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Neuer Hype PPA
In wenigen Jahren werden grüne Kraftwerke vor allem über Power Purchase Agreements finanziert. Solarparks werden dabei in Deutschland nach Brancheneinschätzungen den Anfang machen.
 
Von einem „Solar“-Park an diesem Tag zu sprechen, ist definitiv der falsche Begriff. Von Sonne keine Spur. Stattdessen schüttet es wie aus Eimern. Wer sich dennoch zum künftigen Solarpark Don Rodrigo in der Nähe der andalusischen Stadt Sevilla aufmacht, versinkt mitunter knöcheltief im rotbraunen Schlamm.

Für Benedikt Ortmann, der als Geschäftsführer die internationalen Solarprojekte im Baywa-Re-Konzern betreut, lohnt sich der mühsame Anmarsch bei einer Besichtigungstour dennoch: „Hier entsteht Europas erster großer Solarpark, der komplett ohne staatliche Förderung auskommt und finanziert wird.“

Das bayerische Energieunternehmen hat mit dem norwegischen Statkraft-Konzern eine Power-Purchase-Agreement-Vereinbarung für das 174-MW-Projekt getroffen. PPA sind marktkonforme, langfristige Stromabsatz- und Strombezugsverträge, von denen sich Erzeuger und Abnehmer gleichermaßen Vorteile versprechen. Bei Don Rodrigo werden die Skandinavier 15 Jahre lang alles an Strom abnehmen, was auf dem 190 Fußballfelder großen Kraftwerksareal erzeugt wird.
 
Don Rodrigo in Spanien ist der erste europäische Solarpark, der ohne staatliche Förderung wirtschaftlich betrieben werden kann
Bild: Baywa Re

Wenn in der Energiewirtschaft nach Blockchain derzeit ein Thema das Zeug hat, für einen zunehmenden Hype zu sorgen, dann sind es diese PPA im Ökostrommarkt. Warum? Nach einer jüngsten Szenariostudie des Beratungsunternehmens Enervis machen über PPA finanzierte Wind- und Solarprojekte bis 2020 lediglich 1 % der installierten grünen Kraftwerksleistung in Europa aus, da bislang der Zubau fast ausschließlich über staatliche Förderregime erfolgte. Dank stetig sinkender Stromgestehungskosten wird die Quote jedoch bis Mitte der 2020er-Jahre schon sprunghaft ansteigen. Anfang der 2030er-Jahre ist in diesem Enervis-Szenario der Zubau erneuerbarer Energien fast vollständig auf PPA-Basis erfolgt. Zehn Jahre später wird europaweit sogar die Hälfte aller installierten Wind- und Solarparks dank PPA-Verträgen in Betrieb sein − PPA sind dann das Standardinstrument für deren Finanzierung.

Eigentlich sind diese direkten Stromlieferverträge zwischen Erzeugern und meist Industriebetrieben vor allem im angelsächsischen und skandinavischen Raum bereits ein alter Hut. Rechtliche Hindernisse für den Abschluss von PPA-Verträgen gibt es auch in Deutschland, wie eine aktuelle Studie der Stiftung Umweltenergierecht zeigt. Wichtig dabei: Bei den PPA geht auch der Einspeisevorrang nicht verloren.

Mehr PPA demnächst für Ü20-Windturbinen erwartet

Hierzulande gewinnen PPA zurzeit im Zusammenhang mit den sogenannten Ü20-Windturbinen an energiewirtschaftlicher (und medialer) Bedeutung. Für den Weiterbetrieb dieser Windenergieanlagen, die ab 2021 nach teilweise über 20-jähriger Förderung keine Vergütung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz mehr erhalten, bieten sich PPA als neue Einnahmequelle an. Vor der Windmesse in Hamburg Ende September, auf der die Zukunft der Ü20-Anlagen zu den Topthemen zählte, sind erste Verträge für diese „Weiterbetriebsanlagen“ abgeschlossen worden.

„Die Kontrakte haben meist eine Laufzeit von zwei, drei bis maximal sechs Jahren. Die Vertragslaufzeiten hängen unter anderem vom technischen Zustand der Anlagen und der Möglichkeit zum Repowering ab“, sagt Sascha Schröder aus der Abteilung Commercial Strategy bei Statkraft Markets. Eine wachsende Zahl von PPA-Vereinbarungen für Altanlagen sei mehr als wahrscheinlich: „Je näher das Förderende heranrückt, desto mehr Verträge wird es geben.“

Neben diesem Segment für die Ü20-Anlagen gibt es auch die sogenannten Corporate PPA: Das sind die wirklich langfristigen Stromlieferverträge, mit denen Investoren ihre Solar- und Windparks finanzieren und absichern. Dass Statkraft mit Baywa Re den europaweit bislang längsten Solar-PPA abgeschlossen hat, liegt nicht allein an der höheren Solareinstrahlung in Südspanien. „Spanien zählt zu den Ländern mit den höchsten Strompreisen. Aber auch Faktoren wie der geringere Solarstromanteil dort und ein funktionierender Forward-Strommarkt tragen dazu bei, dass sich ein PPA-Projekt wie Don Rodrigo rechnet.“

Dass die Börsenstrompreise und insbesondere die Marktwerte für Wind- und Solarkraft einerseits und das EEG andererseits die PPA-Entwicklungen hierzulande beim Bau neuer Grünstromkraftwerke maßgeblich beeinflussen, zählt Thorsten Müller zum energiewirtschaftlichen Einmaleins. „Die Auktionen bei der Windkraft an Land haben zuletzt wieder zu höheren Zuschlagspreisen geführt, sodass ein PPA wirtschaftlich für eine der Vertragsparteien überhaupt keinen Sinn machen würde“, sagt der Energiemarktexperte bei der Stiftung Umweltenergierecht. Müller erwartet deshalb die ersten PPA für grüne Neubauprojekte im Solarsektor: „Bei der Windenergie wird es noch dauern.“

Eine Einschätzung, die Nicolai Herrmann vom Beratungshaus Enervis teilt: „Solange die Windauktionen unterzeichnet bleiben, wird es eine längere Warteschleife bis zum ersten durch ein PPA finanzierten Windpark in Deutschland geben.“ Vorher müssten eine Reihe von Fragen geklärt werden. Angefangen bei der Strukturierung des Reststrombezugs bei PPA zur Kundenbelieferung bis hin zu den erhöhten Eigenkapitalanforderungen von Banken. „PPA werden sich erst dann durchsetzen, wenn es mehr Wettbewerb und vor allem eine gewisse Standardisierung gibt“, betont Herrmann, „kein Anwalt in Deutschland hat derzeit einen fertigen PPA-Vertrag für ein Neuprojekt in der Schublade liegen, was zu vergleichsweise hohen Transaktionskosten führt.“

Eigenkapitalanteil auf Investorenseite wird deutlich steigen

Die Diskussionen um vereinheitlichte PPA-Vertragsmuster stehen noch ganz am Anfang. Diese Erkenntnis hat Inka Klinger aus der Abteilung Energie & Logistik der HSH Nordbank von der wohl mit knapp 1 000 Besuchern größten PPA-Konferenz in Amsterdam Ende November mit nach Hamburg zurückgebracht. Keine Illusionen macht sich die versierte Finanzierungsexpertin von Windparkprojekten über die gestiegenen Bonitäts- und Eigenkapitalanforderungen im langsam beginnenden PPA-Zeitalter: „Bei allem, was wir von den Vertragsabschlüssen aus Skandinavien wissen, gehe ich von einem Eigenkapitalanteil zwischen 40 und 50 Prozent aus, den der Investor tragen muss.“ Kein Vergleich mit der Zehn-Prozent-Quote, die Projektierer und Investoren aus dem EEG-Zeitalter kennen- und liebengelernt haben.

Dennoch erwartet Klinger, dass die Zahl von PPA-Abschlüssen insbesondere für neue Solar- und Windparks demnächst auch in Deutschland steigt: „Dafür wird auch die neue EU-Richtlinie für regenerative Energien sorgen, die explizit empfiehlt, PPA als Finanzierungsinstrument einzusetzen und administrative Hürden abzubauen.“

Auch wenn die Formulierungen in den endgültigen Richtlinien deutlich abgeschwächt wurden, setzt Robert Werner vom Hamburg-Institut auf PPA. „Diese Vertragskonstruktionen sind zwar kein Allheilmittel für die Ökoenergien, versprechen aber die Umlagekosten drastisch zu senken. Deshalb muss der Gesetzgeber für freie Bahn sorgen“, sagt der erfahrene Grünstromexperte. Für den weiteren Ökostromausbau ist nach seinen Worten wichtig, „dass PPA-Kapazitäten nicht unter einen Deckel fallen dürfen.“

Bleibt die Frage, wer hierzulande den ersten Corporate-PPA-Vertrag abschließt. Ein Kandidat ist zweifelsohne der Vattenfall-Konzern. „Das Interesse auf Kundenseite ist bemerkenswert groß“, sagt Christine Lauber, Director Sales & Origination bei der konzerneigenen Energiehandelstochter. Gerade Industriebetrieben reiche es nicht mehr aus, ihren Strombezug lediglich mit Zertifikaten „ergrünen“ zu lassen: „Was zählt, ist richtiger Ökostrom.“ Für das diesjährige Weihnachtsfest hat Lauber einen Wunsch: „Unter dem Tannenbaum würde ich gerne unseren ersten deutschen Corporate-PPA-Abschluss liegen haben.“
 

Ralf Köpke
© 2019 Energie & Management GmbH
Mittwoch, 19.12.2018, 10:22 Uhr

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