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Quelle: E&M
Günter Drewnitzky
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Donnerstag, 03.09.2026, 08:25 Uhr
Aus Der Akuellen Ausgabe
E&M News
Ein ganz sicher schwieriges Thema
Nach dem Brandanschlag auf ein Umspannwerk in Reutlingen waren Tausende Haushalte und viele Gewerbebetriebe ohne Strom. Da stellt sich die Frage: Wie gut sind die Anlagen geschützt?
August 2017: Besuch in der damals neu errichteten Hauptschaltleitung des Übertragungsnetzbetreibers Transnet BW im baden-württembergischen Wendlingen. Die Sicherheitsmaßnahmen im Außenbereich und im Inneren: Sie könnten in Fort Knox auch nicht besser sein. Juni 2026: Nur ein paar Kilometer weiter in Reutlingen erinnert ein Feuer in einem Umspannwerk daran, dass Anlagenschutz a la Wendlingen nicht die Regel ist − eher die Ausnahme, genauer gesagt, die absolute Ausnahme. 

Am 8. Juni um 1.37 Uhr fiel der Strom in 20.000 Haushalten und Dutzenden Gewerbebetrieben im Raum Reutlingen aus. Im 110-kV-Umspannwerk-West der Stadt hatte es gebrannt. Später fanden Ermittler gleich an mehreren Stellen Spuren von Brandbeschleuniger. Schnell war klar: Das Umspannwerk war Ziel eines Anschlags geworden. 
 
Unmittelbar nach dem Brandanschlag starteten im Umspannwerk-West in Reutlingen die Reparaturarbeiten
Quelle: Netze BW

Die Auswirkungen: gravierend, vor allem weil als Folge ein zweites Umspannwerk vom Netz ging. Während die meisten Haushaltskunden am Dienstagnachmittag wieder Strom hatten, mussten 50 Industrie- und Gewerbekunden noch länger warten. Erst am Mittwochabend waren alle wieder versorgt. Besonders ein Fall, der in der Regionalpresse Schlagzeilen machte, zeigt, was so ein Ereignis − neben Produktionsausfällen − nach sich zieht: „Das hat mir in der Seele wehgetan“, sagte die Inhaberin von drei Filialen eines Lebensmittelhändlers dem Reutlinger General-Anzeiger. In einer Filiale war der Strom 16 Stunden weg − Fleisch, Wurst, Milch: alles Abfall, tonnenweise, 150.000 Euro Schaden, die Entsorgungskosten kommen obendrauf. 

Vor allem, dass Teile Berlins im Januar in tagelanger Dunkelheit versanken, wird nicht so schnell vergessen sein. Eine Kabelbrücke war angezündet worden, sie entpuppte sich als Nadelöhr ohne Backup-System. Gebrannt hatte es schon 2024 in Grünheide, nicht weit weg von der Hauptstadt. In der Tesla-Fabrik standen die Bänder still. Auch hier: Sabotage, ein Feuer an einem Mast außerhalb des Geländes. 

Wie steht es also um die Sicherheit dieser Anlagen der Kritischen Infrastruktur? Nicht so gut, wie es sein sollte, in diesen Zeitenwende-Zeiten. Die Zäune in älteren Umspannwerken sind so ausgelegt, dass sie die Menschen davor schützen, unbeabsichtigt einen Stromschlag zu bekommen. Wer reinkommen will, braucht − wie in Reutlingen − nur eine Zange. Angesichts zunehmender Sabotageakte, russischer Wegwerf-Agenten und Sprengstoffdrohnen nicht mehr ganz zeitgemäß. 

Was also wird getan, welche Ideen und Maßnahmen gibt es, um den Schutz zu verbessern? Schwieriges Thema. Die Netzbetreiber sprechen nicht gern darüber: zum einen, weil sie wissen, dass der Status quo zu wünschen übrig lässt, um es freundlich zu formulieren. Zum anderen, weil sie künftigen Saboteuren keine zusätzlichen Hinweise geben möchten. Es sind ohnehin schon genug Daten zur Kritischen Infrastruktur frei zugänglich. 

​Hohe Zäune und Kameras in Berlin

Fangen wir in Berlin an, dort war ja seit Tesla und Januar 2026 schon etwas Zeit, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Und man gibt sich vergleichsweise offen gegenüber E&M-Anfragen. Seit den Brandanschlägen, so ein Sprecher von Stromnetz Berlin, wurden alle Umspannwerke mit zusätzlichen temporären und 2,40 Meter hohen Zäunen und Sicherheitsdraht obendrauf nachgerüstet, insgesamt ergibt sich eine Zaunstrecke von 20 Kilometern. „Alle Anlagen sind zudem mit Kameras überwacht.

Aktuell sind 200 Kameras im Einsatz.“ Bei Annäherung einer Person sei auch eine direkte Ansprache über Lautsprecher möglich. Darüber hinaus habe man an den Umspannwerken und anderen Teilen des Netzes Sensorik im Einsatz, das Personal des Sicherheitsdienstleisters sei auf bis zu 130 Personen aufgestockt worden. 

Beim Bayernwerk, das ebenfalls kürzlich einen Sabotageakt an zwei Strommasten in Garching bei München gemeldet hatte, beschäftigt man sich ebenfalls mit der Zaunfrage. Ja, die Zäune der neu gebauten Umspannwerke genügten anderen Standards, die älteren Anlagen würden priorisiert nachgerüstet, so Bayernwerk-Netz-Sprecher Christian Martens. Dauerhafte Videoüberwachung, wie sie beispielsweise auf größeren Baustellen zum Einsatz kommt, werde bereits umgesetzt, ebenso eine Verstärkung beim Sicherheitspersonal. Weitere Maßnahmen seien in Planung und würden kontinuierlich ausgerollt, heißt es. 

Auch bei Netze BW ist von Überwachungstechnik die Rede, weiter von klaren Prioritäten, die gesetzt werden müssten, angesichts der Vielzahl von Anlagen. Konkret bedeutet das: Es gibt abgestufte Sicherheitskonzepte. „Besonders sensible Einrichtungen“ würden gezielt zusätzlich geschützt. Reutlingen-West, das gemeinsam mit Fair-Netz betrieben wird, ist eines von 330 Umspannwerken von Netze BW. Allein diese Zahl zeigt, dass die Versorger bei der Verbesserung der Sicherheit vor gewaltigen Aufgaben stehen. Ganz abgesehen von Tausenden Kilometern Hochspannungsleitungen. 

Mehr Notstromaggregate

Weil es bei diesen Dimensionen, wie es Bayernwerk-Chef Egon Leo Westphal formulierte, einen vollumfänglichen Schutz gegen extreme Gewalt nicht geben könne, bauen die Netzbetreiber auch ihre Fähigkeiten aus, beschädigte Anlagen schnell zu reparieren. „Gerade in einem so großen Flächennetz wie dem des Bayernwerks wird es immer auf eine entscheidende Fähigkeit ankommen: im Fall der Fälle schnell da und handlungsfähig zu sein.“ Und: Auch die Zahl der Notstromaggregate wird beim Bayernwerk erweitert, aus Berlin bestätigt der Netzbetreiber ebenfalls ein Aufrüsten in diesem Bereich. 

Richard Huber, Leiter Systemübergreifende Infrastruktur bei Netze BW, sagte bei einer Pressekonferenz zum Brandanschlag in Reutlingen, man passe nicht nur die Sicherheitskonzepte seit Jahren der steigenden Bedrohungslage an, sondern habe „massiv Mitarbeiter und Material aufgebaut, um zügig wiederversorgen zu können“. 

Autarke mobile Leitstelle

Das Unternehmen Netze BW war es auch, das kürzlich eine mobile Leitstelle in Betrieb genommen hat, die bei großflächigen Stromausfällen als Einsatzzentrale vor Ort dienen soll. Auch für Unwetter und Hochwasserlagen sieht sich das Unternehmen, das nach eigenen Angaben einen niedrigen sechsstelligen Betrag in die Eigenentwicklung gesteckt hat, damit gerüstet. Schließlich war die Idee dafür 2021 bei der Flutkatastrophe im Ahrtal entstanden.
 
Autark in jeder Hinsicht: die mobile Leitstelle, die Netze BW entwickelt hat
Quelle: Netze BW

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Netze BW hatten dort zum Teil wochenlang bei den Reparaturarbeiten geholfen und zwei wichtige Erkenntnisse mit nach Hause gebracht. Zum einen, wie wichtig im Notfall eine gute Koordinierung vor Ort ist. Und wie schwierig sich die gestaltet, wenn nicht nur der Strom, sondern auch Mobilfunk und weitere Infrastruktur ausfallen. Die mobile Leitstelle hat alles an Bord, um drei autarke Arbeitsplätze für die Notfallmanager zur Verfügung zu stellen: Batterien und ein Stromaggregat, Satellitenfunk, Betriebsfunk von Netze BW und analoge Funkgeräte. 

Auch das ist mit Sicherheit ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Denn nicht nur Extremwetterlagen häufen sich. Die Attacken russischer Hacker und Agenten werden immer dreister, im Dezember 2025 konnte gerade noch ein Blackout des polnischen Stromnetzes verhindert werden. Schiffe der Schattenflotte reißen mit dem Anker Strom- und Datenkabel auseinander. Auf linksextremistischen Internetseiten kursieren Hinweise, wie man Kabel wirkungsvoll anzündet, inklusive Einkaufsliste für den Baumarkt. Insgesamt wird es immer ungemütlicher: In Windkraftanlagen werden Kupferleitungen herausgesägt, aus PV-Anlagen Wechselrichter gestohlen und in Ladeparks die Kabel abgetrennt. Das Thema Sicherheit der Energieinfrastruktur ist ein vielfältiges geworden. 

Politik fordert „passgenaue Resilienzmaßnahmen“

Das ist, allerdings mit einiger Verspätung, auch in der Politik angekommen. Im März 2026 wurde das Kritis-Dachgesetz verabschiedet. Es legt auf Bundesebene erstmals einheitliche und sektorenübergreifende Mindestanforderungen für die Betreiber von Kritischer Infrastruktur fest. Dabei werden auch Risiken und wechselseitige Abhängigkeiten in den Blick genommen und „die Betreiber zu passgenauen Resilienz-Maßnahmen und zur Meldung von erheblichen Vorfällen wie Störungen oder Ausfällen verpflichtet“, heißt es aus dem Bundesinnenministerium. Es seien Risiko- und Gefährdungsanalysen vorgeschrieben sowie verpflichtende Schutzmaßnahmen. Entsprechende Regelungen hatte die EU schon 2024 eingefordert. 

Die Begeisterung bei den betroffenen Unternehmen, darunter die Energiewirtschaft, hält sich derweil in engen Grenzen. Geklagt wird über hohe Kosten und zusätzlichen Personalbedarf, unklare Zuständigkeiten, neue Melde- und Dokumentationspflichten, persönliche Haftungsrisiken und darüber, dass das Gesetz zu weit in die betriebliche Organisation eingreife. Dabei zeigt der Blick nach Reutlingen, Berlin und Garching, dass etwas passieren muss. Und zwar besser zu viel als zu wenig. (gd)