Der Thinktank Agora Industrie und das Ökoinstitut in Freiburg beziffern die Kosten für das Abscheiden, den Transport und die Speicherung von Kohlendioxid (Carbon Capture and Storage, CCS) auf 150 bis 300 Euro je Tonne. Die beiden Organisationen veröffentlichten ihre Analyse am 12. Februar in Berlin. Die EU strebt an, die Emissionen von CO2 bis 2050 auf null zu senken.
Laut den Berechnungen liegen die Kosten bestehender oder geplanter CO2-Speicherprojekte mindestens 50 Prozent höher als frühere Prognosen. Grundlage ist die Auswertung aktueller Projektdaten aus dem Europäischen Wirtschaftsraum und dem Vereinigten Königreich. Damit übersteigen die ermittelten Kosten deutlich den CO2-Preis im Europäischen Emissionshandel ETS I, der derzeit bei rund 85 Euro je Tonne liegt. Unter diesen Bedingungen seien Investitionen in eine vollständige CCS-Prozesskette wirtschaftlich nicht darstellbar.
Einsatz nur für schwer vermeidbare EmissionenHinzu kommen lange Vorlaufzeiten. Für den Bau von CO2-Speichern unter dem Meeresboden veranschlagen die Autoren sechs bis 13 Jahre. Entsprechend wächst das verfügbare Speicherangebot nur langsam. Julia Metz, Direktorin von Agora Industrie, sieht dennoch eine Rolle für die Technologie. Erste Projekte zeigten, dass es für schwer vermeidbare Emissionen eine klimaneutrale Perspektive gibt.
Zugleich betont sie, CCS sei „noch teuer“. Damit der Hochlauf in Deutschland und Europa gelinge, müsse die Politik die Lücke zwischen CO2-Preis und tatsächlichen Kosten schließen und Investitionen in Infrastruktur absichern. Metz verweist dabei insbesondere auf Branchen ohne technische Alternativen zur Emissionsminderung wie die Zement- und Kalkindustrie sowie die Abfallwirtschaft.
Die Bundesregierung hat mit der jüngsten Novelle des Kohlenstoffdioxidspeichergesetzes die rechtliche Grundlage für einen kommerziellen Einsatz von CCS geschaffen. Nach Einschätzung der Autoren reicht das jedoch nicht aus. Für einen funktionierenden Markt brauche es eine industriepolitische Strategie für den gezielten Einsatz der Technologie, einen verlässlichen CO2-Preis sowie planerische und finanzielle Instrumente für Transport- und Speicherinfrastruktur.
Politik muss Rahmen schaffenFelix Matthes, Forschungskoordinator für Energie- und Klimapolitik am Ökoinstitut, fordert einen umfassenden „Policy-Mix“ für die kommenden zwei Jahrzehnte. CCS könne nur dann rechtzeitig verfügbar sein, wenn der Staat beim Aufbau der CO2-Infrastruktur, bei der Finanzierung und bei der Marktinitiierung eine aktive Rolle übernehme. Förderinstrumente und staatliche Absicherungsgarantien könnten Unternehmen in der Hochlaufphase helfen, die Differenz zwischen ETS-Preis und tatsächlichen Kosten zu überbrücken.
Die Analyse kommt zudem zu dem Ergebnis, dass die verfügbaren Speicherkapazitäten in Europa hinter den politischen Zielsetzungen zurückbleiben. Bestehende Projekte in der EU und Norwegen erwarten für Anfang der 2030er Jahre eine jährliche Einspeicherleistung von rund zehn Millionen Tonnen CO2. Das entspreche lediglich einem Fünftel des EU-Ziels von 50 Millionen Tonnen bis 2030.
Speicherbau beschleunigenUm den Bedarf bis 2050 zu decken, müssten nach Berechnungen der Autoren künftig jedes Jahr zwei Großspeicher mit jeweils fünf Millionen Tonnen CO2 Einspeicherleistung in Betrieb gehen. Angesichts der langen Projektlaufzeiten halten die Organisationen eine Beschleunigung des Ausbaus für erforderlich.
Metz fordert deshalb, Deutschland und die EU sollten die begrenzten Speicherkapazitäten prioritär für Emissionen reservieren, die sich technisch nicht vermeiden lassen. Parallel müsse die Bundesregierung verlässliche Rahmenbedingungen für Investitionen entlang der gesamten CCS-Wertschöpfungskette schaffen. Diese Fragen stellten sich auch mit Blick auf das für Herbst 2026 angekündigte CO2-Infrastrukturpaket der EU-Kommission.
Die 72-seitige Analyse von Agora Industrie und der Ökoinstitut Consult GmbH untersucht Kapazitäten und Kosten bestehender und geplanter Speicherprojekte in Europa sowie verschiedene Transportoptionen für CO2. Zudem formulieren die Autoren Empfehlungen für regulatorische und finanzielle Rahmenbedingungen, die den Markthochlauf der Technologie unterstützen sollen.
Die
CCS-Analyse von Agora und Ökoinstitut steht als PDF zum Download bereit.