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Enerige & Management > Windkraft Offshore - Transfer von Land auf See
Bild: Fotolia.com, zentilia
WINDKRAFT OFFSHORE:
Transfer von Land auf See
Einige Dutzend Schiffe versorgen die deutschen Offshore-Windparks mit Manpower und Material. Die Anforderungen an diese Spezialschiffe steigen.
 
Der eine ist auf einer Hallig, der andere auf einer Insel im nordfriesischen Wattenmeer aufgewachsen. Und beide sind der Nordseeregion treu geblieben: Jannes Piepgras von Hooge und Dennis Ronnebeck von Pellworm sind mit ihrer Husumer Firma North Frisian Offshore GmbH seit einigen Jahren im Offshore-Windenergiegeschäft aktiv. Die beiden Nordfriesen bringen regelmäßig Servicetechniker vom Helgoländer Hafen in den Windpark Meerwind Süd/Ost. Morgens hin, abends zurück, seit 2016. Ihr Auftraggeber ist der Betreiber "WindMW".

„Im Schichtdienst sind acht Techniker allein für das parkinterne Umspannwerk zuständig, hinzu kommen noch rund 35 Mitarbeiter, die im Sommer täglich im Serviceeinsatz auf unseren Siemens-Offshore-Turbinen sind. Im Winterhalbjahr sind die Mannschaften dagegen etwa um die Hälfte kleiner“, erklärt Knut Schulze von Wind MW. Dabei greift der Betreiber zuerst auf sein eigenes Crew Transfer Vessel (CTV) Gesa zurück und ordert erst bei zusätzlichem Bedarf die Seewind der North Frisian Offshore GmbH − einen Katamaran, der früher in Norwegen im Fährdienst unterwegs war. Mehr als fünf Jahre nach Inbetriebnahme, so Schulze weiter, haben sich die logistischen Abläufe ziemlich gut eingependelt. „Das war in vielerlei Hinsicht schon eine echte Pionierarbeit, bei der wir uns Schritt für Schritt weiterentwickelt haben.“ Was sich letztlich auch in der hohen Verfügbarkeit des Windparks, „nahezu 100 Prozent“, niederschlägt.

Dabei variieren die logistischen Versorgungskonzepte für die Offshore-Windparks beträchtlich. Während bei Meerwind der Betreiber die Wartungsarbeiten in eigener Regie ausübt, übernehmen vielerorts auch die Windturbinenhersteller die anfallenden Wartungsarbeiten und managen die erforderliche Logistik mit eigenen Mannschaften und Schiffen. Eine weitere Variante ist die Auftragsvergabe an Serviceunternehmen wie beispielsweise die Deutsche Windtechnik. „Wir haben Wartungsverträge in der Nordsee für Nordergründe, Butendiek, Riffgatt, Alpha Ventus sowie Borkum West und unterstützen EnBW in der Ostsee bei der Beschickung ihrer dortigen Parks“, erklärt Carl Rasmus Richardsen. Der Geschäftsführer der Deutschen Windtechnik Offshore und Consulting GmbH, die rund 200 Mitarbeiter zählt, spricht von einer steilen Lernkurve, die man in den vergangenen Jahren durchschritten habe.

Wartung innerhalb eines Tages

Ein gutes Beispiel hierfür sei der Ampelmann, die hydraulisch ausklappbare Überstiegstreppe vom Offshore Service Vessel zu den Offshore-Anlagen. „Nachdem in den ersten Jahren hier und da noch umgebaute Fischkutter im Einsatz waren, die vor dem Bug dicke Trecker-Reifen montiert hatten, um bei schwankenden Wasserständen an den Türmen anzudocken, sind die heutigen Arbeitsabläufe und eingesetzten Schiffe schon auf einem wesentlich professionelleren Niveau“, sagt Richardsen. In diesem Zusammenhang erwähnt er, dass die Deutsche Windtechnik mit ihren Teams inzwischen die Wartung einer 3,6-MW-Offshore-Anlage innerhalb eines Tages bewältigen könne. Früher seien dafür vier bis fünf Tage notwendig gewesen.

All diese Aufgaben wahrzunehmen, funktioniert jedoch nicht ohne große Crew-Schiffe, die auch schon mal eine Länge von 80 Metern und mehr aufweisen. Die Deutsche Windtechnik greift dabei auch auf drei eigene Schiffe mit eigener Mannschaft zurück. „Aus den Erfahrungen der zurückliegenden Jahre wissen wir, dass eine Bündelung der Logistikaufgaben mit einer zentralen Steuerung von Vorteil ist, anstatt jedes einzelne Gewerk an viele Subunternehmen zu vergeben“, räumt Richardsen ein und verweist auf den Service des relativ küstennahen Offshore-Windparks Nordergründe, wo alle Serviceaufgaben bei der Deutschen Windtechnik liegen − inklusive der Schiffslogistik.

Wie viele Schiffe aktuell in der deutschen AWZ in Nord- und Ostsee, der ausschließlichen Wirtschaftszone, im Einsatz sind, darüber hat niemand einen Überblick. Weder die zahlreichen Verbände für die Offshore-Windenergie noch der Zentralverband der Seehäfen. Sogar offizielle Statistiken geben keinen genauen Aufschluss darüber, wie viele Vessels unterwegs sind. Zumal viele Logistikschiffe aus dem Ausland kommen, aus den Niederlanden, aus Dänemark, England und Schottland oder Norwegen.

„Deutsche Akteure, ob nun Hochtief, ob Bilfinger, Ambau oder Weserwind, haben sich aus diesem Spezialfeld verabschiedet und damit ist dieser Zukunftsmarkt mehr und mehr den Nachbarn freiwillig überlassen worden“, resümiert Philippe Schönefeld, geschäftsführender Gesellschafter der Renewables Energy Shipbrokers in Hamburg, die den Offshore-Windparkbetreibern, Installationsfirmen und Serviceunternehmen je nach Bedarf Schiffe vermittelt. Schönefeld schätzt, dass rund 50 Schiffe derzeit unterwegs und etwa 2.000 Menschen in diesem marinen Einsatzbereich tätig sind. Er machte sich mit seiner Shipbrokers-Agentur im Jahr 2011 selbstständig und beschäftigt mittlerweile 22 Mitarbeiter.

„Breites Angebot an Schiffen, die schnell verfügbar sind“

„Wir wachsen“, sagt der Experte für Spezialschiffe, „vor allem in Fernost, in Südkorea und Taiwan gibt es derzeit großen Bedarf.“ Aber auch die USA und der Mittelmeerraum böten Perspektiven. Rückblickend auf die erste Dekade Offshore-Windenergie konstatiert Schönefeld, dass die anfänglich diametralen Welten der Energieerzeugung und der Schifffahrt sich inzwischen angenähert haben. Dies sei nicht zuletzt auch der Krise der Schifffahrt geschuldet. Denn in ihren Anfangszeiten musste die Offshore-Windindustrie noch den Schiffen und ihren Eignern hinterherlaufen. „Heute haben wir einen vollkommen anderen Markt. Heute steht für jede noch so spezielle Schiffsanforderung ein Angebot bereit, das schnell verfügbar ist.“

Und je weiter sich die zudem immer größer werdenden Offshore-Windparks von den Küsten entfernen, desto mehr kommen auch neue Serviceschiffe ins Spiel. Stellvertretend für viele steht sicherlich die Bibby Wavemaster, die von Siemens Gamesa gemeinsam mit dem Energieversorger Energie Baden-Württemberg in Auftrag gegeben wurde. Dieses mächtige Spezialschiff mit einer Länge von 90 Metern ist seit einigen Wochen im Einsatz in den Windparks Albatros und Hohe See, die rund 100 Kilometer von den Inseln Borkum und Helgoland entfernt liegen.

Daher bleibt die Bibby Wavemaster, die durch eine mehrstufige und höhenverstellbare Gangway meterhohe Wellen ausbalancieren können soll, mit ihrer 20-köpfigen Crew und einem Team von 40 Technikern vier Wochen ununterbrochen im Offshore-Windpark. Ausgestattet ist das Schiff mit 60 Einzelkabinen, Büros, Lagerräumen, Fitnessraum, Kino und einer Krankenstation.
Nach einem Monat steuert die Bibby dann wieder ihren Heimathafen Emden an, um dort neuen Proviant und eine neue Crew an Bord zu nehmen. Angesichts der Dimension dieses Spezialserviceschiffes lässt sich ungefähr erahnen, was auf die Schiffslogistiker noch zukommt, wenn in Zukunft neben dem Ausbau auch die Ära der Wasserstoffproduktion auf hoher See beginnen wird.
 

Dierk Jensen
© 2020 Energie & Management GmbH
Freitag, 22.05.2020, 08:36 Uhr

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