fehlt ein System, um sie zu messen. Sie haben nur Excel und vielleicht auch ein paar gute Ideen, aber keinerlei Kontrolle.
 
Markus Rieß ist Geschäftsführer bei der Unternehmensberatung Forrs Partners
Quelle: Forrs Partners

E&M: Bei Kraftwerken mit Wärmeauskopplung wie in Kiel kommt der stabile Wärmeverkaufspreis, aber auch eine unelastische und spontane Wärmenachfrage hinzu, besonders in Kiel, wie Sie sagten.

Rieß: Die Optimierung wird dann komplex − ein starker Beweis dafür, dass mehr in Richtung solcher Lösungen gehen muss, und zwar schnell. Für die Digitalisierung von Prozessen gibt es sogar einen politischen Auftrag: Herr Habeck (Bundeswirtschaftsminister, d. Red.) sagt, dass wir schneller werden müssen bei der Energiewende. Leute, die nicht mitgemacht haben, rufen bei uns an und fragen: "Könnt ihr unseren Beratungsauftrag ad hoc verdoppeln oder von eineinhalb Leuten auf drei bis vier Leute gehen? Ad hoc, weil wir keine Tools haben, weil wir einen Junior (Consultant, d. Red.) brauchen, der konstant die Märkte beobachtet. Könnt ihr da schnell was bauen, damit wir die Forecasts (Prognosen, d. Red.) nicht mehr wie bisher einmal in der Woche anpassen, sondern stündlich?" Wenn dann das Problem existenziell ist, dann gehen wir das an, klar. Aber wir können auch nicht beliebig Berater duplizieren, die so etwas können. Ich glaube, das werden jetzt viele lernen, das einfach in Software zu packen und damit die Wertschöpfung zu digitalisieren. Die Preisvolatilität wird solche Investments lostreten. Das ist letztlich das, wovon Herr Habeck mehr braucht.

E&M: Inwieweit hat der Ukrainekrieg den Digitalisierungsbedarf beschleunigt?

Rieß: Das macht den Nachholbedarf, die Wertschöpfung in Software zu bringen, nochmal eklatanter, weil man jetzt hohe Risiken stetig betrachten muss. Fukushima war seit elf Jahren ein langsames Ziehen des Steckers für die Atomkraft. Aber wenn jetzt jemand beschließt, kein Gas durch die Pipelines zu schieben, stehen von heute auf morgen enorme Energiemengen nicht mehr zur Verfügung. Was passiert dann mit den Preisen?
 

Georg Eble
Redakteur
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Mittwoch, 29.06.2022, 14:41 Uhr

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