Der geplante Abriss des letzten Kühlturms am AKW Biblis wirft Fragen zum Artenschutz auf. Wildtierschutz Deutschland sieht eine Mehlschwalbenkolonie bedroht.
Der Rückbau des ehemaligen Atomkraftwerks Biblis in Hessen sorgt aus Sicht von Naturschützern für einen schweren Konflikt mit dem Artenschutz. Nach Angaben der Tier- und Naturschutzorganisation Wildtierschutz Deutschland e.V. steht mit der geplanten Sprengung des letzten verbliebenen Kühlturms eine der bedeutendsten Mehlschwalbenkolonien Deutschlands vor der Zerstörung. Die Organisation spricht in einer Mitteilung vom 6. Januar von einem bewussten Inkaufnehmen des Verlusts geschützter Brutstätten durch den Betreiber RWE.
Nach Darstellung der Organisation beherbergt der noch stehende Kühlturm den Großteil von ursprünglich 423 Brutnestern der Mehlschwalbe. Die Art gilt laut nationalem Bericht zur Vogelwelt als in einem ungünstig-unzureichenden Erhaltungszustand und wird in der aktuellen Roten Liste der Brutvögel Deutschlands als gefährdet geführt. Mit der vorgesehenen Sprengung des Bauwerks im Januar dieses Jahres würde diese Kolonie nach Einschätzung der Organisation vollständig verschwinden.
Verantwortlich für den Rückbau ist die RWE Nuclear GmbH, eine hundertprozentige Tochter der RWE AG mit Sitz in Essen, die operativ von der RWE Power AG geführt wird. Vorstand und Geschäftsführung der zuständigen Unternehmensbereiche hätten es versäumt, die Anforderungen des Bundesnaturschutzgesetzes rechtzeitig und wirksam umzusetzen, erklärte die Organisation.
Zwar habe RWE als Ausgleichsmaßnahme 2023 kurz vor dem Abriss der ersten beiden Kühltürme künstliche Mehlschwalbennester an etwa sieben Meter hohen Gestellen angebracht, heißt es seitens der Organisation weiter. Diese Maßnahme sei jedoch bislang wirkungslos. Die Pressesprecherin von Wildtierschutz Deutschland, Florinde Stürmer, erklärte, kein einziges der 423 angebrachten Nester sei bislang von Mehlschwalben angenommen worden. Die Nester seien zudem an Standorten errichtet worden, die für Gebäudebrüter ungeeignet seien.
Ausgleichsmaßnahmen müssen wirksam sein
Die Organisation bezieht sich dabei auf Angaben der Ehrenamtlichen Wildvogelhilfe e.V. Laut dieser habe es weder Brutnachweise gegeben, noch seien Anflüge an den Ersatznistplätzen beobachtet worden. Auch akustische Lockmaßnahmen, die Mehlschwalben an neue Brutplätze heranführen könnten, seien in den vergangenen Sommern ausgeblieben. Damit fehle aus Sicht der beteiligten Verbände ein funktionierender Ersatz für die bestehenden Lebensstätten. Gaby Weiß von der Ehrenamtlichen Wildvogelhilfe e.V. erklärte, das Bundesnaturschutzgesetz sehe vor, dass Ausgleichsmaßnahmen wirksam greifen müssten, bevor Brutstätten zerstört werden dürfen.
Wildtierschutz Deutschland kündigte an, die geplante Sprengung gemeinsam mit regionalen und überregionalen Partnern noch verhindern zu wollen. Neben der Ehrenamtlichen Wildvogelhilfe beteiligen sich nach Angaben der Organisation auch der Verein MUNA e.V. sowie der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Kreisverband Bergstraße, an den Protesten.
Eine öffentliche Stellungnahme von RWE zu den konkreten Vorwürfen der Naturschutzverbände lag zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht vor.