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Enerige & Management > Aus Der Aktuellen Ausgabe - Eiche, Fichte, Windturbine?
Quelle: E&M
AUS DER AKTUELLEN AUSGABE:
Eiche, Fichte, Windturbine?
Die Energiewende hat nur dann eine Chance, wenn Windturbinen auch in direkter Nachbarschaft zu Bäumen (ent)stehen dürfen. Der Druck auf Bundesländer wie Sachsen und Thüringen wächst.
 
Im Wald, da sind die … Rotoren. Das klingt weitaus weniger unheilvoll als seinerzeit Heinos warnende Schmonzette über Räuber im Unterholz. Heute drehen gut 2.300 Windturbinen mit einer Leistung von 6.400 MW in deutschen Forsten ihre Runden.

Doch die Vorstellung von Windkraftanlagen in heimischen Wäldern bereitet offenbar noch immer Unbehagen. Neben Naturschutzorganisationen kommt der Widerstand nicht zuletzt von politischer Seite. Bis auf Brandenburg halten sämtliche ostdeutschen Länder per Gesetz ihre Wälder teils seit Jahren frei von Turbinen. Insgesamt kann nur ein halbes Dutzend Länder sich aktuell Windturbinen und Bäume als direkte Nachbarn vorstellen.Hinzu kommen, je nach politischer Mehrheit oder Einsicht in die Notwendigkeiten der Energiewende, Wackelkandidaten wie Nordrhein-Westfalen:

Eine Verhandlung vor dem Oberverwaltungsgericht (OVG) Münster Mitte des Jahres offenbart das ganze Dilemma von Projektentwicklern. Eine von drei geplanten Anlagen eines Windparks im sauerländischen Iserlohn hat seit der ersten Idee im stetigen Wechsel Zuspruch und Ablehnung aus dem Düsseldorfer Landtag erfahren.

Unter Rot-Grün war die Anlage gemäß Windenergieerlass im „Schälker Heide“-Wald mit geltendem Recht vereinbar, unter Schwarz-Gelb bis zur Abwahl im Mai 2022 hingegen nicht mehr. Nun könnte Schwarz-Grün Gnade für den Park walten lassen und die eingeführten Abstandsregelungen (1.000 Meter zur Wohnbebauung) und Restriktionen für die Waldnutzung kassieren. Für den Wiesbadener Projektierer Abo Wind hofft Ute Schulmeister, Leiterin der Planungsabteilung in NRW, „nach inzwischen acht Jahren endlich eine Genehmigung zu bekommen“.
 
Quelle: Volker Stephan

Ausschlusskriterien wie Entfernungsvorgaben oder Wald als Tabuzone bringen den Zubau der Windenergie grundsätzlich ins Stocken. Schwächelt der Onshore-Zubau insgesamt, betrifft dies auch Forstflächen, weiß Jürgen Quentin, Referent bei der Fachagentur Windenergie an Land (FA Wind). Er registriert seit dem letzten Boom-Jahr 2017 mit 327 ans Netz gegangenen Wald-Turbinen (knapp 1.000 MW Leistung) nur noch Bruchteile dieser Werte. Damals stellte der Forst 17,6 % der zugebauten Anlagen und 18 % der Leistung. Im ersten Halbjahr 2022 sank der Anteil neuer Turbinen (nur 30 mit 118 MW) auf 12,7 % aller Anlagen und 12 % der Leistung.

Nutzung in von Sturm oder Schädlingen heimgesuchten Bereichen

Quentin plädiert für eine maßvolle Nutzung von Waldflächen etwa in von Sturm oder Schädlingen heimgesuchten Bereichen. Ähnlich sieht es das Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende (KNE), das in Publikationen und Stellungnahmen stets einer naturverträglichen Nutzung der Windenergie auf dafür geeigneten Waldstandorten das Wort redet.

Windkraftanlagen im Forst spielen erst seit gut einem Jahrzehnt ernsthaft eine Rolle für den Entwicklungspfad dieser erneuerbaren Stromquelle. Mitte des vergangenen Jahrzehnts übertrafen sie dann aber sogar mehrfach die 20 % des jährlichen Gesamtzubaus. Mit 20 % kalkuliert Jürgen Quentin, wenn er den Zubau im Wald auf die nationalen Energiewendeziele umlegt. Die Kalkulation geht so: Von der für 2030 angepeilten Onshore-Gesamtkapazität von 115.000 MW fehlen derzeit etwa 58.000 MW. Wenn ein Fünftel davon Waldanlagen beisteuern sollen, wären bis Ende dieses Jahrzehnts etwa 2.200 Anlagen der 5- bis 6-MW-Klasse neben Bäumen aufzustellen. Ihre gut 11.500 MW würden mit dem Mitte 2022 registrierten Bestand von 6.400 MW zusammen 18.000 MW erbringen − grob 16 % der anvisierten Gesamtkapazität. 2.200 weitere Turbinen in den Wäldern der Republik „übersteigen meine Vorstellungskraft nicht“, so Quentin.

Zumal es waldreiche Bundesländer gibt, die sich bisher um ihren Anteil an der Energiewende drücken. Sachsens 27 Anlagen im Wald etwa sind nicht der Rede wert. Sie stammen weitgehend aus den frühen 2000er-Jahren und kommen als Pioniere der Energiewendezeit zusammen nur auf 50 MW. Und seit Jahren kommt nichts Neues hinzu.Null Zubau im Wald verzeichnet auch Thüringen, das gegenüber Sachsen (28,9 %) über einen noch größeren Anteil Waldfläche (34 %) verfügt. In Thüringens Wäldern verlieren sich ganze vier Windkraftanlagen. Angesichts der schwierigen politischen Verhältnisse (Minderheitsregierung) und der widerstreitenden Auffassungen zur Energiewende ist hier aktuell kaum Bewegung zu erwarten.

Ohnehin ist die Politik in diesem Bundesland weitgehend taub für die Rufe nach einem schnelleren Ausbau der Erneuerbaren: Nur 1 % der Landesfläche will Thüringen für Windkraft hergeben. Wie das mit den Vorstellungen der Ampelkoalition im Bund vereinbar sein soll, die bei Unterschreiten des neu vorgegebenen 2-%-Flächenziels Sanktionen gesetzlich verankert hat, bleibt im Trüben.Fachkreise gehen weniger hart mit Schleswig-Holstein ins Gericht. Das Bundesland verbietet zwar Windenergie im Forst, ist aber arm an Wald (nur 11 % der Landesfläche) und gilt durch den stetigen Zubau im Offenland als Paradebeispiel für die Energiewende.

Auch Niedersachsen glänzt in den jährlichen Ausbaustatistiken mit vorderen Plätzen, hält aber den Wald (25 % der Landesfläche, bisher sechs Anlagen) seit Jahren unter Verschluss. Jetzt soll gemäß einer in den Landtag eingebrachten Änderung des Raumordnungsprogramms mehr Windkraft im Wald möglich werden, aber behutsam.

Viele ließen auf die Erwartungen kaum Taten folgen

So richten sich die Erwartungen eher an Bundesländer, die formal Windenergie im Wald zulassen, aber den Worten bisher kaum Taten folgen lassen. Bayern gehört zu diesen. Der früher obligatorische Zubau im Wald (bis zu 60 % der jährlichen Neuanlagen) bricht im Freistaat nach 2017 (39 Anlagen mit 114 MW) förmlich ab und landet bei null Turbinen 2021. Der Stopp geht auf die grundsätzliche Antihaltung der Koalition aus CSU und Freien Wählern (FW) gegenüber der Windkraft zurück. Zu Restriktionen im Wald kommt Deutschlands schärfste Abstandsregelung zur Wohnbebauung, die als Distanz das Zehnfache der Anlagenhöhe vorschreibt („10H“, bei 200 Metern also zwei Kilometer).

Ministerpräsident Markus Söder (CSU) ließ sich von seinem Vize Hubert Aiwanger (FW) zunächst in der Fesselungspolitik überbieten und hernach von dessen Ausbauplänen vorführen. Nun will die Koalition neben Flächen an Verkehrstrassen auch die Wälder Bayerns (37 % der Landesfläche) stärker öffnen und dafür 10H auf 1.000 Meter abschwächen. Nach Söders Rechnung sind die allgemeinen Lockerungen gut für insgesamt 800 neue Anlagen, womit er die Berliner Vorgabe von 2 % der Landesfläche für nahezu erfüllt hält. Allein, seine Kalkulation bringt Bayern auf insgesamt lediglich 2.100 Anlagen und auch das nur, sofern keine Altanlagen rückgebaut werden. Das bevölkerungsreichste Bundesland NRW, flächenmäßig nur halb so groß wie Bayern, kommt schon heute auf dreimal so viele Anlagen (3.600) und ist selbst dennoch weit von den 2 % entfernt.

Das von Grün-Schwarz regierte Baden-Württemberg findet nach den ausbaustarken Jahren 2016/17 nun langsam wieder in den Tritt. Der Staatswald spielt dabei eine nicht unerhebliche Rolle, um mittelfristig 1.000 zusätzliche Turbinen im Ländle zu errichten. Im August schließlich scheint eine Hürde überwunden, die im Zusammenhang mit Waldwind bundesweit immer wieder Projekte platzen lässt: der Artenschutz. Speziell für den Schwarzwald einigte die Koalition sich auf weniger strenge Schutzmaßnahmen für den Auerhahn. Damit sollen auf einen Schlag 15.000 Hektar potenzielle Flächen für Windkraft frei werden.

Selbst wer den Refrain von Heinos Waldschlager künftig mit „… halli, hallo, die Rotoren“ zu Ende trällert − für den Beitrag der Windkraft am Erreichen der Energiewendeziele gilt indes der Titel eines anderen Kulturguts: „Der Wald ist nicht genug“.
 

Volker Stephan
© 2023 Energie & Management GmbH
Mittwoch, 28.09.2022, 10:13 Uhr

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