E&M: Herr Welteke-Fabricius, Sie sprechen immer wieder davon, dass wir Effizienz neu denken müssen. Was meinen Sie konkret?
Welteke-Fabricius: Die klassische Sicht auf Effizienz greift zu kurz. Bisher ging es vor allem darum, aus möglichst wenig Rohstoff möglichst viel Strom zu erzeugen. Heute kommt eine neue Dimension hinzu: der Zeitpunkt. Strom ist nur dann wirklich effizient, wenn er genutzt wird, wenn er verfügbar ist − sonst entstehen Zusatzkosten für Knappheit und Speicherung. Mit dem wachsenden Anteil volatiler Energien verändert das die Bewertung von Technologien grundlegend.
E&M: Welche Konsequenzen hat das für die Kraftwerkslandschaft?
Welteke-Fabricius: Vor allem große, träge Kraftwerke geraten unter Druck. Sie laufen weiter, obwohl Wind und Sonne bereits ausreichend Strom liefern − mit negativen Preisen als Folge. Systemisch ist das ineffizient. Stattdessen gewinnen flexible, dezentrale Anlagen an Bedeutung, etwa gasmotorische KWK oder Biogasspeicherkraftwerke. Sie können schnell reagieren und gezielt Residuallasten bedienen. Perspektivisch sehen wir bei Biogasanlagen eher 1.000 statt früher 8.000 Betriebsstunden im Jahr − dafür genau im richtigen Moment.
E&M: Das spricht gegen neue große Gaskraftwerke?
Welteke-Fabricius: Zumindest relativiert es deren Rolle. Große GuD-Anlagen sind vor allem im Dauerbetrieb effizient. Wenn sie nur wenige Stunden laufen, wird es wirtschaftlich schwierig, dann bleiben oft nur einfache Gasturbinen. Kleine Motoren sind flexibler, starten schneller und können zusätzlich Wärme nutzen. Deshalb stehen beide Technologien zunehmend im Wettbewerb − mit Vorteilen für dezentrale Lösungen.
E&M: Ein zentrales Thema ist Wasserstoff. Wie realistisch ist dessen Einsatz in bestehenden Anlagen?
Welteke-Fabricius: Das ist technisch anspruchsvoll. Viele heutige KWK-Anlagen vertragen nur begrenzte Wasserstoffanteile. Für höhere Beimischungen oder gar 100 Prozent sind umfangreiche Anpassungen an Brennraum, Materialien und Steuerung nötig. Im Ergebnis spricht man oft über neue Motoren. Retrofit-Lösungen stoßen hier an klare Grenzen.
E&M: Und wie sieht es mit der Infrastruktur aus?
Welteke-Fabricius: Die Umstellung der Erdgasnetze auf Wasserstoff ist eine große Herausforderung. Ganze Netzabschnitte müssten synchron umgestellt werden, das ist organisatorisch kaum leistbar. Deshalb entsteht derzeit eher ein paralleles Wasserstoff-Backbone teils auf Basis umgewidmeter Leitungen. Dieses wird vor allem Industriecluster versorgen, weniger die breite Gebäudewärme. Dort werden Wärmepumpen und Wärmenetze an Bedeutung gewinnen.
E&M: Welche Rolle kann Wasserstoff dann in der Wärmeversorgung spielen?
Welteke-Fabricius: Realistisch betrachtet eine geringe. Grüner Wasserstoff bleibt auf absehbare Zeit knapp und teuer. Ihn direkt zu verheizen, wäre volkswirtschaftlich ineffizient.
E&M: Gibt es Alternativen, um Wasserstoff besser nutzbar zu machen?
Welteke-Fabricius: Ja, hier kommt Biogas ins Spiel. In Deutschland fallen große Mengen CO2 aus Biogasanlagen an. Kombiniert man dieses mit grünem Wasserstoff, entsteht Methan. E-Methan ist speicher- und transportfähig und vollständig kompatibel mit der bestehenden Gasinfrastruktur. So ließen sich 80 bis 150 TWh pro Jahr erzeugen − ohne zusätzliche Biomasse.
E&M: Welche Rolle spielen dabei Biogasanlagen selbst?
Welteke-Fabricius: Eine zentrale. Biogasspeicherkraftwerke können flexibel Strom erzeugen und gleichzeitig als Plattform für die Methanisierung dienen. Sie nehmen Stromüberschüsse auf und wandeln sie in speicherbare Energie um.
E&M: Biomethan gilt als sofort verfügbare Lösung, aber mit begrenztem Potenzial. Wie bewerten Sie das?
Welteke-Fabricius: Biomethan kann von heute rund 13 auf 20 bis 30 TWh gesteigert werden. Darüber hinaus wird es schwierig, vor allem wegen der hohen Kosten für Aufbereitung und Einspeisung.
E&M: Wird die Rolle von Biogas und Biomethan politisch unterschätzt?
Welteke-Fabricius: Ja, eindeutig. Viele Strategien und Studien blenden Biogas aus, weil es politisch als weniger gewollt gilt. Dabei zeigen flexibilisierte Biogasanlagen deutliche Kostenvorteile gegenüber neuen Gaskraftwerken.
E&M: Ein weiteres Thema ist die geplante Grüngasquote im Gebäudesektor. Wie bewerten Sie diese?
Welteke-Fabricius: Kritisch. Es gibt bereits mehrere Förderinstrumente für dieselben Energieträger, etwa EEG, THG-Quote, ETS und BEHG. Eine zusätzliche Quote nur für den Wärmesektor birgt die Gefahr von Fehlanreizen und Verlagerungseffekten. Zudem könnte wertvolles Biomethan in ineffiziente Anwendungen wie Einzelheizungen gelenkt werden, statt dort eingesetzt zu werden, wo es den größten Klimanutzen bringt − etwa in der KWK.
E&M: Was wäre aus Ihrer Sicht die bessere Lösung?
Welteke-Fabricius: Ein systemischer Ansatz. Wenn eine Grüngasquote, dann sektorübergreifend für das gesamte Gasnetz − inklusive Stromerzeugung und Industrie. Zudem technologieoffen, also nicht nur für leitungsgebundenes Gas. Man könnte mit moderaten Quoten starten, etwa bei 12 Prozent, und diese schrittweise erhöhen. So entstünde ein echter Markt ohne Verzerrungen.
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Uwe Welteke-Fabricius Quelle: Flexperten |