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Enerige & Management > Interview - Sieverding: "Entbürokratisierung des Eigenverbrauchs überfällig"
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INTERVIEW:
Sieverding: "Entbürokratisierung des Eigenverbrauchs überfällig"
Wie die wachsende Zahl von Prosumern künftig verstärkt eingebunden werden kann, wollte E&M von Udo Sieverding, dem Energieexperten der Verbraucherzentrale NRW, wissen.
 
E&M: Herr Sieverding, im Zusammenhang mit der Energiewende ist viel von der Schaffung dezentraler Versorgungsstrukturen die Rede. Hat die Politik bislang versäumt, die Prosumer in das Gelingen der Energiewende einzubinden?

Sieverding: Das ist leider so. Das hat auch jüngst ein Gutachten gezeigt, das die Energierechtskanzlei von Bredow Valentin Herz in unserem Auftrag erstellt hat: Die aktuelle Gesetzeslage macht es Privatleuten zum Beispiel nahezu unmöglich, Solarstrom im kleinen Kreis zu teilen, etwa mit einem einzelnen Mieter in der Einliegerwohnung. Die Gesetze sind für die wachsende Zahl von Prosumern so unübersichtlich, dass manche Verstöße schlicht aus Unwissenheit passieren. Nach geltendem Recht beispielsweise wird ein Anlagenbetreiber, der einen Mieter mitversorgt, automatisch zum Energieversorger mit allen dazugehörigen Pflichten.

Wie ein Unternehmen mit Tausenden von Kunden! Das ist nicht zeitgemäß und lebensfremd, die monströse Bürokratie mehrerer Gesetze steht hier dem Fortschritt im Weg und muss dringend vereinfacht werden. Und wenn das Teilen von Strom schon im eigenen Haus kaum legal möglich ist, will ich von der Energieversorgung von Nachbarn oder Arealen gar nicht erst reden. Gleiches gilt auch für das Laden von Elektroautos.

E&M: Ist das von Ihnen beschriebene Dilemma politisch gewollt oder basiert es eher auf Unwissenheit?

Sieverding: Die Zurückhaltung vor allem des Bundeswirtschaftsministeriums und der Bundesnetzagentur bei Weichenstellungen für Prosumer geht vor allem auf die Sorge um die sogenannte Entsolidarisierung der Selbstversorger zurück. Das ist bis zu einem gewissen Grad verständlich, aber insgesamt zu kurz gedacht. Denn die Dezentralisierung ist ein entscheidender Teil der Energiewende und Prosumer gestalten genau diese mit, was sie zu wichtigen Playern in der Energiewende macht.

Den Prosumer-Trend zu stoppen oder zu behindern, steht deshalb nicht im Einklang mit den ausgegebenen Zielen. Die Entwicklung von Geschäfts- und Verteilungsmodellen zu verzögern, ist zudem auch deshalb riskant, weil da natürlich Forschung, Entwicklung und Geschäftsmodelle dranhängen. Die finden im Zweifelsfall dann eben woanders statt. Außerdem entwickelt sich parallel zur Ausbauwelle der erneuerbaren Energien eine immer feinteiligere und leistungsfähigere digitale Kommunikationstechnik. Auch hier gibt es Zukunftschancen, die nicht verpasst werden sollten. Für die Politik muss klar sein: Wer die alte Versorgungswelt durch Nichtstun schützen will, vertrödelt wichtige Zeit.
E&M: Steigt die Zahl von Prosumern wirklich?
 
Udo Sieverding: „Die Verknüpfung der Sektoren ist das Gebot der Stunde“
Bild: Verbraucherzentrale NRW

Sieverding: Das tut sie bisher und wir gehen stark davon aus, dass sie das auch weiterhin tun wird. Dafür wird allein schon der Sinkflug der Preise bei der Photovoltaik sorgen, der meines Erachtens weitergehen wird. Nach einer von uns erstellen Studie aus dem Jahr 2017 könnten allein in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2030 rund 2,6 Millionen Prosumer-Anlagen auf und in Wohnhäusern Strom erzeugen. Das Modul auf dem eigenen Dach ist ein guter Einstieg für die Prosumer-Bewegung, das technologische Spektrum ist aber viel größer. In Zukunft werden auch Fassaden im Kleinen und Großen zur Energiequelle. Zusätzlich gibt es die heute noch oft belächelten solaren Balkonmodule, die mit Leistungen von 300 bis 600 Watt pro Haushalt zum Einsatz kommen – viel Kleinvieh macht eben auch Mist. Und das Schöne ist: Jeder, der will, kann diese Mini-Module auf seinem Balkon installieren, Hauseigentümer ebenso wie Mieter.

E&M: Apropos Mieterstrom, für den sich auch die Verbraucherzentralen stark gemacht haben: Die bisherige Entwicklung ist wohl kaum als Erfolgsgeschichte zu bezeichnen?

„Wir brauchen dringend ein Mieterstromgesetz 2.0“

Sieverding: Das ist leider so. Der mangelnde Erfolg der ‚großen Mieterstromlösung‘, wie wir sie nennen, kommt nicht überraschend und hat mit ihrem halbherzigen gesetzlichen Rahmen zu tun. Die Regelung ist gegen den ausdrücklichen Willen des Bundeswirtschaftsministeriums und der Bundesnetzagentur Teil der letzten Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes geworden. Auch hier ist das Argument die Entsolidarisierung bei den Netzkosten. Es hindert aber ja niemand die Bundesregierung daran, eine Abgaben- und Umlagenreform vorzunehmen, die das Problem beseitigt, ohne den Ausbau dezentraler Energieerzeugung zu behindern.

Bei den Wohnungsgesellschaften als Anlagenbetreiber geht es darum, ob sie Gewerbesteuer nur auf den Mieterstrom zahlen müssen oder auf das Geschäft insgesamt. Für die Stadtwerke wäre das natürlich ernstzunehmende Konkurrenz, aber für den Wettbewerb versprechen wir uns durch die Power der Wohnungswirtschaft mehr Dynamik. Das ganze Modell Mieterstrom läuft jedoch derzeit schleppend und fast nur über Dienstleister als Anlagenbetreiber, weil es sonst nicht attraktiv ist. Wir brauchen also dringend ein Mieterstromgesetz 2.0.

E&M: Wenn wir schon bei Gesetzesänderungen sind: Was müssen Politik und Regulierungsbehörden noch anpacken, um Prosumer angemessen in die Energiewende einzubinden?

Sieverding: Wir brauchen dringend eine Entbürokratisierung des Eigenverbrauchs, damit der Mieter unkompliziert den Solarstrom des Vermieters in seiner Wohnung oder in seinem Elektroauto nutzen kann, wenn er denn möchte. Im nächsten Schritt sollte es im Peer-to-peer-Geschäft beispielsweise per Blockchain möglich sein, dass die Nachbarn den Stromüberschuss aus einer privaten Solardachanlage zum Laden ihrer E-Fahrzeuge nutzen und dafür ein angemessenes Netzentgelt zahlen. An kurzfristigen Gesetzesänderungen ist zudem die Abschaffung des solaren Ausbaudeckels von 52 000 Megawatt notwendig. Bleibt es bei dieser Förderobergrenze, trifft das den weiteren Solarausbau ins Mark.

E&M: Was ist bei der Sektorkopplung auf Prosumer-Ebene möglich?

Sieverding: Die Verknüpfung von Sektoren ist das Gebot der Stunde, auch bei den Prosumern. Das Thema muss aber im Zusammenhang mit der ebenfalls gebotenen sozial gerechten Reform der Abgaben und Umlagen gesehen werden. Hier muss mit Blick auf 2030 jetzt mit Augenmaß und Verbindlichkeit gehandelt werden. Damit jeder weiß, dass seine Investitionen in Effizienz und Klimaschutzmaßnahmen im Wärme- und Mobilitätssektor den nächsten Regierungswechsel übersteht, also auch in fünf oder zehn Jahren noch vernünftig erscheint. Fest steht dabei: Mit einer CO2-Abgabe auf Wärme und Treibstoff und der Entlastung des Strompreises können sich E-Mobility und Gebäudeeffizienzmaßnahmen am besten rechnen. Wer den Erfolg der Energiewende will, der muss aber endlich auch den Prosumern legislativ entgegenkommen.
 

Ralf Köpke
© 2019 Energie & Management GmbH
Freitag, 01.03.2019, 09:35 Uhr

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