Der Wärme- und Messdatenspezialist My Warm hat sein Geschäft um digitale Steuerungslösungen erweitert. Geschäftsführer Klaus Hense sieht im Gespräch mit der Redaktion den Ansatz vor allem darin, bestehende Heizungsanlagen an den tatsächlichen Bedarf von Gebäuden anzupassen. Das Unternehmen verbindet dazu Daten aus dem Anlagenbetrieb mit Wetterdaten und bietet mit „Optimize-Control“ einen digitalen Heizungskeller, der aktiv in die Heizungssteuerung eingreift.
Nach Einschätzung von Hense besteht bei einem großen Teil des Gebäudebestands hierzulande Handlungsbedarf. Er verweist auf eine Untersuchung des Forschungsprojekts „BaltBest“ (Einfluss der Betriebsführung auf die Effizienz von Heizungsanlagen im Bestand), nach der rund 80 Prozent der untersuchten Heizungen nicht oder falsch eingestellt sind. „Hier liegt ein riesiger Hebel, um Kosten schnell und günstig einzusparen“, sagt Hense. Die Erfahrungen aus den eigenen Projekten zeichneten ein ähnliches Bild. My Warm hat nach Unternehmensangaben seit 2010 mehr als 200.000 Heizflächen hydraulisch abgeglichen und dabei in jedem Gebäude Möglichkeiten zur Optimierung gefunden.
Als Ursachen nennt Hense unter anderem zu hohe Vorlauftemperaturen, fehlende Anpassungen an die Witterung und Wärmeerzeuger, die weiterhin mit Einstellungen aus der Inbetriebnahme arbeiten. Hense: „Während sich Nutzung, Komponenten und Anforderungen eines Gebäudes über die Jahre verändern, bleiben die Einstellungen der Heizungsanlage oftmals unverändert.“ Die Heizsysteme laufen entsprechend ineffizient.
Hier setzt das Unternehmen mit dem digitalen Heizungskeller „myWarm Optimize-Control“ an. Dadurch ist es möglich, den laufenden Betrieb der Heizungsanlage zu erfassen und zu steuern. Nach Angaben von Hense eignen sich die Lösungen für alle Gebäude und Heizungsarten. Den Schwerpunkt für eine Heizungsoptimierung sieht er allerdings bei Gebäuden der Energieeffizienzklasse E oder schlechter, weil dort der Ausgangsverbrauch höher liegt und damit auch die möglichen Einsparungen größer sind.
Der Geschäftsführer sieht die Heizungsoptimierung als Maßnahme, die Immobilienbesitzer noch vor Eingriffen in die Gebäudehülle oder dem Austausch des Wärmeerzeugers umsetzen können − und das ohne große Investitionen. Er will die Optimierung aber nicht als Ersatz für Dämmung, Fenstertausch oder weitere Sanierungsschritte verstanden wissen. Sie könne vielmehr die Ausgangsbedingungen verbessern. Als Beispiel nennt Hense die Absenkung der Vorlauftemperatur. Sie könne dazu beitragen, ein bestehendes Heizsystem überhaupt erst auf den Einsatz einer Wärmepumpe oder den Anschluss an die Fernwärme vorzubereiten.
Mit Optimize-Control geht My Warm über die einmalige Einstellung einer Anlage weit hinaus. Seit 2010 habe das Unternehmen 13,8 Milliarden Temperaturmesspunkte erfasst, sagt Hense. Diese Daten kombiniert es mit aktuellen Betriebsdaten der jeweiligen Anlage sowie Wetterdaten und Prognosen. Der Algorithmus entwickelt daraus einen Betriebspunkt und steuert entsprechend die vorhandenen Komponenten. Damit unterscheidet Hense den Ansatz von anderen Lösungen, die sich auf das Monitoring und die Darstellung von Betriebsdaten beschränken.
10 bis 15 Prozent ohne zusätzlichen AbgleichTechnische Grundlage ist ein Building Controller, den My Warm in die bestehende Heizungsanlage integriert. Er erfasst unter anderem Vorlauftemperaturen, Daten von Mischern, Sensorenpumpen und Informationen zum Wärmeerzeuger. Die Daten gelangen anschließend in die Systeme von My Warm und dienen dort als Grundlage für die Steuerung. Über Schnittstellen kann Optimize-Control auf vorhandene Anlagenkomponenten zugreifen. Größere bauliche Veränderungen sind dafür nach Angaben des Unternehmens in der Regel nicht erforderlich. Im laufenden Betrieb arbeitet das System weitgehend automatisiert.
Für den Einsatz des digitalen Heizungskellers ohne zusätzlichen hydraulischen Abgleich nennt Hense im Mittel Energieeinsparungen zwischen 10 und 15 Prozent. Rund 10 Prozent der Projekte erreichten Werte von mindestens 15 Prozent. Die Kombination mit einem adaptiven hydraulischen Abgleich erhöht die Einsparung auf bis zu 35 Prozent.
Für Investitionen in die Heizungsoptimierung hält Hense jedoch stabile regulatorische Vorgaben für erforderlich. Die Unsicherheit der vergangenen Jahre habe dazu geführt, dass Unternehmen der Immobilienwirtschaft Investitionsentscheidungen verschoben hätten. Sie hätten abgewartet, um Anpassungen infolge neuer gesetzlicher Vorgaben zu vermeiden. Dass der hydraulische Abgleich verpflichtend bleibt und Vorgaben zur Digitalisierung und Heizungssteuerung bestehen, schafft aus Henses Sicht eine Grundlage für Investitionen. Zugleich fordert er eine konsequentere Umsetzung und Kontrolle bestehender Anforderungen.
Das vollständige Gespräch mit Klaus Hense lesen Sie in der E&M-Zeitungsausgabe vom 1. November. (hr)