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Quelle: Fotolia / YuI
ÖSTERREICH:
Gaswirtschaft zwischen Krisenbewältigung und Zukunftsperspektiven
Um die derzeitigen Herausforderungen für die Gasversorgung sowie um Unklarheiten bei der Nutzung von Wasserstoff und Biomethan ging es beim „Zukunftsforum Gas 2022“ in Wien.
 
Zwischen kurzfristiger Krisenbewältigung und langfristigen Perspektiven bewegten sich die Debatten auf dem „Zukunftsforum Gas 2022“ des Fachverbands Gas Wärme (FGW) am 21. Juni in Wien. Für den FGW, die gesetzliche Vertretung der österreichischen Gasbranche, war das Forum zugleich eine Jubiläumsveranstaltung: Der Verband wurde 1947 gegründet und verfügte damals über ein Büro, dessen Ausstattung aus einem Tisch, einem Stuhl, einer Abziehmaschine zum Vervielfältigen von Schriftstücken und einem Telefon bestand, berichtete Obmann Peter Weinelt, der stellvertretende Generaldirektor der Wiener Stadtwerke: „Der Verband hat es immer geschafft, mit der Zeit zu gehen, und das muss uns auch weiter gelingen. Die Devise lautet: Nicht jammern, weitermachen.“

Hinsichtlich der Bewältigung der derzeitigen Herausforderungen bei der Gasversorgung bekräftigte Jürgen Schneider, der zuständige Sektionsleiter im Energieministerium (BMK), ein Gasembargo der EU gegenüber Russland komme für Österreich nicht in Frage: „Das würde uns wesentlich mehr schädigen als Russland, das ja geschädigt werden soll.“ Für den Fall einer Lieferunterbrechung „aus welchen Gründen auch immer“ habe Österreich Notfallpläne. Klar sei aber, dass es in einer solchen Situation zu „exorbitanten Gaspreisen“ käme, die die im Dezember 2021 verzeichneten Spitzenwerte von über 200 Euro/MWh deutlich überträfen.

Mit der Einschränkung des Verbrauchs von Großunternehmen wäre die Bundesregierung laut Schneider zumindest in der ersten Zeit nach dem Lieferausfall „sehr zurückhaltend“. Aber eine vollständige Unterbrechung der Gasimporte aus Russland hätte „jedenfalls katastrophale Auswirkungen“. Von der Redaktion auf Gerüchte angesprochen, dass die EU-Kommission weiter an einem Embargo arbeitet, konstatierte Schneider: „Ich hoffe, der Kommission ist klar, dass sie damit nicht durchkommt.“

Debatten um Kohleverstromung

Beim Zukunftsforum nahm Verbund-Generaldirektor Michael Strugl zu den Plänen der Regierung Stellung, das Kraftwerk Mellach I wieder auf den Kohlebetrieb rückzurüsten. Ihm zufolge dauern die nötigen technischen Adaptionen Monate. Das seinerzeitige Betriebspersonal ist in Pension, die benötigte Steinkohle steht erst im Frühjahr 2023 zur Verfügung. Für den kommenden Winter bringt die Rückrüstung Strugl zufolge somit nichts. Ferner könne der Verbund Mellach nur auf einer einwandfreien rechtlichen Basis adaptieren. Diese aber bestehe zurzeit nicht, stellte Strugl klar.

An der Möglichkeit, diese Rechtsgrundlage zu schaffen, äußerten Vertreter der Gaswirtschaft beim Smalltalk am Rande des „Zukunftsforums“ indes erhebliche Zweifel. Gegenüber der Redaktion hieß es, aller Wahrscheinlichkeit nach benötige die Regierung aus Konservativen (Österreichische Volkspartei, ÖVP) und Grünen für eine entsprechende Änderung des Gaswirtschaftsgesetzes oder des Energielenkungsgesetzes eine Zweidrittelmehrheit, die sich kaum erreichen lasse. Den oppositionellen Sozialdemokraten nahestehende Gaswirtschaftsvertreter bestätigten der Redaktion, ihre Partei habe massive Vorbehalte gegen die Rückrüstung: Es handle sich um einen Schnellschuss, dessen energiewirtschaftliche sowie energiepolitische Auswirkungen unabsehbar seien.

Mehrere Gaswirtschaftler berichteten der Redaktion, die „Mellach-Aktion“ der Regierung habe so manche Gaskundinnen und -kunden verunsichert. Diese zweifelten am Narrativ der Koalition, die Lage weitgehend im Griff zu haben. Stattdessen mache sich die Sorge breit, im kommenden Winter die eigenen vier Wände nicht mehr beheizen zu können.

Wasserstoff: Ja, aber

Auch beim Thema Wasserstoff sind Zukunftsaussichten unklar. Wie berichtet, hatte die Bundesregierung am 2. Juni die „Wasserstoffstrategie für Österreich“ präsentiert. Doch es bleiben viele Fragen offen, kritisierte der Geschäftsführer des Gas-Fernleitungsbetreibers Gas Connect Austria (GCA), Stefan Wagenhofer: „Wir möchten Wasserstoff in unseren Leitungen transportieren, dürfen das aber aus rechtlichen Gründen nicht. Wir würden gerne unsere Leitungen wasserstofftauglich machen, haben aber wegen der regulatorischen Vorgaben keine Investitionssicherheit.“ Ferner sei es den Gasversorgern nicht mehr gestattet, langfristige Lieferverträge abzuschließen. Damit aber entfalle für die Gasnetzbetreiber die wirtschaftliche Basis für den Neubau von Pipelines – auch solchen für den Transport von Wasserstoff.

Optimistischer äußerte sich Manfred Pachernegg, der Geschäftsführer der Energienetze Steiermark. Seiner Ansicht nach verfolgt die Wasserstoffstrategie grundsätzlich „den richtigen Ansatz. Sie bekennt sich zu Wasserstoff als Energieträger der Zukunft“. Die große Frage sei allerdings, wie viel Wasserstoff in Österreich selbst erzeugt werden kann.

Unklarheiten bestehen weiter hinsichtlich der Perspektiven für Biomethan. Auch für dessen Einsatz fehle eine Reihe rechtlicher sowie regulatorischer Rahmenbedingungen, bemängelten Branchenvertreter.
 

Klaus Fischer
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Mittwoch, 22.06.2022, 08:41 Uhr

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