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Quelle: Davina Spohn
Davina Spohn
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Dienstag, 06.01.2026, 11:39 Uhr
Stromnetzengelte
E&M News
Kapazitätsbasierte Netzentgelte als Reformoption
Kapazitätsbasierte Netzentgelte könnten das Stromsystem effizienter und gerechter machen. Ein Modell zeigt, wie Anreize für Flexibilität Netze entlasten. 
Der Umbau des Energiesystems verändert die Anforderungen an die Stromnetze grundlegend. Wärmepumpen, Elektrofahrzeuge und PV-Anlagen erhöhen die gleichzeitigen Lasten in den Verteilnetzen, während das bestehende System der Netzentgelte kaum Anreize für ein netzdienliches Verhalten setzt.

Vor diesem Hintergrund bekräftigt die Hamburger Energiegenossenschaft Green Planet Energy ein Modell für kapazitätsbasierte Netzentgelte. Das Konzept gründet auf der Idee, Netznutzer stärker nach der von ihnen beanspruchten Leistung zu bepreisen. Haushalte sollten demnach künftig eine bestimmte Netzkapazität buchen, die sich an ihrem individuellen Bedarf orientiert. Diese gebuchte Leistung bildet die Grundlage für das Netzentgelt, unabhängig davon, wie viele Kilowattstunden tatsächlich verbraucht oder eingespeist werden. Überschreiten Verbrauchende die vereinbarte Kapazität, greifen zusätzliche Entgelte – allerdings nur dann, wenn das Netz tatsächlich ausgelastet ist.

Green Planet Energy hat das Modell von der Forschungsstelle für Energiewirtschaft e.V. (FfE) mit Sitz in München wissenschaftlich untersuchen lassen. In ihrer Studie „Kapazitätsbasierte Netzentgelte. Ein Modell für die zukünftige Energiewelt“ analysieren die Forscher auf Basis von Simulationen, wie sich kapazitätsbasierte Netzentgelte auf Stromkosten, Lastverläufe und Netzausbau auswirken könnten. Sie berücksichtigten dabei unterschiedliche Haushaltstypen, darunter Einfamilienhäuser mit Photovoltaikanlage, Batteriespeicher, Wärmepumpe und Elektrofahrzeug.
 
Studie „Kapazitätsbasierte Netzentgelte. Ein Modell für die zukünftige Energiewelt“ 
(zum Öffnen bitte auf das PDF klicken)
Quelle: Forschungsstelle für Energiewirtschaft

Bonus-Malus-System zur Grundlage

Zentrales Element des Modells ist ein Bonus-Malus-System. Wird die gebuchte Netzkapazität in Zeiten hoher Netzauslastung überschritten, fällt ein Malus an. Erfolgt der Mehrverbrauch hingegen in Phasen mit ausreichend freien Netzkapazitäten, entstehen keine zusätzlichen Kosten. Umgekehrt sollen Verbraucher belohnt werden, wenn sie Strom gezielt dann beziehen oder einspeisen, was zur Entlastung des Netzes beiträgt. Laut Green Planet Energy setzt das Modell damit auf gezielte Preissignale statt pauschaler Belastungen.

Die Ergebnisse der FfE-Studie zeigen laut der Hamburger Genossenschaft, dass kapazitätsbasierte Netzentgelte Lastspitzen deutlich reduzieren können. In den modellierten Szenarien sinkt die maximale gleichzeitig abgerufene Leistung in vielen Fällen erheblich, da Verbraucher ihren Stromverbrauch zeitlich verlagern. Besonders deutlich fallen die Effekte bei Haushalten mit steuerbaren Verbrauchseinrichtungen aus, etwa Wärmepumpen oder Ladesäulen für Elektrofahrzeuge.

Zugleich weist die Studie auf Kostenverschiebungen hin. Haushalte mit hohem Stromverbrauch und hoher Flexibilität können ihre Netzentgeltkosten deutlich senken, teils um mehr als die Hälfte. Für Verbraucher mit geringem Verbrauch und hohem Eigenverbrauch aus PV-Anlagen steigen die Netzentgelte dagegen in einigen Szenarien an. Die FfE sieht hier Anpassungsbedarf, um die Finanzierung der Netze dauerhaft sicherzustellen und ungewollte Verteilungswirkungen zu begrenzen.

Green Planet Energy versteht das Modell als Beitrag zur laufenden Debatte um die Reform der Netzentgeltsystematik. Die Bundesnetzagentur arbeitet derzeit an neuen Regelungen, die den Anforderungen eines zunehmend dezentralen und flexiblen Energiesystems gerecht werden sollen. Nach Einschätzung der Genossenschaft könnte ein kapazitätsbasiertes System dazu beitragen, Netzausbaukosten zu begrenzen und gleichzeitig Anreize für ein systemdienliches Verhalten von Verbrauchern und Erzeugern zu schaffen.

Ob und in welcher Form kapazitätsbasierte Netzentgelte künftig eingeführt werden, ist offen. Klar ist jedoch, dass die Ergebnisse der Studie die Diskussion um eine grundlegende Neuordnung der Netzentgelte weiter befeuern dürften. Die Frage, wie Kosten fair verteilt und Netze effizient genutzt werden können, bleibt damit zentral für die Energiewende.

Die 37-seitige Studie „Kapazitätsbasierte Netzentgelte. Ein Modell für die zukünftige Energiewelt“ der Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE) ist über die Internetseite von Green Planet Energy downloadbar.