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Energie & Management > Aus Der Zeitung - Warten auf mehr Schwung
Quelle: E&M
Aus Der Zeitung

Warten auf mehr Schwung

Hinter den Direktvermarktern liegt ein ruhiges erstes Halbjahr, wie die Auswertung der *18. E&M-Umfrage zur Direktvermarktung zeigt. Was nervt, sind die Regelungen zum Redispatch 2.0.
Gekommen, um zu bleiben? Für die Energie Baden-Württemberg AG (EnBW) scheint es bei dieser Frage nur eine Antwort zu geben: Ja! Wobei die eigentlich ungestellte Frage lautete: Bleibt der Energiekonzern aus dem Südwesten weiterhin der bundesweit größte Direktvermarkter? Zum Jahreswechsel hatte EnBW zum ersten Mal die Poleposition bei dem Direktvermarktungsranking erobert, das Energie & Management bereits seit 2013 ermittelt, und dabei überraschenderweise den Abonnementsieger Statkraft Markets auf dem obersten Platz des Treppchens abgelöst.

Zur Mitte des Jahres konnte EnBW Platz eins nicht nur verteidigen, sondern den Vorsprung auf Platz zwei mit einem Portfolio von 11.070 MW leicht ausbauen: Mehr als 2.000 MW Leistung beträgt der Vorsprung auf die zweitplatzierte Quadra Energy GmbH, zeigen die Ergebnisse der mittlerweile 18. E&M-Direktvermarktungsumfrage.
Die Sektkorken haben bei EnBW nicht geknallt, dennoch hat das Team um Andreas Bader, Leiter Stromvermarktung Erneuerbare Energien und Batteriespeicher, das aktuelle Ranking zufrieden registriert: „Wir freuen uns über die gleichbleibende Positionierung, auch wenn uns bewusst ist, dass sich üblicherweise die Portfolien unterjährig kaum verändern.“

Bei den EnBW-Zahlen fällt auf, dass wie zu Jahresbeginn weiterhin das zu vermarktende Solar- größer ist als das Windportfolio. Nach Next Kraftwerke ist EnBW der bundesweit zweitgrößte Solarstromvermarkter, was Bader so erklärt: „Durch die kontinuierliche Optimierung unseres Angebots und unserer Plattform können wir positive Effekte für alle Anlagentechnologien erzielen.“

Noch mehr positive Effekte würde EnBW − und sicherlich auch andere Direktvermarkter − erzielen, wenn es auf dem deutschen Strommarkt endlich einfach zu handhabende Regelungen für den Redispatch 2.0 geben würde. Dass das Zusammenspiel zwischen den Direktvermarktern und den Übertragungsnetzbetreibern beim finanziellen Ausgleich im Verteilnetz nach wie vor nicht rundläuft, deutet auch Strommarktexperte Bader an: „Auch wenn wir frühzeitig mit der Umsetzung begonnen haben, bringt die Einführung des Redispatch 2.0 weiterhin große operative Herausforderungen mit sich. Gleichzeitig werden die Regelungen noch immer weiterentwickelt; auch in diesen Prozess bringen wir uns konstruktiv ein.“

Genauso vorsichtig abwartend äußert sich der EnBW-Mann zur Prognose für das Gesamtjahr: „Inmitten des anhaltenden Wachstums des gesamten Marktes für erneuerbare Energien, einschließlich der Direktvermarktung, streben wir nach wie vor eine führende Rolle in diesem wachsenden Markt an. Unser Portfolio wird kontinuierlich, basierend auf Risiko und Chancen, bewertet und angepasst.“

Apropos Wachstum bei den erneuerbaren Energien: Im ersten Halbjahr wuchs das bundesweite Direktvermarktungsportfolio via Marktprämie nach Zahlen der vier Übertragungsnetzbetreiber um etwas mehr als 2.100 auf gut 85.000 MW. Nach wie vor genügend Musik ist in der sonstigen Direktvermarktung: In diesem Segment wuchs die gemeldete Leistung weiterhin und hat sich seit einigen Wochen auf einem Niveau von deutlich mehr als 16.000 MW eingependelt. Sozusagen der Wachstumspool für Kurzfrist-PPA hierzulande.

Direktvermarktung via Marktprämie fehlte der Schwung

Insbesondere der Direktvermarktung via Marktprämie fehlte es im ersten Halbjahr an großem Schwung. Das spiegelt sich auch in den Ergebnissen der 18. E&M-Umfrage für die Direktvermarktung wider: Eine Reihe von Unternehmen hat Zahlen in die E&M-Zentrale nach Herrsching gemeldet, die sich kaum von ihren Daten zu Jahresbeginn unterscheiden.

Die drei größten Direktvermarkter
 UnternehmenMW
1EnBW11.700
2Quadra Energy9.000
3Statkraft Markets8.500

Zugelegt hat die Quadra Energy GmbH und ist damit auf Platz zwei beim Halbjahresranking mit einem Vertragsbestand von 9.000 MW zurückgekehrt. Nicht diese Platzierung überrascht, Platz zwei hatte Quadra Energy, die seit April 2021 wie der Windenergieanlagenhersteller Enercon zur Aloys Wobben Stiftung gehört, bereits Anfang 2022 inne. Damals lag das Düsseldorfer Handelshaus aber um rund 3.000 MW hinter einem namhaften Konkurrenzunternehmen aus der NRW-Landeshauptstadt, nämlich Statkraft Markets. Nun liegt Quadra um 700 MW vor Statkraft, die auf Platz drei abgerutscht sind.

Die größten Zuwächse
 UnternehmenMW
1Enercity AG492
2Baywa Re Energy Trading475
3GEWI GmbH400
4EnBW360
5Eon Energie Deutschland303
6Engie GmbH300

Diese Entwicklung spricht für die solide Arbeit in der Quadra-Zentrale am Düsseldorfer Flughafen. Bei den Umfragen im Jahr 2016 war Quadra Energy erstmals im E&M-Ranking mit einem gemeldeten Direktvermarktungspool von 3.000 MW gelistet worden, was auf Anhieb für einen Sprung unter die zehn größten Direktvermarkter bundesweit gereicht hatte. Schon damals prognostizierte E&M, dass „Enercons Arm fürs Stromgeschäft“ (so die damalige Überschrift) in absehbarer Zeit zu den Marktgrößen zählen würde. Bei der (damaligen) „engen Verzahnung mit Enercon“ (so ein weitere E&M-Formulierung) verfügte Quadra über einen besonderen Zugang zu den Windmüllern, die sich für eine getriebelose Windkraftanlage aus Ostfriesland entschieden hatten.

Dass Quadra nach wie vor viele Enercon-Anlagen unter Vertrag hat, daraus macht Geschäftsführer Thomas Krings keinen Hehl. Und dass Quadra sein Geld zu großen Teilen mit der Vermarktung von Windstrom verdient, ist auch nicht zu leugnen. Denn das Düsseldorfer Handelshaus ist mit einem Windportfolio von 7.900 MW erstmals der größte Windenergievermarkter beim E&M-Ranking.

Unternehmen hat sich von seinen früheren Wurzeln gelöst

Aber das Unternehmen hat sich längst von seinen früheren, festen Wurzeln gelöst. Dafür spricht beispielsweise, dass Quadra mittlerweile ein Solarportfolio von 1.100 MW vermarktet. Nach Next Kraftwerke, EnBW, Sunnic Lighthouse und Baywa Re ist Quadra mittlerweile zusammen mit MVV Trading der fünftgrößte Solarvermarkter hierzulande. In dem Segment sieht Geschäftsführer Krings weiteres Wachstumspotenzial: „Dass wir auch Solar können, hat sich bei den Betreibern herumgesprochen.“ Die Anfragen für die Stromvermarktung größerer Solarparks nehmen jedenfalls zu.

Deshalb ist es auch nur eine Frage der Zeit, wann Quadras Gesamtportfolio die symbolische 10.000-MW-Schwelle erreicht. Vorsichtig hochgerechnet auf Basis der bislang immer gemeldeten Zuwächse könnte das Ende 2024 der Fall sein. „Wir wollen das auf jeden Fall früher schaffen“, sagt Geschäftsführer Krings selbstbewusst.

Wann Statkraft Markets, die langjährige Dauernummer eins bei der E&M-Direktvermarktungsumfrage, mit seinem Portfolio wieder im fünfstelligen Bereich landet, will Marc Kohlenbach nicht prognostizieren. Der Strommarktexperte, der seit 2019 für die Deutschland-Dependance des norwegischen Energiekonzerns für das Direktvermarktungsgeschäft zuständig ist, verweist auf die derzeit „erschwerten“ Rahmenbedingungen: „Wir haben nicht nur mit höheren Kosten aufgrund der gestiegenen Strommarktpreise und höheren Risiken zu kämpfen, sondern auch mit den nicht ausgereiften Regelungen für den Redispatch 2.0.“

Gerade der Redispatch 2.0 verursache ungeahnt hohen Aufwand: „Die Gutschriften, die wir den Betreibern nach Netzabschaltungen überweisen müssen, können wir nur händisch umsetzen, da automatische Prozesse zwischen Netzbetreibern und uns nach wie vor nicht funktionieren“, so Kohlenbach. Seine Conclusio deshalb lautet: „Mit dem derzeitigen Portfolio von 8.500 Megawatt fühlen wir uns wohl. Das ist eine Menge, bei der wir mit unserem derzeitigen Team unseren Kunden den gewohnt guten Service bieten können.“

Dass Statkraft nicht mehr Marktführer mit einem − zu besten Zeiten − Portfolio von rund 12.500 MW ist, juckt Kohlenbach schon ein bisschen: „Natürlich macht es stolz, Marktführer zu sein, an erster Stelle stand für uns aber immer ein nachhaltig profitables Portfolio, die Größe des Portfolios und unser Rang im Wettbewerb kommen an zweiter Stelle.“

Die drei größten Windstrom-Direktvermarkter
 UnternehmenMW
1Quadra Energy GmbH7.900
2Statkraft Markets GmbH7.800
3EnBW5.077

Die drei größten Solarstrom-Direktvermarkter
 UnternehmenMW
1Next Kraftwerke GmbH6.103
2EnBW5.647
3Sunnic Lighthouse GmbH2.350

Die drei größten Biomassestrom-Direktvermarkter
 UnternehmenMW
1Energy2market GmbH1.691
2Next Kraftwerke GmbH1.657
3EWE Trading GmbH1.000

Für das Wachstum sollen nicht nur die von der Bundesregierung beschlossenen Ausbauziele bei den erneuerbaren Energien für diese Dekade sorgen. „Wir werden uns zum einen um die Vermarktung von Stand-Alone-Batterien kümmern, da diese Flexibilitäten einfach sehr wichtig für den politisch beschlossenen Umbau des deutschen Energiesystems sind“, kündigt Kohlenbach an. Zum anderen wird Statkraft Markets auch auf die Vermarktung größerer solarer Freiflächenanlagen weiterhin ein größeres Augenmerk legen. Dass Statkraft auch auf die Vermarktung kleiner Solaranlagen bis 750 kW Leistung setzt, hält Kohlenbach indes für ausgeschlossen: „Die Abwicklung von vielen Kleinanlagen ist nicht unser Kerngeschäft, das können Vermarkter besser, die auch im B2C-Sektor unterwegs sind. Außerdem lässt der Aufwand durch die Einführung des Redispatch derzeit keine Automatisierung der Prozesse zu.“

Beim Blick nach vorn macht Marktkenner Kohlenbach folgende Prognose: „Ich gehe davon aus, dass sich die Selektierung im Windsektor weiter fortsetzen wird. Ältere und kleinere Anlagen, die zudem noch an schlechteren Windstandorten stehen, werden es immer schwerer haben, einen Direktvermarkter zu finden.“

Eine Reihe von alten Windenergieanlagen ist bekanntlich im Land zwischen den Meeren, sprich Schleswig-Holstein, in Betrieb. An der dortigen Westküste, in der selbst ernannten Windenergie-Hauptstadt Husum, hat die ane.energy ihr Hauptdomizil. Kein Wunder, dass der norddeutsche Direktvermarkter eine Reihe von diesen Ü20-Anlagen unter Vertrag genommen hat und sie für Power-Purchase-Agreement-Vereinbarungen nutzt.

„Bei PPA-Verträgen liegt unser Schwerpunkt auch bei förderfähigen Anlagen bei einer Laufzeit zwischen einem und drei Jahren“, sagt Thomas Imber, Leiter Vertrieb und Produkte bei ane.energy. Nach seinen Worten hat das PPA-Geschäft wieder angezogen, nachdem es um die Jahreswende wegen der staatlichen verordneten Erlösabschöpfung gerade bei den Kurzfrist-PPA zum großen Einbruch gekommen war.

„Brot- und Buttergeschäft“ bleibt die Direktvermarktung

PPA gehören beispielsweise neben Marktzugangs- und IT-Lösungen für externe Kunden oder dem White-Label-Service für Drittanbieter zu dem durchaus beachtlichen Bauchladen von ane.energy. Das „Brot- und Buttergeschäft“ bleibt nach Imbers Worten die Direktvermarktung. Mit dem zur Jahresmitte gemeldeten Portfolio von 2.255 MW zeigen die Norddeutschen sich „sehr zufrieden“: „Wir bewegen uns in einem wirklich umkämpften Marktumfeld, in dem die Anforderungen ständig wachsen“, betont Imber.

Zu diesen wachsenden, „wechselnden“ Anforderungen zählen für ihn nicht nur die bereits erwähnte, mittlerweile aber beendete Erlösabschöpfung, sondern beispielsweise auch die im letzten Jahr gestiegenen Preise für Ausgleichsenergie und weiterhin Redispatch 2.0. „Deshalb liegt es an uns, unsere Prozesse und Produkte ständig zu optimieren und unser attraktives Stromabnehmerportfolio weiter auszubauen“, so Imber.

Für ihn nichts Neues. Er gehörte bereits zum Team des 2011 gegründeten Vorgängerunternehmens Green Energy Systems GmbH (GESY), das 2018 mit der Arge Netz Energie zu ane.energy verschmolzen wurde. An der Grundstruktur hat sich nichts geändert: Zu den Gesellschaftern gehören derzeit rund 400 Windparkbetreiber und 18 mitunter bekannte Unternehmen aus der Windbranche − mit dieser Struktur dürfte ane.energy der einzige Direktvermarkter hierzulande ohne „Konzernanschluss“ sein.

Der Gesellschafterpool von ane.energy verfügt über regenerative Kraftwerke mit mehr als 8.000 MW Leistung. Dass lediglich gut ein Viertel dieser Kapazität vom „eigenen“ Vermarkter betreut wird, liegt nach Worten von Thomas Imber an „unterschiedlichen Bewertungsansätzen und dem harten Wettkampf, in dem zum Teil strategische Preise geboten werden“. Außerdem gebe es im Unternehmen keinen „Kontrahierungszwang“ für die Anlagen der eigenen Gesellschafter.

Das Portfolio von ane.energy dürfte aber weiter wachsen, und zwar nicht nur im Windsegment. In Schleswig-Holstein und im weiteren Bundesgebiet entstehen immer mehr größere solare Freiflächenanlagen. „Die Photovoltaik ist auf jeden Fall ein wichtiges Geschäftsfeld für uns“, so Imber.

Von den Newcomern wie der Lumenaza GmbH oder CF Flex Power, die erstmals an einer der jüngsten Direktvermarktungsumfragen von E&M teilgenommen haben, hat sich bislang die pure.energy GmbH am besten entwickelt. Das deutsch-türkische Unternehmen hat für Mitte des Jahres einen Portfoliobestand von 1.520 MW gemeldet. Dabei soll es nicht bleiben, sagt Ulrich Haberland, der wie sein „Chef“, Firmengründer Servet Akgün, sein Handwerk bei Statkraft Markets gelernt hat: „Wir werden vom Markt immer besser wahrgenommen, sodass wir am Jahresende sicherlich höhere Zahlen präsentieren können.“ Für den Wachstumskurs spricht auch die Tatsache, dass pure.energy noch in diesem Jahr mit der Direktvermarktung in den Niederlanden starten will, für das kommende Jahre ist der Einstieg auf dem spanischen und italienischen Markt geplant.

Vom bisherigen Portfolio entfallen bei pure.energy gut zwei Drittel auf White-Label-Verträge. „Bei der Zusammenarbeit mit Drittanbietern können wir unsere Stärke ausspielen“, betont Haberland, „unser Vorteil ist, dass wir uns sehr flexibel auf Kundenwünsche und sich ändernde Rahmenbedingungen einstellen können.“

Deutliche Verkürzung der Fristen zum Bilanzkreiswechsel gefordert

Apropos Rahmenbedingungen: Damit die Geschäfte geschmeidiger laufen, hat pure.energy einen großen Wunsch an Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne): „Wir brauchen eine deutliche Verkürzung der Fristen zum Bilanzkreiswechsel. Das würde die Höhe der Bürgschaften deutlich reduzieren und in der Folge zu besseren Konditionen für die Anlagenbetreiber führen.“ Dass diese Neuregelung vor allem Newcomern wie pure.energy entgegenkäme, erwähnt Haberland eher im Nebensatz.

Dank erster namhafter Referenzkunden hierzulande ist die Deutschland-Dependance von pure.energy in Düsseldorf optimistisch, weiteres Standing zu gewinnen. Wer den nicht zu übersehenden Messestand des Unternehmens in der Haupthalle der diesjährigen E-world Ende Mai in Essen besucht hat, bekam schon das Gefühl vermittelt, dass es sich bei pure.energy nicht um eine Eintagsfliege handelt.
Die nächste E&M-Umfrage zur Direktvermarktung Anfang kommenden Jahres dürfte dafür erste Indizien liefern. Klar ist heute schon, dass die Zeiten, in denen ein Unternehmen den deutschen Markt für Direktvermarktung dominierte, vorbei sind. Auch das gehört zur Zeitenwende auf dem deutschen Energiemarkt.

*Die große Tabelle zur 18. E&M-Direktvermarktungsumfrage können Sie direkt unter diesem Link im E-Paper auf den Seiten 10 und 11 abrufen.

Dienstag, 26.09.2023, 10:39 Uhr
Ralf Kpke
Energie & Management > Aus Der Zeitung - Warten auf mehr Schwung
Quelle: E&M
Aus Der Zeitung
Warten auf mehr Schwung
Hinter den Direktvermarktern liegt ein ruhiges erstes Halbjahr, wie die Auswertung der *18. E&M-Umfrage zur Direktvermarktung zeigt. Was nervt, sind die Regelungen zum Redispatch 2.0.
Gekommen, um zu bleiben? Für die Energie Baden-Württemberg AG (EnBW) scheint es bei dieser Frage nur eine Antwort zu geben: Ja! Wobei die eigentlich ungestellte Frage lautete: Bleibt der Energiekonzern aus dem Südwesten weiterhin der bundesweit größte Direktvermarkter? Zum Jahreswechsel hatte EnBW zum ersten Mal die Poleposition bei dem Direktvermarktungsranking erobert, das Energie & Management bereits seit 2013 ermittelt, und dabei überraschenderweise den Abonnementsieger Statkraft Markets auf dem obersten Platz des Treppchens abgelöst.

Zur Mitte des Jahres konnte EnBW Platz eins nicht nur verteidigen, sondern den Vorsprung auf Platz zwei mit einem Portfolio von 11.070 MW leicht ausbauen: Mehr als 2.000 MW Leistung beträgt der Vorsprung auf die zweitplatzierte Quadra Energy GmbH, zeigen die Ergebnisse der mittlerweile 18. E&M-Direktvermarktungsumfrage.
Die Sektkorken haben bei EnBW nicht geknallt, dennoch hat das Team um Andreas Bader, Leiter Stromvermarktung Erneuerbare Energien und Batteriespeicher, das aktuelle Ranking zufrieden registriert: „Wir freuen uns über die gleichbleibende Positionierung, auch wenn uns bewusst ist, dass sich üblicherweise die Portfolien unterjährig kaum verändern.“

Bei den EnBW-Zahlen fällt auf, dass wie zu Jahresbeginn weiterhin das zu vermarktende Solar- größer ist als das Windportfolio. Nach Next Kraftwerke ist EnBW der bundesweit zweitgrößte Solarstromvermarkter, was Bader so erklärt: „Durch die kontinuierliche Optimierung unseres Angebots und unserer Plattform können wir positive Effekte für alle Anlagentechnologien erzielen.“

Noch mehr positive Effekte würde EnBW − und sicherlich auch andere Direktvermarkter − erzielen, wenn es auf dem deutschen Strommarkt endlich einfach zu handhabende Regelungen für den Redispatch 2.0 geben würde. Dass das Zusammenspiel zwischen den Direktvermarktern und den Übertragungsnetzbetreibern beim finanziellen Ausgleich im Verteilnetz nach wie vor nicht rundläuft, deutet auch Strommarktexperte Bader an: „Auch wenn wir frühzeitig mit der Umsetzung begonnen haben, bringt die Einführung des Redispatch 2.0 weiterhin große operative Herausforderungen mit sich. Gleichzeitig werden die Regelungen noch immer weiterentwickelt; auch in diesen Prozess bringen wir uns konstruktiv ein.“

Genauso vorsichtig abwartend äußert sich der EnBW-Mann zur Prognose für das Gesamtjahr: „Inmitten des anhaltenden Wachstums des gesamten Marktes für erneuerbare Energien, einschließlich der Direktvermarktung, streben wir nach wie vor eine führende Rolle in diesem wachsenden Markt an. Unser Portfolio wird kontinuierlich, basierend auf Risiko und Chancen, bewertet und angepasst.“

Apropos Wachstum bei den erneuerbaren Energien: Im ersten Halbjahr wuchs das bundesweite Direktvermarktungsportfolio via Marktprämie nach Zahlen der vier Übertragungsnetzbetreiber um etwas mehr als 2.100 auf gut 85.000 MW. Nach wie vor genügend Musik ist in der sonstigen Direktvermarktung: In diesem Segment wuchs die gemeldete Leistung weiterhin und hat sich seit einigen Wochen auf einem Niveau von deutlich mehr als 16.000 MW eingependelt. Sozusagen der Wachstumspool für Kurzfrist-PPA hierzulande.

Direktvermarktung via Marktprämie fehlte der Schwung

Insbesondere der Direktvermarktung via Marktprämie fehlte es im ersten Halbjahr an großem Schwung. Das spiegelt sich auch in den Ergebnissen der 18. E&M-Umfrage für die Direktvermarktung wider: Eine Reihe von Unternehmen hat Zahlen in die E&M-Zentrale nach Herrsching gemeldet, die sich kaum von ihren Daten zu Jahresbeginn unterscheiden.

Die drei größten Direktvermarkter
 UnternehmenMW
1EnBW11.700
2Quadra Energy9.000
3Statkraft Markets8.500

Zugelegt hat die Quadra Energy GmbH und ist damit auf Platz zwei beim Halbjahresranking mit einem Vertragsbestand von 9.000 MW zurückgekehrt. Nicht diese Platzierung überrascht, Platz zwei hatte Quadra Energy, die seit April 2021 wie der Windenergieanlagenhersteller Enercon zur Aloys Wobben Stiftung gehört, bereits Anfang 2022 inne. Damals lag das Düsseldorfer Handelshaus aber um rund 3.000 MW hinter einem namhaften Konkurrenzunternehmen aus der NRW-Landeshauptstadt, nämlich Statkraft Markets. Nun liegt Quadra um 700 MW vor Statkraft, die auf Platz drei abgerutscht sind.

Die größten Zuwächse
 UnternehmenMW
1Enercity AG492
2Baywa Re Energy Trading475
3GEWI GmbH400
4EnBW360
5Eon Energie Deutschland303
6Engie GmbH300

Diese Entwicklung spricht für die solide Arbeit in der Quadra-Zentrale am Düsseldorfer Flughafen. Bei den Umfragen im Jahr 2016 war Quadra Energy erstmals im E&M-Ranking mit einem gemeldeten Direktvermarktungspool von 3.000 MW gelistet worden, was auf Anhieb für einen Sprung unter die zehn größten Direktvermarkter bundesweit gereicht hatte. Schon damals prognostizierte E&M, dass „Enercons Arm fürs Stromgeschäft“ (so die damalige Überschrift) in absehbarer Zeit zu den Marktgrößen zählen würde. Bei der (damaligen) „engen Verzahnung mit Enercon“ (so ein weitere E&M-Formulierung) verfügte Quadra über einen besonderen Zugang zu den Windmüllern, die sich für eine getriebelose Windkraftanlage aus Ostfriesland entschieden hatten.

Dass Quadra nach wie vor viele Enercon-Anlagen unter Vertrag hat, daraus macht Geschäftsführer Thomas Krings keinen Hehl. Und dass Quadra sein Geld zu großen Teilen mit der Vermarktung von Windstrom verdient, ist auch nicht zu leugnen. Denn das Düsseldorfer Handelshaus ist mit einem Windportfolio von 7.900 MW erstmals der größte Windenergievermarkter beim E&M-Ranking.

Unternehmen hat sich von seinen früheren Wurzeln gelöst

Aber das Unternehmen hat sich längst von seinen früheren, festen Wurzeln gelöst. Dafür spricht beispielsweise, dass Quadra mittlerweile ein Solarportfolio von 1.100 MW vermarktet. Nach Next Kraftwerke, EnBW, Sunnic Lighthouse und Baywa Re ist Quadra mittlerweile zusammen mit MVV Trading der fünftgrößte Solarvermarkter hierzulande. In dem Segment sieht Geschäftsführer Krings weiteres Wachstumspotenzial: „Dass wir auch Solar können, hat sich bei den Betreibern herumgesprochen.“ Die Anfragen für die Stromvermarktung größerer Solarparks nehmen jedenfalls zu.

Deshalb ist es auch nur eine Frage der Zeit, wann Quadras Gesamtportfolio die symbolische 10.000-MW-Schwelle erreicht. Vorsichtig hochgerechnet auf Basis der bislang immer gemeldeten Zuwächse könnte das Ende 2024 der Fall sein. „Wir wollen das auf jeden Fall früher schaffen“, sagt Geschäftsführer Krings selbstbewusst.

Wann Statkraft Markets, die langjährige Dauernummer eins bei der E&M-Direktvermarktungsumfrage, mit seinem Portfolio wieder im fünfstelligen Bereich landet, will Marc Kohlenbach nicht prognostizieren. Der Strommarktexperte, der seit 2019 für die Deutschland-Dependance des norwegischen Energiekonzerns für das Direktvermarktungsgeschäft zuständig ist, verweist auf die derzeit „erschwerten“ Rahmenbedingungen: „Wir haben nicht nur mit höheren Kosten aufgrund der gestiegenen Strommarktpreise und höheren Risiken zu kämpfen, sondern auch mit den nicht ausgereiften Regelungen für den Redispatch 2.0.“

Gerade der Redispatch 2.0 verursache ungeahnt hohen Aufwand: „Die Gutschriften, die wir den Betreibern nach Netzabschaltungen überweisen müssen, können wir nur händisch umsetzen, da automatische Prozesse zwischen Netzbetreibern und uns nach wie vor nicht funktionieren“, so Kohlenbach. Seine Conclusio deshalb lautet: „Mit dem derzeitigen Portfolio von 8.500 Megawatt fühlen wir uns wohl. Das ist eine Menge, bei der wir mit unserem derzeitigen Team unseren Kunden den gewohnt guten Service bieten können.“

Dass Statkraft nicht mehr Marktführer mit einem − zu besten Zeiten − Portfolio von rund 12.500 MW ist, juckt Kohlenbach schon ein bisschen: „Natürlich macht es stolz, Marktführer zu sein, an erster Stelle stand für uns aber immer ein nachhaltig profitables Portfolio, die Größe des Portfolios und unser Rang im Wettbewerb kommen an zweiter Stelle.“

Die drei größten Windstrom-Direktvermarkter
 UnternehmenMW
1Quadra Energy GmbH7.900
2Statkraft Markets GmbH7.800
3EnBW5.077

Die drei größten Solarstrom-Direktvermarkter
 UnternehmenMW
1Next Kraftwerke GmbH6.103
2EnBW5.647
3Sunnic Lighthouse GmbH2.350

Die drei größten Biomassestrom-Direktvermarkter
 UnternehmenMW
1Energy2market GmbH1.691
2Next Kraftwerke GmbH1.657
3EWE Trading GmbH1.000

Für das Wachstum sollen nicht nur die von der Bundesregierung beschlossenen Ausbauziele bei den erneuerbaren Energien für diese Dekade sorgen. „Wir werden uns zum einen um die Vermarktung von Stand-Alone-Batterien kümmern, da diese Flexibilitäten einfach sehr wichtig für den politisch beschlossenen Umbau des deutschen Energiesystems sind“, kündigt Kohlenbach an. Zum anderen wird Statkraft Markets auch auf die Vermarktung größerer solarer Freiflächenanlagen weiterhin ein größeres Augenmerk legen. Dass Statkraft auch auf die Vermarktung kleiner Solaranlagen bis 750 kW Leistung setzt, hält Kohlenbach indes für ausgeschlossen: „Die Abwicklung von vielen Kleinanlagen ist nicht unser Kerngeschäft, das können Vermarkter besser, die auch im B2C-Sektor unterwegs sind. Außerdem lässt der Aufwand durch die Einführung des Redispatch derzeit keine Automatisierung der Prozesse zu.“

Beim Blick nach vorn macht Marktkenner Kohlenbach folgende Prognose: „Ich gehe davon aus, dass sich die Selektierung im Windsektor weiter fortsetzen wird. Ältere und kleinere Anlagen, die zudem noch an schlechteren Windstandorten stehen, werden es immer schwerer haben, einen Direktvermarkter zu finden.“

Eine Reihe von alten Windenergieanlagen ist bekanntlich im Land zwischen den Meeren, sprich Schleswig-Holstein, in Betrieb. An der dortigen Westküste, in der selbst ernannten Windenergie-Hauptstadt Husum, hat die ane.energy ihr Hauptdomizil. Kein Wunder, dass der norddeutsche Direktvermarkter eine Reihe von diesen Ü20-Anlagen unter Vertrag genommen hat und sie für Power-Purchase-Agreement-Vereinbarungen nutzt.

„Bei PPA-Verträgen liegt unser Schwerpunkt auch bei förderfähigen Anlagen bei einer Laufzeit zwischen einem und drei Jahren“, sagt Thomas Imber, Leiter Vertrieb und Produkte bei ane.energy. Nach seinen Worten hat das PPA-Geschäft wieder angezogen, nachdem es um die Jahreswende wegen der staatlichen verordneten Erlösabschöpfung gerade bei den Kurzfrist-PPA zum großen Einbruch gekommen war.

„Brot- und Buttergeschäft“ bleibt die Direktvermarktung

PPA gehören beispielsweise neben Marktzugangs- und IT-Lösungen für externe Kunden oder dem White-Label-Service für Drittanbieter zu dem durchaus beachtlichen Bauchladen von ane.energy. Das „Brot- und Buttergeschäft“ bleibt nach Imbers Worten die Direktvermarktung. Mit dem zur Jahresmitte gemeldeten Portfolio von 2.255 MW zeigen die Norddeutschen sich „sehr zufrieden“: „Wir bewegen uns in einem wirklich umkämpften Marktumfeld, in dem die Anforderungen ständig wachsen“, betont Imber.

Zu diesen wachsenden, „wechselnden“ Anforderungen zählen für ihn nicht nur die bereits erwähnte, mittlerweile aber beendete Erlösabschöpfung, sondern beispielsweise auch die im letzten Jahr gestiegenen Preise für Ausgleichsenergie und weiterhin Redispatch 2.0. „Deshalb liegt es an uns, unsere Prozesse und Produkte ständig zu optimieren und unser attraktives Stromabnehmerportfolio weiter auszubauen“, so Imber.

Für ihn nichts Neues. Er gehörte bereits zum Team des 2011 gegründeten Vorgängerunternehmens Green Energy Systems GmbH (GESY), das 2018 mit der Arge Netz Energie zu ane.energy verschmolzen wurde. An der Grundstruktur hat sich nichts geändert: Zu den Gesellschaftern gehören derzeit rund 400 Windparkbetreiber und 18 mitunter bekannte Unternehmen aus der Windbranche − mit dieser Struktur dürfte ane.energy der einzige Direktvermarkter hierzulande ohne „Konzernanschluss“ sein.

Der Gesellschafterpool von ane.energy verfügt über regenerative Kraftwerke mit mehr als 8.000 MW Leistung. Dass lediglich gut ein Viertel dieser Kapazität vom „eigenen“ Vermarkter betreut wird, liegt nach Worten von Thomas Imber an „unterschiedlichen Bewertungsansätzen und dem harten Wettkampf, in dem zum Teil strategische Preise geboten werden“. Außerdem gebe es im Unternehmen keinen „Kontrahierungszwang“ für die Anlagen der eigenen Gesellschafter.

Das Portfolio von ane.energy dürfte aber weiter wachsen, und zwar nicht nur im Windsegment. In Schleswig-Holstein und im weiteren Bundesgebiet entstehen immer mehr größere solare Freiflächenanlagen. „Die Photovoltaik ist auf jeden Fall ein wichtiges Geschäftsfeld für uns“, so Imber.

Von den Newcomern wie der Lumenaza GmbH oder CF Flex Power, die erstmals an einer der jüngsten Direktvermarktungsumfragen von E&M teilgenommen haben, hat sich bislang die pure.energy GmbH am besten entwickelt. Das deutsch-türkische Unternehmen hat für Mitte des Jahres einen Portfoliobestand von 1.520 MW gemeldet. Dabei soll es nicht bleiben, sagt Ulrich Haberland, der wie sein „Chef“, Firmengründer Servet Akgün, sein Handwerk bei Statkraft Markets gelernt hat: „Wir werden vom Markt immer besser wahrgenommen, sodass wir am Jahresende sicherlich höhere Zahlen präsentieren können.“ Für den Wachstumskurs spricht auch die Tatsache, dass pure.energy noch in diesem Jahr mit der Direktvermarktung in den Niederlanden starten will, für das kommende Jahre ist der Einstieg auf dem spanischen und italienischen Markt geplant.

Vom bisherigen Portfolio entfallen bei pure.energy gut zwei Drittel auf White-Label-Verträge. „Bei der Zusammenarbeit mit Drittanbietern können wir unsere Stärke ausspielen“, betont Haberland, „unser Vorteil ist, dass wir uns sehr flexibel auf Kundenwünsche und sich ändernde Rahmenbedingungen einstellen können.“

Deutliche Verkürzung der Fristen zum Bilanzkreiswechsel gefordert

Apropos Rahmenbedingungen: Damit die Geschäfte geschmeidiger laufen, hat pure.energy einen großen Wunsch an Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne): „Wir brauchen eine deutliche Verkürzung der Fristen zum Bilanzkreiswechsel. Das würde die Höhe der Bürgschaften deutlich reduzieren und in der Folge zu besseren Konditionen für die Anlagenbetreiber führen.“ Dass diese Neuregelung vor allem Newcomern wie pure.energy entgegenkäme, erwähnt Haberland eher im Nebensatz.

Dank erster namhafter Referenzkunden hierzulande ist die Deutschland-Dependance von pure.energy in Düsseldorf optimistisch, weiteres Standing zu gewinnen. Wer den nicht zu übersehenden Messestand des Unternehmens in der Haupthalle der diesjährigen E-world Ende Mai in Essen besucht hat, bekam schon das Gefühl vermittelt, dass es sich bei pure.energy nicht um eine Eintagsfliege handelt.
Die nächste E&M-Umfrage zur Direktvermarktung Anfang kommenden Jahres dürfte dafür erste Indizien liefern. Klar ist heute schon, dass die Zeiten, in denen ein Unternehmen den deutschen Markt für Direktvermarktung dominierte, vorbei sind. Auch das gehört zur Zeitenwende auf dem deutschen Energiemarkt.

*Die große Tabelle zur 18. E&M-Direktvermarktungsumfrage können Sie direkt unter diesem Link im E-Paper auf den Seiten 10 und 11 abrufen.

Dienstag, 26.09.2023, 10:39 Uhr
Ralf Kpke

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