Der Expertenrat für Klimafragen (ERK) hat die Emissionsdaten für das Jahr 2025 bestätigt, zugleich aber erhebliche Zweifel an den aktuellen Klimaprojektionen der Bundesregierung geäußert. Nach Einschätzung des unabhängigen Gremiums werden die Treibhausgasemissionen bis 2030 höher ausfallen als in den Projektionsdaten 2026 angenommen. Der Rat erwartet deshalb eine Überschreitung des zulässigen Emissionsbudgets um 60 bis 100
Millionen Tonnen CO2-Äquivalente.
Die Emissionen Deutschlands gingen 2025 laut Umweltbundesamt (UBA) lediglich um 0,1
Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück. Rückgänge in der Energiewirtschaft und der Industrie seien durch höhere Emissionen in den Bereichen Gebäude und Verkehr nahezu vollständig ausgeglichen worden. Der Expertenrat bestätigte die Berechnungen des Umweltbundesamts grundsätzlich. Die Projektionsdaten 2026 kommen zu dem Ergebnis, dass Deutschland das zulässige Emissionsbudget bis 2030 knapp einhalten könne.
Geplante Gesetze gefährden ZielerrichungDer Expertenrat widerspricht dieser Einschätzung jedoch. Nach Ansicht des Gremiums unterschätzen die Annahmen insbesondere in den Sektoren Energiewirtschaft und Gebäude die tatsächlichen Emissionen. Barbara Schlomann, Vorsitzende des Expertenrats, erklärte, die zugrunde liegenden Annahmen müssten aktualisiert werden. Zudem seien regulatorische Änderungen wie das geplante Gebäudemodernisierungsgesetz bislang nicht berücksichtigt worden.
Der Expertenrat verweist außerdem darauf, dass neben dem 65-Prozent-Minderungsziel für 2030 auch weitere Ziele voraussichtlich verfehlt werden. Das betreffe unter anderem das 88-Prozent-Minderungsziel für 2040, die Vorgaben der europäischen Lastenteilungsverordnung sowie das Ziel der Treibhausgasneutralität bis 2045.
Auch das Klimaschutzprogramm 2026 bewertet der Expertenrat kritisch. Nach einer erneuten Prüfung sowie einer Stichprobe einzelner Maßnahmen komme das Gremium zu dem Schluss, dass die tatsächliche Minderungswirkung des Programms geringer ausfallen dürfte als von der Bundesregierung angenommen. Selbst bei vollständiger Umsetzung seien die gesetzlichen Klimaziele bis 2040 aus Sicht des Rates nicht erreichbar.
Zusätzliche Maßnahmen gefordertSollte der Expertenrat im kommenden Jahr erneut eine Überschreitung des Emissionsbudgets feststellen, müsste die Bundesregierung laut Klimaschutzgesetz zusätzliche Maßnahmen vorlegen. Nach Einschätzung des Gremiums genüge das bestehende Klimaschutzprogramm nicht, um die Nachsteuerungspflicht abzuwenden. Zudem könnten weitere Klagen gegen die Klimapolitik der Bundesregierung folgen.
Besonders kritisch bewertet der Expertenrat den Bereich Landnutzung, Landnutzungsänderung und Forstwirtschaft, den sogenannten „LULUCF“-Sektor. Statt zu einer CO2-Senke zu werden, bleibe der Bereich laut den Projektionsdaten bis 2050 eine Treibhausgasquelle. Julia Pongratz, Mitglied des Expertenrats, erklärte, der bestehende Instrumentenkatalog reiche nicht aus, um den Handlungsbedarf in diesem Bereich zu bewältigen.
Umweltministerium prüft den BerichtBundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) kündigte an, die Warnungen des Expertenrats sorgfältig prüfen zu lassen. Die Klimaziele seien nicht nur für den europäischen Klimaschutz relevant, sondern auch für die Versorgungssicherheit Deutschlands. Schneider verwies auf die geopolitischen Unsicherheiten infolge des Iran-Konflikts und der Blockade der Straße von Hormus. Diese Entwicklungen könnten die Bedeutung erneuerbarer Energien weiter erhöhen.
Der Minister sprach sich für eine konsequente Umsetzung der bereits beschlossenen Klimaschutzmaßnahmen aus. Dazu gehörten unter anderem das Förderprogramm für Elektroautos, der weitere Ausbau erneuerbarer Energien sowie Reformen beim europäischen Emissionshandel. Auch die Haushaltsberatungen seien mit Blick auf Anreize für den Heizungstausch von Bedeutung.
Scharfe Kritik aus den UmweltverbändenKritik an der Klimapolitik der Bundesregierung kam zudem von Umweltverbänden. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) sieht sich durch das Gutachten in ihrer Klimaklage bestätigt und fordert Nachbesserungen beim Klimaschutzprogramm. Greenpeace sprach von einem deutlichen Signal für strengere Maßnahmen insbesondere im Verkehrs- und Gebäudesektor. Die Klima-Allianz Deutschland, der AWO-Bundesverband und der Deutscher Caritasverband forderten einen schnelleren Ausbau erneuerbarer Energien sowie Investitionen in klimafreundliche Mobilität und Heizsysteme.
Der Expertenrat für Klimafragen wurde 2020 eingerichtet und überprüft nach dem Klimaschutzgesetz die Emissionsdaten und Klimaschutzmaßnahmen der Bundesregierung. Seit September 2025 gehören dem Gremium Barbara Schlomann, Marc Oliver Bettzüge, Tanja Kneiske, Allister Loder und Julia Pongratz an.
Der
Bericht des Klimarates vom 18. Mai 2026 steht im Internet zur Einsicht bereit.