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Michael Pecka
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Donnerstag, 01.01.2026, 05:23 Uhr
E&M Vor 20 Jahren
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Pflanzenöl-BHKW wärmt Kirchengemeinden
Auch vor 20 Jahren waren regenerative Brennstoffe bereits gefragt. Im Januar 2006 nahmen zwei Gelsenkirchener Kirchengemeinden eines Pflanzenöl-Blockheizkraftwerk in Betrieb. 
Die Gelsenkirchener Kirchengemeinden Bulmke und Hüllen modernisierten im Januar 2006, nach ihrem Zusammenschluss, die Energieversorgung ihres Gemeindezentrums: eine veraltete Gasheizzentrale wurde durch ein Pflanzenöl-Blockheizkraftwerk ersetzt, schrieb vor 20 Jahren E&M-Printredakteur Michael Pecka: 
 
Das von Jugendlichen und Senioren genutzte Gemeindehaus im Stadtteil Bulmke-Hüllen wurde bis September 2005 mit zwei Erdgas-Kesseln mit zusammen rund 250 kW Leistung beheizt. Um künftig auch das benachbarte Gebäude mit 17 Wohnungen beheizen zu können, entschied sich die Kirchengemeinde für ein Pflanzenöl-BHKW mit 45 kW thermischer und 30 kW elektrischer Leistung. Damit wird nicht nur der Nennwärme-Bedarf des Gebäudekomplexes von jährlich rund 218 000 kWh abgedeckt, sondern zudem etwa 136 000 kWh Strom im Jahr erzeugt.

Für die Verstromung von Pflanzenöl ist im novellierten Erneuerbare-Energien-Gesetz neben der Grundvergütung ein Bonus für die Verwendung ausschließlich nachwachsender Rohstoffe (NawaRo-Bonus) sowie ein Bonus für den Betrieb in Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) vorgesehen. Aus diesen drei Bestandteilen setzt sich kumulativ die Einspeisevergütung von rund 19 Cent/kWh für das BHKW zusammen, erklärt Markus Ernst, der die Anlage geplant hat.

Gegenüber der Verwendung von fossilen Brennstoffen „erspart uns der Betrieb mit Pflanzenöl Kosten in Höhe von 10 bis 15 Prozent“, so der Inhaber des Ingenieurbüros TGE in Haltern am See. Dabei kann das eingesetzte BHKW nicht nur mit Rapsöl, sondern - wie derzeit der Fall - auch mit Sojaöl betrieben werden. Kaltgepresstes Rapsöl dürfte in Zukunft „kurzfristig immer schwieriger zu beschaffen sein“, so Ernst, da die Kapazitäten der Ölmühlen in Deutschland begrenzt sind, die Nachfrage aber stetig ansteige. Auch bei dem Spitzenlastkessel mit 100 kW Leistung kommt Pflanzenöl zum Einsatz.

Bei dem BHKW handelt es sich um einen Dieselmotor des japanischen Herstellers Yanmar mit sechs Zylindern und 5 l Hubraum, den die Hubert Tippkötter GmbH in Warendorf auf den Betrieb mit Pflanzenöl umgerüstet hat. „Wir passen unter anderem die Kolben und die Einspritzanlage an“, erläutert Geschäftsführer Huber Tippkötter. Denn wie beim so genannten Elsbett-Motor wird der Kraftstoff so in den Verdichtungsraum des Motors eingespritzt, dass die Wände des Brennraums nicht benetzt werden. Dies ermöglicht den Einsatz nahezu aller „dieselähnlicher“ Kraftstoffe mit hoher Viskosität und soll ein Verkoken des Motors vermeiden. Rund 4 500 Stunden im Jahr wird die KWK-Anlage voraussichtlich in Betrieb sein, mit einem Gesamtwirkungsgrad von knapp 92 %.

Nach Angaben von Ernst läuft der Pflanzenöl-Motor bislang „ohne Probleme“. Allerdings muss das BHKW wegen des zum Teil verunreinigten Bio-Treibstoffs rund alle 300 Betriebsstunden von Verschmutzungen befreit und gewartet werden.
Etwa 120.000 Euro kostete die Sanierung der Energietechnik, die vom Land Nordrhein-Westfalen im Rahmen des REN-Programms für die „Rationelle Energieverwendung und Nutzung unerschöpflicher Energiequellen“ mit 20.000 Euro gefördert wurde.

„Die Kirchengemeinde leistet hierdurch einen kleinen, aber wichtigen Beitrag für die Entwicklung Gelsenkirchens zur Solarstadt“, betont Pfarrer Henning Disselhoff von der evangelischen Kirchengemeinde Bulmke. Durch die KWK-Anlage wird der Ausstoß von jährlich rund 96 t Kohlendioxid vermieden.

Auch Tippkötter weiß um die ökologischen und ökonomischen Vorteile von Pflanzenöl-BHKW. Sein mittelständisches Unternehmen bietet mit Diesel betriebene KWK-Anlagen in einem Leistungsspektrum von 5 bis 5.000 kW an. Bereits seit zwanzig Jahren widmet sich Tippkötter mit seinen heute 17 Mitarbeitern auch dem Thema Pflanzenöl und modifiziert Motoren mit 20 bis 300 kW elektrischer Leistung. Die Technik - die in den vergangenen Jahren aufgrund der geringen Einspeisevergütung nur in Nischen angewendet wurde - steht nach seiner Ansicht vor einem Aufschwung. „Die Nachfrage nach Pflanzenöl-Motoren wird ähnlich explodieren wie derzeit der Bereich der Biogasanlagen“, prognostiziert Tippkötter. Der Unternehmer hofft, künftig insgesamt 60 bis 80 Anlagen im Jahr verkaufen zu können, darunter auch zahlreiche Pflanzenöl-Motoren.