Preissprünge binnen Stunden – da wandern die Gedanken fast automatisch an die Tankstelle. Hier geht es aber nicht um Diesel und Benzin, sondern um Strom. Der erreichte am 24. Juni um 20.30 Uhr am Spotmarkt den Jahreshöchstwert von 747 Euro/MWh. Stunden zuvor hatte die Menge keine 200 Euro gekostet.
Zunächst einmal, wissen Fachleute wie Malte Rieck, ist das Wetter mittelbar der entscheidende Faktor für die schwankenden Preise. Der Meteorologe von der Vattenfall Energy Trading GmbH sprach bei einem Webinar davon, dass der Markt „wetterabhängiger“ wird.
Klarer Fall, in einem Energiesystem, das derzeit etwa zu 60 Prozent Strom aus Erneuerbaren wie Sonne und Wind integriert, ist das Angebot volatil. Und am Mittwoch gab es tagsüber ausreichend Sonne, aber 24 Stunden kaum Energie aus Wind. Als abends dann massenhaft die Klimaanlagen in den warmen Wohnungen ansprangen, schnellte der Strombedarf hoch, die teuren Gaskraftwerke fuhren an und trieben nach dem Merit-Order-Prinzip die Preise in die Höhe. So weit, so vorhersehbar.
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Der Strommarkt ist wetterabhängig: Malte Rieck von Vattenfall Quelle: Volker Stephan |
Wegen der Launen der Natur, die keine Just-in-time-Bestellungen für Sonnenstrahlen und Windböen entgegennimmt, gewinnt die möglichst präzise Vorhersage des Wetters an Bedeutung. „Es besteht ein starker Anreiz auf allen Ebenen für gute Wetterprognosen“, so Malte Rieck. Für ihn als Meteorologen heißt das, Prognosefehler der weitgehend automatisierten Wettermodelle zu antizipieren und falsche Schlüsse zu vermeiden.
„Sitzen alle auf einem kleinen heißen Stuhl“Unternehmen wie Vattenfall geben ihre auf Wetterprognosen basierenden Angebote an die Strombörse. Mittags – bei der Day-Ahead-Auktion – stellen alle Stromerzeuger ihre erwarteten Mengen ins Schaufenster, und der Preis bildet sich. Glauben sie an eine starke Produktion aus Erneuerbaren, drücken die Marktmechanismen bei den Auktionen den Preis. Und umgekehrt.
Spannend wird es, wenn die versprochenen Strommengen mangels Wind oder Sonne gar nicht zusammenkommen. Das kann ein Fehler in der Wetterprognose sein, die auf mehr Ökoenergie hindeutete als die Erzeuger dann liefern können. Die Pflicht zur sofortigen Stromabgabe besteht gleichwohl, also müsste Vattenfall an der Börse dann tagsüber bei anderen Unternehmen zum Marktpreis zukaufen. Das passiert dann über den Intra-Day-Handel, der ganz eigene Preise aufruft. Da wäre Vattenfall ausschließlich Käufer und damit Zuschauer, denn eigene fossile und leicht anzufahrende Kraftwerke hat das schwedische Unternehmen in Deutschland nicht mehr.
Im „einstelligen Prozentbereich“ bewege sich der Fehler im Day-Ahead-Handel, so Malte Rieck. Klingt wenig. Es geht aber an Tagen mit unvorhergesehenen Abweichungen von der Wetter- und Erzeugungsprognose um Millionenbeträge, im schlechtesten Fall Fehlbeträge. Und ein Prognosefehler sei eigentlich „immer da. Die Vorhersage lässt sich nie auf die Kilowattstunde genau mit der Erzeugung matchen.“
Meteorologen wie er arbeiten den Handelsteams des Unternehmens zu. Malte Rieck war einer der ersten seiner Zunft bei Vattenfall, inzwischen ist seine Einheit größer. „Wir sitzen alle zusammen auf einem kleinen heißen Stuhl“, sagt er auf die Frage, ob Prognosefehler aus seiner Abteilung ihn und das Team immer gut einschlafen lassen.
Ein Fehler in der Wetter- und Erzeugungsvoraussage ist jedoch keineswegs einer von Menschenhand. Wettermodelle arbeiten voll automatisiert, hinzu kommen KI-basierte Berechnungen, die noch genauere Daten liefern sollen. Sie alle können jedoch ein plötzliches Gewitter oder eine sich drehende Starkwindfront nie genau berechnen, schon gar nicht heruntergebrochen auf die Produktionsleistung von einzelnen Windkraftanlagen, von denen Vattenfall einige Tausend vermarktet.
Und so sieht Malte Rieck für seine Zunft nur „einige kritische Tage und Stunden am Tag“. Er könne allenfalls an kleinen Stellschrauben drehen, um abzuschätzen, wo und warum die Wettermodelle möglicherweise falsch liegen könnten. In täglichen Besprechungen mit den Handelsteams kommen dann die Risiken auf den Tisch, um Vorhersagen anzupassen.
Abschaltungen von Öko-Anlagen sind immer dann ein Thema, wenn für die erwartete Nachfrage zu viel Energie im System ist.
Die Speicherkapazitäten seien nach wie vor und absehbar nicht in dem
Maße vorhanden, dass Batterien Überschussstrom im GW-Maßstab zwischenlagern könnten, so Rieck.
Der Job macht Spaß, daran lässt Malte Rieck keinen Zweifel. Auch wenn es selten Lob gebe, wenn die Vorhersagen stimmen. Am Ende gilt: „Das Geschäft durch Vermarktung ist immer noch profitabel“ – also alles gut im teils hektischen Metier.