Der zuständigen Austrian Power Grid liegen Netzzugangsanfragen über fast 32.000 MW vor. Die Bundesregierung sieht in der Erweiterung der Netze einen zentralen Wettbewerbsfaktor.
Wegen seines zu schwachen Übertragungsnetzes wird Österreich beim lastflusstbasierten Market Coupling immer häufiger vom übrigen europäischen Netz getrennt. Allein 2025 verursachte dies volkswirtschaftliche Kosten von etwa 900 Millionen Euro, berichtete der technische Vorstand des Übertragungsnetzbetreibers Austrian Power Grid (APG), Gerhard Christiner, am 7. April bei einer Pressekonferenz in Wien. Laut Christiner setzte sich dieser Betrag wie folgt zusammen: Im Durchschnitt war Strom 2025 in Österreich um rund 9,6 Euro pro MWh teurer als in Deutschland, was mit etwa 600 Millionen Euro zu Buche schlug. Maßnahmen der APG zum Engpassmanagement kosteten weitere rund 100 Millionen Euro. Dazu kamen 100 bis 200 Millionen Euro an Förderungen für die Stromerzeugung mit Photovoltaikanlagen zu Zeiten negativer Preise im Großhandel mit elektrischer Energie.
Das Problem ist laut Christiner die mangelnde „ganzheitliche Betrachtung“ der Energiewende. Seinem Unternehmen liegen derzeit Netzzugangsanfragen über insgesamt 31.600 MW vor. Davon entfallen 10.500 MW auf Windkraft- und PV-Anlagen, 12.000 MW auf Batteriespeicher, 4.700 MW auf Pumpspeicher, 2.500 MW auf Datencenter und 1.900 MW auf Industrieanlagen sowie Elektrolyseure. Um all diese Kapazitäten ins Netz zu integrieren, müsse die APG ihre Infrastrukturen dringend massiv erweitern, betonte Christiner. Insbesondere gelte es, die Verbindungen zwischen den Windparks und Solarkraftwerken im Osten Österreichs mit den Pumpspeichern im Westen des Bundesgebiets zu verstärken. Die derzeit verfügbaren Ost-West-Leitungen haben eine Kapazität von etwa 3.000 MW.
Ausbau kostet neun Milliarden Euro
Der aktuelle Netzentwicklungsplan der APG für die kommenden zehn Jahre umfasst Vorhaben mit einem Gesamtvolumen von etwa neun Milliarden Euro, berichtete Christiner. Darunter ist eine neue 380-kV-Leitung zwischen Obersielach in Ostkärnten und Lienz in Osttirol, die bestehende Verbindungen zum Teil ersetzt und auf den neuen Masten mitführt. Ein weiteres Projekt umfasst einen 220-kV-Ring im Großraum um die oberösterreichische Landeshauptstadt Linz. Dort will der Stahlkonzern Voestalpine bestehende Hochöfen durch Lichtbogenöfen ersetzen.
Der besseren internationalen Anbindung Österreichs dient die „Deutschlandleitung“ mit 380 kV, die die APG gemeinsam mit der Tennet realisiert. Christiner teilte der Redaktion mit, die 2,5 Kilometer auf österreichischem Staatsgebiet vom Netzknoten St. Peter in Oberösterreich bis Simbach in Bayern seien fertiggestellt. Die Tennet befinde sich mit ihrem etwa 70 Kilometer langen Abschnitt von der Staatsgrenze bis zum Umspannwerk Altheim bei Landshut „im Zeitplan. Wir sind sicher, dass die Leitung kommendes Jahr in Betrieb geht“.
Die Regulierungsbehörde E-Control hatte den Netzentwicklungsplan der APG im Januar genehmigt.
Verfahren beschleunigen
Der für Energiepolitik zuständige Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer von der konservativen Österreichischen Volkspartei (ÖVP) konstatierte, die Deutschlandleitung werde dazu beitragen, „den Preisspread zwischen Österreich und Deutschland zu verringern“. Die Versorgung mit sicherer, sauberer und erschwinglicher Energie sei ein zentraler Wettbewerbsfaktor. Dafür werde eine leistungsstarke Infrastruktur benötigt. Sowohl das im Wesentlichen seit Ende 2025 in Kraft befindliche Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) als auch das kommende Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungs-Gesetz (EABG) dienten dazu, die Genehmigungsverfahren für Stromleitungen zu straffen: „Wir möchten die Verfahrensdauern um etwa 50 Prozent verkürzen.“ Bei der Präsentation des endgültigen Regierungsentwurfs des EABG am am 26. März hatte Hattmannsdorfer sinngemäß bekundet, für eine rund 120 Kilometer lange 380-kV-Leitung sollen 2,5 Jahre statt fünf Jahre ausreichen.
Die Regierungsparteien – außer der ÖVP die Sozialdemokraten (SPÖ) und die Liberalen (Neos) – wollen das EABG am 8. April im Wirtschaftsausschuss des Parlaments debattieren. Wie mehrfach berichtet, benötigen sie für den Beschluss im Plenum eine Zweidrittelmehrheit und damit die Zustimmung entweder der rechtsgerichteten Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) oder der Grünen. Zurzeit zeichnet sich eine solche nicht ab.