• Vollere Gasspeicher dämpfen Preisanstieg
  • Bundesnetzagentur: Gasnotlage kann vermieden werden
  • 20 neue Busse für Dresden geliefert
  • Chemieunternehmen Evonik ersetzt Erdgas zu 40 Prozent
  • Versorger wollen Lithium abbauen
  • Verlust bei Siemens Energy steigt
  • Pfalzwerke AG sammelt 60 Mio. Euro ein
  • Teil 6: Offene Fragen, die der Lösung harren
  • Stadtwerke Witten beschließen Energiesparpaket
  • EnBW baut neuen Großladepark
Enerige & Management > E-World - Fernwärmebranche sorgt sich um Liquidität
Quelle: Fotolia / Detlef
E-WORLD:
Fernwärmebranche sorgt sich um Liquidität
Die Fernwärmeversorger sorgen sich angesichts steigender Gaspreise um ihre Liquidität. Von der Bundesregierung erwartet ihr Verband eine größere Unterstützung.
 
Am Tag vor der offiziellen Eröffnung der Leitmesse E-World haben Vertreter der Fernwärme-Infrastruktur auf ihre Probleme durch die rasant gestiegenen Gaspreise hingewiesen. „Wir machen uns als Branche Sorgen“, sagte John Miller, stellvertretender Geschäftsführer des Energieeffizienzverbands für Wärme, Kälte und KWK (AGFW), beim „Führungstreffen Energie“ des Süddeutschen Verlags am Messeort Essen.

Im Wärmemarkt sei es nicht möglich, so Miller, höhere Preise unmittelbar an die Kundschaft weiterzugeben. Dies erfolge meist erst nach Monaten oder einem Jahr. „Die Liquidität der Versorger spielt auch eine Rolle“, mahnte Miller und forderte eine bessere Berücksichtigung der Brancheninteressen durch die Bundespolitik. Öffentliche KWK-Anlagen sollten etwa durch das Ersatzkraftwerke-Bereitstellungsgesetz nicht zusätzlich belastet, sondern davon ausgenommen werden.

Beim Fachgespräch erläuterte Technikvorstand Hansjörg Roll die ambitionierte Dekarbonisierungsstrategie der MVV Energie AG, immerhin drittgrößter Fernwärmeversorger in Deutschland. Am Stammsitz Mannheim sei es das Ziel, die Fernwärmeversorgung im Zeitraum von 2019 bis 2029 komplett klimaneutral zu gewährleisten. Zu Beginn dieser Dekade war MVV im Kraft-Wärme-Bereich mit 100-prozentigem Kohleeinsatz gestartet. Jetzt sei die Umstellung auf Erneuerbare bereits zu 65 % erfolgt. Allerdings werde die Arbeit nun kleinteiliger, weil es in der zweitgrößten Stadt Baden-Württembergs noch etwa 27.000 private Öl- und Gasheizungen umzustellen gelte – alles individuelle Entscheidungen mit Beratungsbedarf.

Thermische Abfallverwertung und Großwärmepumpen statt Gas

Grundsätzlich stehe MVV vor der Herausforderung, so Roll, im Gebäudesektor binnen zehn Jahren die gleiche Umstellungsquote noch einmal zu schaffen, wofür die Stadt zuvor drei Jahrzehnte gebraucht habe. Den Energieträger Gas werde MVV „überspringen“, stattdessen auf thermische Abfallverwertung, Altholzkraftwerke, Großwärmepumplösungen mit Wasser aus dem Rhein und Geothermie setzen. Auch über CO2-Einsparungen werde das Unternehmen die Klimaziele erreichen.

Das Vertriebsgeschäft mit Gas sieht Roll als Auslaufmodell. Sein Unternehmen arbeite intensiv daran, Kunden Ersatzlösungen anzubieten, etwa die Lieferung und den Einbau von Wärmepumpen, Pelletheizungen, Solarkraftwerken und Batteriespeichern. „Wir haben bereits jetzt individuelle Lösungen für Fernwärme, die perspektivisch auch den Betrieb von Gasheizungen mit Biomethan beinhalten“, so Roll. Ab 2035 werde MVV nur noch klimaneutrale Produkte anbieten und verkaufen, aber kein fossiles Erdgas mehr.

Dieser Transformationsdruck ist auch für den Fernleitungsnetzbetreiber Thyssengas bedeutend. Der Vorsitzende der Geschäftsführung, Thomas Gößmann, sieht bis 2045 drei Zukunftsperspektiven für das Dortmunder Unternehmen. Durch das Gasnetz könne Thyssengas Wasserstoff leiten, Biogas einspeisen oder Methan (als synthetisches Erdgas). Die Rohrkörper seien mehrheitlich so robust, dass sie nach einer Umstellung auf Wasserstoff noch mindestens 50 Jahre funktionsfähig bleiben.

Kritische Worte richtete Gößmann nach Brüssel. Die EU-Kommission habe mit der Regelung, dass Unternehmen nicht gleichzeitig im Wasserstoff- und Erdgas-Bereich tätig sein dürfen, einen „großen Hemmschuh“ geschaffen. „Das bedeutet, dass wir als Branche den Wasserstoff-Markt zwar entwickeln sollen, aber ab 2031 nicht davon profitieren dürfen.“ Diese Vorgabe sei schnell zu revidieren, es gebe in dieser Richtung aber inzwischen positive Signale. Bei der Systemtransformation von Erdgas zu Wasserstoff plädierte Gößmann für eine Technologieoffenheit. „Wir brauchen auch blauen Wasserstoff, um Zeit zu gewinnen.“
 

Volker Stephan
© 2022 Energie & Management GmbH
Montag, 20.06.2022, 16:34 Uhr

Mehr zum Thema