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Energie & Management > Inside EU Energie - Neues Gleichgewicht
Quelle: Pixabay / NakNakNak / E&M
Inside EU Energie

Neues Gleichgewicht

Unser Brüsseler Korrespondent Tom Weingärtner kommentiert in seiner Kolumne „Inside EU Energie“ energiepolitische Themen aus dem EU-Parlament, der EU-Kommission und den Verbänden.
Drei Monate nach der konfliktbedingten Schließung der Straße von Hormus ist nicht absehbar, wann die Welt wieder regelmäßig mit Öl, Gas und Ölprodukten aus der Golfregion beliefert wird. Trotzdem sieht die Gaswirtschaft vorerst keine Engpässe auf dem europäischen Gasmarkt.

Auch für den kommenden Winter mache man sich „keine Sorgen“, erklärte die EU-Kommission Ende vergangener Woche nach einem Treffen der Gaskoordinierungsgruppe, in der die EU-Mitgliedstaaten und wichtige Akteure der Gaswirtschaft vertreten sind: „Die Gruppe geht davon aus, dass die Speicher bis Ende des Sommers zu 80 Prozent gefüllt werden können. Das würde die Gasversorgung für den Winter 2026/27 sichern.“

Staatliche Interventionen seien derzeit nicht geplant. Die Entwicklung der Einspeicherung werde jedoch weiter beobachtet und regelmäßig neu bewertet.

Tatsächlich haben sich die Unternehmen der Branche nach dem jüngsten „Engpass-Bericht“ der europäischen Regulierungsbehörde Acer darauf eingestellt, die Versorgung auch ohne russisches Gas sicherzustellen. Nach dem Ausfall der russischen Lieferungen im Jahr 2022 bilde sich ein neues Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage.
Tom Weingärtner Quelle: E&M


Gasflüsse haben sich verschoben

Dazu tragen nach Ansicht der Regulierungsbehörde in Ljubljana zwei Entwicklungen bei: ein deutlicher Nachfragerückgang und eine höhere Leistungsfähigkeit der Infrastruktur. Offensichtlich ist es der Branche seit dem russischen Überfall auf die Ukraine gelungen, das vorhandene Leitungsnetz auf eine andere Lieferstruktur umzustellen.

Gas wird inzwischen nicht mehr überwiegend von Ost nach West transportiert, sondern kreuz und quer durch die Europäische Union. An 40 Prozent der Interkonnektoren hat sich die Haupttransportrichtung gegenüber 2021 geändert. Deutschland bleibt ein wichtiges Transitland, doch das weitergeleitete Gas kommt heute vor allem aus dem Norden und Westen. Frankreich hat sich zu einem Transitland entwickelt und leitet Gas aus Spanien nach Belgien und Deutschland weiter.

Zusätzliche LNG-Terminals und Investitionen in das Leitungsnetz haben neue Transportrouten ermöglicht, die Kapazität erhöht und das Pipelinenetz „rekonfiguriert“. Damit reagierte die Gaswirtschaft auf den Anstieg der LNG-Importe und die Notwendigkeit, die Ukraine mit Unterstützung der EU zu versorgen.

Die neue Struktur des Gasmarktes ist durch einen geringeren Verbrauch und neue Lieferwege geprägt. Im Jahr 2025 lag die Nachfrage nach Erdgas in der EU bei 340 bcm und damit 18 Prozent unter dem Niveau von 2021. Fast die Hälfte wurde durch LNG gedeckt, 2021 waren es erst 23 Prozent.

Stabilisierung des Preisniveaus

Darauf haben sich die Unternehmen nach Ansicht von Acer erfolgreich eingestellt. Als wichtigsten Hinweis nennen die Regulierer die Stabilisierung des Preisniveaus. Zwischen Anfang 2024 und 2026 schwankten die Preise deutlich weniger als in den beiden Jahren zuvor und pendelten sich bei rund 36 Euro/MWh ein. Das lag über dem Niveau vor dem Ukrainekrieg von 31 Euro/MWh, aber deutlich unter dem Durchschnittspreis von 87 Euro zwischen Anfang 2022 und Ende 2023.

Ein weiteres Indiz sei der Rückgang von Engpässen und der damit verbundenen Erlöse der Netzbetreiber. Im vergangenen Jahr waren 24 Interkonnektoren überbucht, ähnlich viele wie im Jahr zuvor. 2023 waren es noch 35, 2022 sogar 50. Die Engpasserlöse lagen zuletzt bei rund 140 Millionen Euro jährlich, gegenüber 52 Millionen Euro im Jahr 2021.

Engpässe bestehen weiterhin in West-Ost-Richtung und im Südosten der EU. Dort steigen die Risiken wegen der wachsenden Nachfrage in der Region und in der Ukraine. Stark ausgelastet sind zudem die Leitungen zwischen Frankreich und Belgien sowie zwischen Deutschland und Polen.

Das neue Gleichgewicht auf dem europäischen Gasmarkt ist damit noch nicht so stabil wie vor dem Ukrainekrieg. Die Unternehmen versuchen jedoch, sich wieder stärker über langfristige Lieferverträge abzusichern. So verhandelt der deutsche Versorger Sefe (vormals Gazprom Germania) über einen Vertrag zur Lieferung von einer Million Tonnen Flüssigerdgas pro Jahr. Der kanadische Energieminister Tim Hodgson sagte am 27. Mai in Vancouver, das Gas werde im geplanten Gasfeld Ksi Lisims in British Columbia gefördert und ab 2030 zur Verfügung stehen. Die Laufzeit des Vertrags soll 20 Jahre betragen. Zudem zeigt sich, dass die Marktteilnehmer ihre Beschaffungsstrategien an die veränderten Rahmenbedingungen angepasst haben. Sie sichern Mengen früher und breiter ab als noch vor wenigen Jahren.

Vorerst macht sich auf dem europäischen Gasmarkt jedoch weiterhin die Krise im Nahen Osten bemerkbar – durch stärkere Preisschwankungen und Preise von mehr als 50 Euro/MWh. Mit einer Rückkehr zu dem Anfang dieses Jahres erreichten Gleichgewicht ist zu rechnen, wenn die Straße von Hormus wieder geöffnet wird.


Donnerstag, 4.06.2026, 09:00 Uhr
Tom Weingärtner
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Neues Gleichgewicht
Unser Brüsseler Korrespondent Tom Weingärtner kommentiert in seiner Kolumne „Inside EU Energie“ energiepolitische Themen aus dem EU-Parlament, der EU-Kommission und den Verbänden.
Drei Monate nach der konfliktbedingten Schließung der Straße von Hormus ist nicht absehbar, wann die Welt wieder regelmäßig mit Öl, Gas und Ölprodukten aus der Golfregion beliefert wird. Trotzdem sieht die Gaswirtschaft vorerst keine Engpässe auf dem europäischen Gasmarkt.

Auch für den kommenden Winter mache man sich „keine Sorgen“, erklärte die EU-Kommission Ende vergangener Woche nach einem Treffen der Gaskoordinierungsgruppe, in der die EU-Mitgliedstaaten und wichtige Akteure der Gaswirtschaft vertreten sind: „Die Gruppe geht davon aus, dass die Speicher bis Ende des Sommers zu 80 Prozent gefüllt werden können. Das würde die Gasversorgung für den Winter 2026/27 sichern.“

Staatliche Interventionen seien derzeit nicht geplant. Die Entwicklung der Einspeicherung werde jedoch weiter beobachtet und regelmäßig neu bewertet.

Tatsächlich haben sich die Unternehmen der Branche nach dem jüngsten „Engpass-Bericht“ der europäischen Regulierungsbehörde Acer darauf eingestellt, die Versorgung auch ohne russisches Gas sicherzustellen. Nach dem Ausfall der russischen Lieferungen im Jahr 2022 bilde sich ein neues Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage.
Tom Weingärtner Quelle: E&M


Gasflüsse haben sich verschoben

Dazu tragen nach Ansicht der Regulierungsbehörde in Ljubljana zwei Entwicklungen bei: ein deutlicher Nachfragerückgang und eine höhere Leistungsfähigkeit der Infrastruktur. Offensichtlich ist es der Branche seit dem russischen Überfall auf die Ukraine gelungen, das vorhandene Leitungsnetz auf eine andere Lieferstruktur umzustellen.

Gas wird inzwischen nicht mehr überwiegend von Ost nach West transportiert, sondern kreuz und quer durch die Europäische Union. An 40 Prozent der Interkonnektoren hat sich die Haupttransportrichtung gegenüber 2021 geändert. Deutschland bleibt ein wichtiges Transitland, doch das weitergeleitete Gas kommt heute vor allem aus dem Norden und Westen. Frankreich hat sich zu einem Transitland entwickelt und leitet Gas aus Spanien nach Belgien und Deutschland weiter.

Zusätzliche LNG-Terminals und Investitionen in das Leitungsnetz haben neue Transportrouten ermöglicht, die Kapazität erhöht und das Pipelinenetz „rekonfiguriert“. Damit reagierte die Gaswirtschaft auf den Anstieg der LNG-Importe und die Notwendigkeit, die Ukraine mit Unterstützung der EU zu versorgen.

Die neue Struktur des Gasmarktes ist durch einen geringeren Verbrauch und neue Lieferwege geprägt. Im Jahr 2025 lag die Nachfrage nach Erdgas in der EU bei 340 bcm und damit 18 Prozent unter dem Niveau von 2021. Fast die Hälfte wurde durch LNG gedeckt, 2021 waren es erst 23 Prozent.

Stabilisierung des Preisniveaus

Darauf haben sich die Unternehmen nach Ansicht von Acer erfolgreich eingestellt. Als wichtigsten Hinweis nennen die Regulierer die Stabilisierung des Preisniveaus. Zwischen Anfang 2024 und 2026 schwankten die Preise deutlich weniger als in den beiden Jahren zuvor und pendelten sich bei rund 36 Euro/MWh ein. Das lag über dem Niveau vor dem Ukrainekrieg von 31 Euro/MWh, aber deutlich unter dem Durchschnittspreis von 87 Euro zwischen Anfang 2022 und Ende 2023.

Ein weiteres Indiz sei der Rückgang von Engpässen und der damit verbundenen Erlöse der Netzbetreiber. Im vergangenen Jahr waren 24 Interkonnektoren überbucht, ähnlich viele wie im Jahr zuvor. 2023 waren es noch 35, 2022 sogar 50. Die Engpasserlöse lagen zuletzt bei rund 140 Millionen Euro jährlich, gegenüber 52 Millionen Euro im Jahr 2021.

Engpässe bestehen weiterhin in West-Ost-Richtung und im Südosten der EU. Dort steigen die Risiken wegen der wachsenden Nachfrage in der Region und in der Ukraine. Stark ausgelastet sind zudem die Leitungen zwischen Frankreich und Belgien sowie zwischen Deutschland und Polen.

Das neue Gleichgewicht auf dem europäischen Gasmarkt ist damit noch nicht so stabil wie vor dem Ukrainekrieg. Die Unternehmen versuchen jedoch, sich wieder stärker über langfristige Lieferverträge abzusichern. So verhandelt der deutsche Versorger Sefe (vormals Gazprom Germania) über einen Vertrag zur Lieferung von einer Million Tonnen Flüssigerdgas pro Jahr. Der kanadische Energieminister Tim Hodgson sagte am 27. Mai in Vancouver, das Gas werde im geplanten Gasfeld Ksi Lisims in British Columbia gefördert und ab 2030 zur Verfügung stehen. Die Laufzeit des Vertrags soll 20 Jahre betragen. Zudem zeigt sich, dass die Marktteilnehmer ihre Beschaffungsstrategien an die veränderten Rahmenbedingungen angepasst haben. Sie sichern Mengen früher und breiter ab als noch vor wenigen Jahren.

Vorerst macht sich auf dem europäischen Gasmarkt jedoch weiterhin die Krise im Nahen Osten bemerkbar – durch stärkere Preisschwankungen und Preise von mehr als 50 Euro/MWh. Mit einer Rückkehr zu dem Anfang dieses Jahres erreichten Gleichgewicht ist zu rechnen, wenn die Straße von Hormus wieder geöffnet wird.


Donnerstag, 4.06.2026, 09:00 Uhr
Tom Weingärtner

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