Wie können Länder im südlichen Afrika zu wichtigen Akteuren im globalen Handel mit grünem Wasserstoff werden? Und welchen Einfluss haben die Nachhaltigkeits- und Zertifizierungsvorgaben potenzieller Importländer auf diese Entwicklung? Ein neues Whitepaper untersucht diese Fragen – und beschreibt, warum strategische Entscheidungen bereits in frühen Projektphasen wichtig sind.
„Mit Hy Secunda tragen wir gleichermaßen zur Energiesicherheit in Deutschland und Europa und zur wirtschaftlichen Entwicklung im südlichen Afrika bei“, erklärt Christoph Nolden von der Fraunhofer-Einrichtung für Energieinfrastrukturen und Geotechnologien IEG dazu. Das Projekt sei ein Baustein für den internationalen Markthochlauf von grünem Wasserstoff und seiner Derivate. Es modelliere detailliert regionale erneuerbare Energien, einzelne Power-to-X-Projekte sowie den Wasserstoff-Weltmarkt. Es werden Aspekte wie Wasserverfügbarkeiten und Landnutzung untersucht, die Entwicklung von Stromerzeugungskapazitäten sowie von Exportmöglichkeiten.
Das Hy-Secunda-Projektteam verfolge, wie es in einer Fraunhofer-Mitteilung heißt, einen systemischen Ansatz, der Technologieentwicklung, regulatorische Rahmenbedingungen und Capacity Building integriert zusammenführt. Erst wenn diese drei Dimensionen gemeinsam gedacht würden, könnten nachhaltige Wertschöpfung, internationale Marktintegration und belastbare Wasserstoffpartnerschaften entstehen.
Qualitative Analyse relevanter ImportmärkteIm Rahmen des Vorhabens wurde jetzt ein Whitepaper veröffentlicht. Sein Titel lautet „Navigating PtX Certification Challenges: Qualitative Assessment of Sustainability Requirements and Cost Dynamics for Exports from the SADC Region“. Der Fachbeitrag bietet einen umfassenden Überblick über politische, rechtliche und ökonomische Rahmenbedingungen für PtX-Exporte aus Ländern der Entwicklungsgemeinschaft südliches Afrika (SADC).
Analysiert werden auch vier potenzielle Importregionen – die Europäische Union, das Vereinigte Königreich, Südkorea und Japan – mit Blick auf ihre jeweiligen Zertifizierungsschemata, rechtlichen Anforderungen und Marktanreizmechanismen. Dabei geht es unter anderem um die Erneuerbare-Energien-Richtlinie der EU (RED III) sowie Instrumente wie „H2Global“, „atmosfair fairfuel“ und verschiedene Quoten für nachhaltige Flugkraftstoffe.
Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung ist, dass sich die Nachhaltigkeitskriterien in den betrachteten Importregionen deutlich unterscheiden und in der EU am striktesten und detailliertesten ausgestaltet sind. „Diese unterschiedlichen Anforderungen wirken sich unmittelbar auf das technische Systemdesign, die Auslegung der PtX-Produktionsanlagen sowie auf Investitions- und Betriebskosten aus“, erläutert Elena Timofeeva, Forscherin am Fraunhofer IEG und Mitautorin des Whitepapers. Für Projektentwickler bedeute das, dass eine frühzeitige Festlegung auf einen Zielmarkt erforderlich ist, um Anlagen zertifizierungskonform und wirtschaftlich auslegen zu können.
DIN-Norm für Nachhaltigkeitskriterien
Schließlich fasst das Whitepaper politisches Feedback zu den PtX- Kriterien der EU sowie Ergebnisse aus Stakeholder Diskussionen zur PtX-Zertifizierung in der SADC-Region zusammen. Aufbauend auf den qualitativen Erkenntnissen sind im Projekt Hy Secunda weiterführende quantitative Analysen geplant, die den Einfluss der Nachhaltigkeitsanforderungen auf Kostenstrukturen und Systemkonfigurationen von PtX-Anlagen vertiefend untersuchen sollen.
Sowohl in der EU als auch auf anderen potenziellen Absatzmärkten müssen Wasserstoff und dessen Derivate bestimmten Nachhaltigkeitskriterien entsprechen. Dabei wirkt das Fraunhofer IEG an der Entwicklung der DIN-Norm DIN 35809 „Nachhaltigkeitskriterien für Wasserstoff und Wasserstoffderivate“ mit. Die Norm soll Grundsätze, Kriterien und Indikatoren definieren, um eine umfassende Bewertung ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Nachhaltigkeitsaspekte von Erzeugung, Transport und Speicherung von Wasserstoff und seinen Derivaten zu ermöglichen.
Das 46-seitige Whitepaper
„Navigating PtX Certification Challenges: Qualitative Assessment of Sustainability Requirementsand Cost Dynamics for Exports from the SADC-region“ ist über die Internetseiteder Fraunhofer-Gesellschaft downloadbar.
Das Hy-Secunda-Projekt hat zum Ziel, den Aufbau einer Wasserstoff-Exportwirtschaft in der Region zu untersuchen, zu unterstützen und zu begleiten. Das geschieht auf den drei Gebieten Capacity Building, Markt- und Systemanalyse inklusive Zertifizierung sowie Technologieentwicklung. Beteiligte externe Partner sind Linde, ITM Linde Electrolysis, Sasol und Enertrag SE.