Wegen des Krieges in Nahost steigt der Gaspreis im Großhandel auf den höchsten Stand seit Februar 2023. Verbraucher müssen sich zunächst wenig Sorgen machen.
Im Großhandel müssen Händler mit kurzfristigem Bedarf allerdings tief in die Tasche greifen. Hauptgrund ist ein fortgesetzter Lieferstopp von Flüssigerdgas (LNG) aus dem wichtigen Förderland Katar. Der Preis für den Erdgas-Terminkontrakt TTF zur Lieferung in einem Monat stieg am Morgen zeitweise auf 59,44 Euro/MWh. Er lag damit etwa 30 Prozent über dem Vortag. Wegen langfristiger Beschaffungsstrategien geben die Gasversorger steigende Börsenpreise nicht sofort und nicht in vollem Umfang an die Endkunden weiter. Verbraucher sind damit zunächst vor extremen Preissprüngen geschützt.
Anlage zum Export von LNG in Katar stillgelegt
Seit Beginn der Woche sind LNG-Exporte aus Katar gestoppt, nachdem eine wichtige Anlage zum Export von LNG nach einem iranischen Drohnenangriff stillgelegt worden war. Der Iran hat auch den Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus eingeschränkt, was zu zusätzlichen Engpässen im weltweiten Energiehandel führt. Eine erhöhte LNG-Nachfrage aus dem asiatischen Raum sorgte für zusätzlichen Preisdruck.
Noch stärker war der Gaspreis zuletzt zum Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine vor vier Jahren gestiegen. Damals lagen die Notierungen an der Börse in Amsterdam zeitweise über 300 Euro/MWh.
Verbraucher weniger betroffen
Der starke Anstieg der Gas-Großhandelspreise an der Börse hat nach Einschätzung des Vergleichsportals Verivox keine direkten Auswirkungen für Haushaltskunden. Grund seien deren zumeist längerfristige Verträge, erklärte das Portal.„Preisänderungen an den Börsen wirken sich erst mit einem Zeitverzug von bis zu zwölf Monaten auf die Gaspreise für Verbraucherinnen und Verbraucher aus“, sagte ein Sprecher.
Nach Angaben des Energieverbandes BDEW kaufen die meisten Energieversorger das Erdgas langfristig ein, um starke Preisschwankungen abzufedern. Dies bedeute, dass steigende Börsenpreise nicht sofort und nicht in vollem Umfang an die Endkunden weitergegeben würden.
Mahnung zum Ausbau der Erneuerbaren
Zahlreiche Stimmen aus Politik und Wirtschaft mahnen unterdessen, als Konsequenz aus der Eskalation im Nahen Osten und den Preissprüngen bei den fossilen Brennstoffen, wieder verstärkt den Ausbau der erneuerbaren Energien ins Visier zu nehmen.
Zum Beispiel Wolfgang Weber, Vorsitzender der Geschäftsführung des Zentralverbandes Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI): „Das energiepolitische Dreieck aus Preisstabilität, Klimaschutz und Versorgungssicherheit muss gerade auch in diesen geopolitisch angespannten Zeiten Maßstab der Energiepolitik sein.“
Die jüngste Eskalation im Nahen Osten zeige, wie direkt geopolitische Konflikte in einer zentralen Transitregion für fossile Energien auf Preise und Versorgungssicherheit in Deutschland durchschlagen − und so Industrie, Mittelstand und Verbraucher unmittelbar treffen.
„Das macht mehr als deutlich, wie dringend und entschlossen wir die Abhängigkeit von volatilen fossilen Importen in Deutschland und Europa verringern müssen. Den größten Hebel dafür haben wir an der Hand: Die Elektrifizierung auf Basis erneuerbarer Energien.“
Deshalb braucht es jetzt klare Prioritäten beim Ausbau und der Digitalisierung der Netze, beim Ausbau der Erneuerbaren und bei Speichern sowie verlässliche energiepolitische Rahmenbedingungen seitens der Bundesregierung. „Jetzt ist nicht der Moment, Tempo rauszunehmen oder gar die Richtung zu wechseln.“