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Verbände und Unternehmen kritisieren den Entwurf des Netzentwicklungsplans Strom 2037/2045 (NEP) der Übertragungsnetzbetreiber und fordern von der Bundesnetzagentur Nachbesserungen.
Der erste Entwurf des Netzentwicklungsplans (NEP) Strom 2037/2045 (Version 2025) sorgt in der Energiebranche für kontroverse Reaktionen. Während einzelne Akteure den von den Übertragungsnetzbetreibern (ÜNB) vorgeschlagenen Szenariopfad A unterstützen, halten andere Verbände und Initiativen diesen für zu wenig ambitioniert. Besonders der Offshore-Ausbau, die Rolle von Wasserstoff sowie die Abbildung von Flexibilitäten stehen im Mittelpunkt der Kritik.
Der Netzentwicklungsplan ist das zentrale Planungsinstrument für den Ausbau des deutschen Strom-Übertragungsnetzes. Die vier ÜNB 50 Hertz, Amprion, Tennet und Transnet BW erstellen ihn alle zwei Jahre. Der Plan beschreibt, welche Optimierungs-, Verstärkungs- und Ausbaumaßnahmen notwendig sind, um Versorgungssicherheit und Klimaneutralität bis 2045 zu gewährleisten. Nach der öffentlichen Konsultation bis zum 14. Januar wird der Plan überarbeitet. Im März 2026 soll er an die Bundesnetzagentur übergeben werden, die ihn prüft und bestätigt, bevor er Grundlage für den Bundesbedarfsplan wird.
Wasserstoff ausgeklammertDeutliche Kritik kommt von Aqua Ventus, einer Initiative von Unternehmen, Organisationen und Forschungseinrichtungen entlang der Wasserstoff-Wertschöpfungskette. Laut Aqua Ventus wird der Entwurf den Anforderungen eines integrierten Energiesystems nicht gerecht. Geschäftsführer Robert Seehawer erklärt, der NEP bilde primär ein rein stromorientiertes Geschäftsmodell der ÜNB ab. „Dadurch gefährdet er den Hochlauf der Offshore-Wasserstoffwirtschaft und erhöhe langfristig die Systemkosten“, so Seehawer.
Aqua Ventus bemängelt, dass Offshore-Elektrolyse, Wasserstofftransport und Infrastrukturprojekte wie die Pipeline Aqua Ductus nicht systematisch berücksichtigt werden, obwohl diese als „Important Project of Common European Interest“ und als „Project of Common Interest“ der Europäischen Union eingestuft sind.
Nach Einschätzung der Initiative verhindert der NEP technologische Entwicklungen und neue Geschäftsmodelle für Offshore-Windparkbetreiber, etwa die Kombination aus Strom- und Wasserstofferzeugung. Aqua Ventus fordert die Bundesnetzagentur auf, im weiteren Verfahren substanzielle Ergänzungen zu verlangen und Strom- sowie Wasserstoffnetze gemeinsam zu bewerten.
Offshore-Windkraft fordert mehr AmbitionAuch innerhalb der Offshore-Windbranche gibt es Vorbehalte gegen die im NEP dargestellten Ausbaupfade. Windenergieverbände kritisieren, dass ein wenig ambitionierter Pfad in den Plan aufgenommen wurde. Dagegen hält der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) selbst diesen Pfad für zu hoch angesetzt und warnt vor zu dichter Bebauung auf See. Diese könne zu Windschatteneffekten und damit zu Ertragsverlusten führen.
Eine andere Bewertung nimmt die EnBW vor. Das Unternehmen unterstützt laut eigener Stellungnahme die ÜNB in der Einschätzung, Szenario A als Leitszenario heranzuziehen. Dieses stelle aus Sicht der EnBW einen ausgewogenen Ansatz zwischen Hochspannungs-Gleichstrom- und Wechselstrom-Ausbau, verbleibendem Engpassmanagement und einer zeitlichen Staffelung der Projekte bis 2045 dar.
Die Annahmen deckten sich mit Ergebnissen einer unternehmenseigenen Systemkostenstudie, nach der realistischere Annahmen zur Stromnachfrage den Netzausbaubedarf senken könnten. Zugleich spricht sich EnBW für den verstärkten Einsatz von Freileitungen bei neuen Gleichstromprojekten aus, da diese kostengünstiger und leichter zu reparieren seien.
Stromspeicher zu wenig berücksichtigtKritik am Szenariorahmen äußert der Bundesverband Neue Energiewirtschaft (BNE). Der Verband hält die Einstufung des Szenarios A „Verlangsamte Elektrifizierung“ für nicht gerechtfertigt. Laut BNE unterschreitet dieses Szenario die Ausbauziele des Erneuerbare-Energien-Gesetzes und basiere auf Wasserstoffimportannahmen, die sich derzeit nicht in Investitionen widerspiegelten. „Eine Beschränkung auf diesen Pfad könne zu einer zu langsamen Netzentwicklung im Übertragungs- und Verteilnetz führen“, fürchtet der BNE.
Der Verband fordert, das Netz mindestens am Szenariopfad B mit höherem Strombedarf auszurichten und sich an Szenario C zu orientieren, um die Bandbreite wahrscheinlicher Entwicklungen abzubilden. Darüber hinaus bemängelt der BNE, dass der NEP die Rolle von Batteriespeichern unterschätze. Die von den ÜNB angenommenen Leistungen und Kapazitäten seien zu gering, zudem führe die gewählte Methodik zu einer verzerrten regionalen Verteilung. Speicher mit längeren Entladezeiten als zwei Stunden würden in der Planung nicht ausreichend berücksichtigt, obwohl entsprechende Projekte bereits in Umsetzung seien.
Der
Entwurf des NEP Strom 2037 vom Dezember 2025 steht als PDF zum Download bereit.
Donnerstag, 15.01.2026, 13:58 Uhr
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