SF6-Schaltanlage im Umspannwerk Großgartach, nur wenige Kilometer vom Solvay-Werk in Bad Wimpfen entfernt. Quelle: Transnet BW
Eine Studie zeigt, dass sich mit Atmosphärenmessungen die Emissionen besonders klimaschädlicher Gase lokalisieren lassen. Eine massive SF6-Quelle hat schon für Aufsehen gesorgt.
Schwefelhexafluorid (SF6) gehört zu den stärksten Treibhausgasen überhaupt: Ein einziges Kilogramm entfaltet über 100 Jahre eine Klimawirkung wie rund 24 Tonnen CO2. Das Gas kommt wegen seiner Eigenschaften als Isoliergas in Hoch- und Höchstspannungsschaltanlagen zum Einsatz.
Messungen der Goethe-Universität Frankfurt im Auftrag des Umweltbundesamtes (UBA) zeigen, dass die Emissionen des hochwirksamen Treibhausgases in Deutschland regional stark ungleich verteilt sind, wie es in einer Mitteilung des UBA heißt. Mithilfe umfangreicher Messdaten und moderner Modellrechnungen hätten die Forschenden gezeigt, dass sich die regionale Verteilung der Emissionen hierzulande anders darstellt, als bisher angenommen.
Grundlage der Analyse ist erstmals ein deutschlandweit konsistenter Datensatz aus allen verfügbaren SF6-Messungen. Dazu zählen kontinuierliche Messungen des UBA an der Zugspitze, Daten des Taunus-Observatoriums der Goethe-Universität Frankfurt sowie ergänzende Messreihen aus dem europäischen ICOS-Netzwerk für standardisierte Treibhausgasmessungen. Die Auswertung der Messdaten erfolgte in Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen Partnern.
UBA-Präsident Dirk Messner: „F-Gase wie Schwefelhexafluorid haben ein enorm schädliches Klimapotenzial. Deshalb brauchen wir moderne Messsysteme, die nicht nur Trends erkennen, sondern auch regionale Hotspots sichtbar machen. Gemeldete Emissionsdaten und real gemessene Konzentrationen in Zusammenhang zu bringen schafft eine wichtige Grundlage für zielgerichtete Minderungsmaßnahmen.“
Regionaler Hotspot in Bad WimpfenFür einen Emissionshotspot in Südwestdeutschland, die Firma Solvay im baden-württembergischen Bad Wimpfen, wurden Emissionen von rund 30 Tonnen SF6 pro Jahr für den Zeitraum 2021 bis 2023 abgeschätzt. Auffällig war, dass diese räumliche Konzentration nicht mit den bisher offiziell gemeldeten Emissionsquellen übereinstimmte, die eher eine gleichmäßige Verteilung erwarten ließ. Zwar stimmten die Gesamtemissionen für Deutschland gut mit den an die UN gemeldeten Werten überein, doch wurden andere Emissionsquellen überschätzt.
Solvay mit Sitz in Belgien stellt in Bad Wimpfen SF6-Gas her, die Messergebnisse hatten Anfang des Jahres für großen Wirbel und heftige Kritik an den Umweltbehörden gesorgt. Auch die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen gegen die Firma aufgenommen, die selbst für das Jahr 2023 Emissionen von nur rund 56 Kilogramm angegeben hatte. Seither arbeiten das Unternehmen und staatliche Stellen an Lösungen, wie sich die Emissionen vermeiden oder zumindest senken lassen. Auch muss Solvay strenge Auflagen bei der SF6-Produktion erfüllen, bei Verstößen drohen hohe Strafzahlungen. Diese Redaktion hatte im Januar ausführlich über den Fall berichtet. Die Messwerte waren um die Weihnachtszeit 2025 bekannt geworden.
Als weiteren zentralen Erfolg im Zusammenhang mit dem Studienprojekt wertet das UBA die ersten kontinuierlichen Messungen von Stickstofftrifluorid (NF3) in Deutschland. Es handelt sich dabei ebenfalls um ein extrem langlebiges und klimaschädliches Gas, es wurde hierzulande bislang jedoch nicht gemessen. Seit Februar 2023 erfassen Forschende am Taunus-Observatorium erstmals NF3 in der Atmosphäre. Die Messungen zeigen einen moderaten globalen Konzentrationsanstieg, aber nur wenige lokale Emissionsereignisse, was auf derzeit geringe regionale Quellen in Deutschland schließen lässt.
„Die Studie macht deutlich, wie wichtig kontinuierliche Atmosphärenmessungen für das Verständnis realer Emissionsmuster sind. Die Ergebnisse liefern eine entscheidende Grundlage, um Emissionsberichte zu verbessern, bislang unbekannte Quellen zu identifizieren und gezielte Maßnahmen zur Reduktion besonders klimaschädlicher Gase zu entwickeln“, so das Umweltbundesamt.
SF6 wird als Isoliergas in Hoch- und Höchstspannungsschaltanlagen eingesetzt. Dort ist es in Röhren eingeschlossen, durch die Stromleitungen geführt werden. Wegen der extrem guten Isoliereigenschaften von SF6 – es reagiert praktisch nicht mit anderen Stoffen – können auf diese Weise selbst Höchstspannungsanlagen auf engem Raum in einer Halle untergebracht werden. Leitungen in Freiluftumspannwerken müssen mehrere Meter Abstand voneinander haben, damit es keine Kurzschlüsse gibt. SF6 und NF3 gehören zu den stärksten bekannten Treibhausgasen, die 24.300- bzw. 17.400-fach klimaschädlicher sind als CO2. Während SF6 bereits in bestimmten Bereichen reguliert oder verboten ist, wird NF3 international bisher nur wenig beachtet, obwohl es zunehmend in der Halbleiterindustrie eingesetzt wird.
Donnerstag, 2.04.2026, 14:49 Uhr
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