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Enerige & Management > Aus Der Aktuellen Zeitungsausgabe - Die Smart City erlebbar machen
Quelle: E&M
AUS DER AKTUELLEN ZEITUNGSAUSGABE:
Die Smart City erlebbar machen
Beim diesjährigen Stadtwerke Impact Day ging es viel um neue Ansätze, um auf dem Weg zur Smart City und bei der Dekarbonisierung von Kommunen noch schneller voranzukommen.
 
Die Stadt der Zukunft ist smart. Das ist zwar im Grunde eine Worthülse, aber eine weitgehend unstrittige. Allerdings ist smart zu sein, kein Selbstzweck. Das wurde beim diesjährigen Stadtwerke Impact Day deutlich, den der Energiedienstleister Quantum und der IT-Dienstleister Make Better gemeinsam als virtuelle Konferenz ins Internet brachten.

Menschen, Ideen und Gebäude vernetzen, altes Silodenken crashen, in Stadtwerken und Kommunen an einer klimapositiven Zukunft bauen und dabei immer die Stakeholder mitnehmen − das war der rote Faden, der sich durch den Tag zog.
Welche Facetten das Attribut „klimapositiv“ haben kann, machte Felix Rodenjohann deutlich. Die Akzeptanz für das Ziel, Umwelt und Klima zu schützen, sei sicherlich weitgehend vorhanden. Und wer sich als Energiekunde bezahlbare Tarife und Versorgungssicherheit wünsche, werde bestimmt nicht Klima- und Umweltschäden, kriegerische Auseinandersetzungen und sonstige Katastrophen gutheißen. „Also ist es die eigentliche Aufgabe, die Akzeptanz, die schon da ist, wiederzuerwecken, weil sie nur von falschen Botschaften überschrieben wurde, etwa dass Klimaschutz das Leben schlechter macht“, sagte der Gründer von Ansvar 2030. Aber Klimaschutz mache das Leben nicht schlechter, sondern „geiler“. Das müsse man zeigen.

Und Rodenjohann ist sich sicher, dass sich Vorbehalte ausräumen lassen − wenn es hilft, auch auf ganz emotionale Weise. Denn selbst der „krasseste Verbrenner-Petrolhead“ wird nach seiner Meinung angesichts der Fahreigenschaften von Elektroautos die E-Mobilität „doch cool finden“. Man müsse die Leute nur einfach mal in ein solches Fahrzeug setzen und sie die Beschleunigung erleben lassen.

Ansvar ist sowohl das schwedische als auch norwegische und dänische Wort für Verantwortung. Entsprechend formuliert der Berater, Visionär und Wirtschaftsfilmer Rodenjohann auf seiner Internetseite auch die Zielsetzung des Unternehmens: „Wir ersetzen den Verantwortungsvermeidungsapparat durch handlungsfähige Gemeinschaften.“ Er hält es für möglich, allen Bürgerinnen und Bürgern einer Stadt das Gefühl zu geben, „Klimahelden“ zu sein. Diese Rolle sollte nicht nur denjenigen vorbehalten bleiben, die eine PV-Anlage auf das Dach ihres Einfamilienhauses montieren lassen und genügend Geld und Platz für ein E-Auto samt Ladestation haben. Auch Mieter in Mehrfamilienhäusern, egal ob dort sechs oder 60 Parteien unter einem Dach leben, sollten Teil einer smarten und nachhaltigen Kommune sein können. Voraussetzung dafür sei allerdings ein klares Konzept für die Smart City, das die gesamte Stadt einbeziehe, etwa mit einem umfassenden Plan zur Energieversorgung und Gebäudesanierung.

IT-Lösung erstellt digitalen Zwilling

Als „Navigationssystem“, um in der Energiewende Kurs zu halten, könnte ein digitaler Zwilling der Kommune dienen, eine Lösung des IT-Dienstleisters Enersis, mit dem Ansvar zusammenarbeitet. Mit ihrer Plattform sind Enersis-Gründer Thomas Koller und seine Mitarbeiter angetreten, emissionsrelevante Daten zu sammeln, um dann Maßnahmen zur Dekarbonisierung einer Kommune über alle Sektoren und Infrastrukturen hinweg planen, simulieren und letztlich auch umsetzen zu können. Das Unternehmen hat unter anderem einen digitalen Zwilling für das Land Schleswig-Holstein entwickelt und ein „Klima-Navi“ für die Eon-Tochter Hansewerk erstellt.

Und wenn dann alle wissen, wie der Plan aussieht und wohin der Weg führen soll, braucht es noch die Unternehmen, die nicht an den fossilen Energien hängen, sondern die Dekarbonisierung als Geschäftsmodell begreifen und auch zeigen, wie man in und mit einem emissionsfreien Energiesystem Geld verdienen kann. So formulierte es Rodenjohann, für den die Wirtschaftlichkeit der Dekarbonisierung außer Frage steht. „Zins und Tilgung, die man für die neuen Technologien aufwendet, sind am Ende niedriger als die Import- und Betriebskosten bei fossiler Energieerzeugung“, betonte er. Spätestens wenn man diese Rechnung aufmache, könne man auch diejenigen Gruppen abholen, „die aus ideologischen Gründen Klimaschutz ablehnen“, etwa weil sie immer noch glauben, Klimaschutz schade der Wirtschaft oder belaste den Geldbeutel der Verbraucher zu sehr.

Nicht nur Rodenjohann, auch andere Referenten machten wiederholt deutlich, für wie wichtig sie es erachten, Bewusstsein zu schaffen und die Bürgerinnen und Bürger „mitzunehmen“.

Joint Venture der Verwaltung und Stadtwerke in Menden

Robin Eisbach zog den Vergleich zur viel zitierten Customer Centricity: „Wir wollen das auf die Stadt übertragen und stellen den Bürger in den Mittelpunkt.“ Auch für den Geschäftsführer von Mendigital ist die Akzeptanz in der Bevölkerung ein ganz zentraler Erfolgsfaktor für die Smart City. „Wir haben vor Ort in Menden zugehört und aus der Customer Journey eine Bürger-Journey gemacht“, sagte Eisbach und verwies auf die Bürgerbeteiligung bei der Erarbeitung der Smart-City-Strategie der 50.000-Einwohner-Stadt in der Nähe von Dortmund. Am Anfang standen die Bedürfnisse der Bürger und die Herausforderungen, mit denen sie im Alltag konfrontiert sind. Daraus wurden dann Ziele, Projektideen und Maßnahmen abgeleitet, wie Eisbach berichtete, nicht umgekehrt.

Seit Mai 2021 ist er Geschäftsführer der Mendigital GmbH. Die Gesellschaft ist ein Joint Venture der Stadt Menden und der örtlichen Stadtwerke, die jeweils 50 % am Gemeinschaftsunternehmen halten. Sehr früh sei klar gewesen, dass es nur gemeinsam gelingen werde, die großen Themen anzupacken, die unter anderem als Cluster Mobilität, Klima und Umwelt, Bildung und Lernen, Wirtschaft und Arbeit oder Pflege und Gesundheit in der Smart-City-Strategie verankert sind. Diese wurde vom Rat der Stadt im September 2021 verabschiedet und umfasst 20 Innovationsprojekte.

Hinter der Themenwahl standen vor allem die Fragen, was ein smartes Menden 2030 ausmachen wird und wie finanzielle Mittel genutzt werden sollten, um die Stadt mit „greifbaren Digitalprojekten“ lebenswerter und nachhaltiger zu machen.
Eines der Smart-City-Projekte läuft unter dem Titel „Ganz Menden auf dem Smartphone“. Es geht dabei um den Aufbau und die Einführung einer App für viele relevante Dienste, etwa einen lokalen Veranstaltungskalender inklusive digitaler Buchungsmöglichkeit, einen Abfallkalender oder einen Mängelmeldedienst. Gleichzeitig sollen über Schnittstellen weitere Menden-bezogene Portale eingebunden werden.

Ein anderes Projekt ist der Aufbau eines Lorawan-Netzes als Basisinfrastruktur, um Mobilitätskonzepte zu unterstützen oder die städtische Abfallwirtschaft zu optimieren. Auch ein Mobility Hub ist vorgesehen, der diverse Dienste für ein Gewerbegebiet erbringt und als Mobilitätsdrehscheibe bei der Verzahnung des ÖPNV mit dem Individualverkehr helfen soll.

Um die Projekte und die gesamte Smart-City-Strategie in Menden legte Eisbach beim Stadtwerke Impact Day die Klammer „bodenständig meets innovativ“. Dabei war ihm wichtig zu betonen: „Wir haben eine starke Vision, aber wir achten darauf, wo wir herkommen, wie die Region tickt und dass wir nicht wie ein Raumschiff hier landen und niemand versteht, was wir machen.“

Als Raumschiff würde Eisbach das Joint Venture, das er leitet, gerade nicht bezeichnen. Eher sieht er Mendigital als Thinktank, der wie ein Schnellbot an der Seite von zwei Tankern, der Verwaltung und den Stadtwerken, fährt. „Wir können die Themen agil aufgreifen, weil wir wie ein Start-up ticken“, sagte er. Gleichzeitig hätten die Tanker aber ein Auge darauf, dass das Schnellboot nicht seinen eigenen Kurs nimmt und Projekte beginnt, die nicht zu den Tankern zurückgeführt werden können. Deshalb würden auch die rund 20 Projekte, die bis 2026 geplant sind, in aller Regel gemeinsam mit den Stadtwerken und der Verwaltung umgesetzt.

Lösungsbausteine zur schnellen Implementierung

Bei der Umsetzung von Smart-City-Projekten können Stadtwerke und Kommunen künftig, wenn es nach Matthias Hoffmann geht, auf einen „App Store“ an Lösungen zurückgreifen. Der Gründer der Innovationsberatung Grubengold in Bochum hält es für notwendig, Anwendungen als Lösungsbausteine zu schaffen, die so einfach und schnell implementiert werden können wie beim Download aus einem App Store. „Das klingt nach einem Softwareprojekt, ist aber vor allem ein organisatorisches Transformationsthema“, stellte Hoffmann klar.

Der Ansatz, an dem Grubengold arbeitet, trägt den Namen „DecarbOS“ und steht auf vier Säulen. Zum einen müssen die Stadtwerke eine gemeinsame Grundlage, eine Dekarbonisierungsstrategie, haben, die jeweils nach einer ähnlichen Logik strukturiert ist. Zum anderen benötigen sie vorbereitete, getestete, ganzheitliche Lösungsbausteine, die auch mit überschaubarem Ressourceneinsatz zum Ziel führen. Es gehe also nicht nur um eine PV-Anlage, sondern um ein komplettes Produkt für den lokalen Markt, für das es auch eine Refinanzierungskampagne gibt.

Drittens sollen bei der einfachen und schnellen Implementierung Standards, etwa für die Erfüllung rechtlicher Vorgaben, und Best-Practice-Beispiele helfen. Schließlich sollen die Stadtwerke sich untereinander austauschen und von den Erfahrungen der anderen Unternehmen lernen und den App Store weiterentwickeln. „Das ist unsere Vision“, so Hoffmann. Mit einer Reihe von kommunalen Unternehmen werde dieser Ansatz aktuell diskutiert.

Der diesjährige Stadtwerke Impact Day hat durchaus eine gewisse Aufbruchstimmung verbreitet, wie sich an den Chat-Reaktionen der Teilnehmer zum Abschluss der Veranstaltung erkennen ließ. Ganz besonders nachhallen dürften die Plädoyers der Referenten für eine ganzheitliche Strategie und die weitgehende Integration aller Stakeholder, damit die Smart City auch ihren Namen verdient und nicht nur eine Reihe unkoordinierter Einzelmaßnahmen dieses Etikett aufgeklebt bekommt.
 

Fritz Wilhelm
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Freitag, 11.03.2022, 08:45 Uhr

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