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Bild: Steag
BILANZ:
Rumstadt: "Nostalgie ist kein Geschäftsmodell"
Im vergangenen Jahr erwirtschaftete der traditionelle Kohleverstromer Steag wieder einen Gewinn. Das Management weiß aber noch harte Jahre bei der Umstrukturierung vor sich.
 
Der Steag-Konzern ist in die Gewinnzone zurückgekehrt. Bei einem Umsatz von 3,627 Mrd. Euro und einem Ebit von 197,3 Mio. Euro gab es für das zurückliegende Geschäftsjahr unter dem Strich ein Plus von 58,6 Mio. Euro. Nach dem Katastrophenjahr 2016 mit einem Minus von gut 220 Mio. Euro vermied es Joachim Rumstadt, Vorsitzender der Geschäftsführer, bei der Bilanzpressekonferenz in Euphorie auszubrechen: „2017 war ein wichtiger Zwischenschritt für uns. Wir wissen aber, dass noch harte Jahre vor uns liegen, denen wir uns stellen.“

Was schon bei Ausblick für das laufende Geschäftsjahr beginnt, für das das Steag-Management mit einem Minus beim Ebit von rund 30 % im Vergleich zu 2017 rechnet. „Das hängt sowohl mit sinkenden Erlösen bei der Vermarktung unseres Kraftwerksportfolio im Inland als auch im Ausland zusammen“, erklärte Michael Baumgärtner, in der Geschäftsführung für alle Finanzfragen zuständig.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass der größte Brocken beim letztjährigen Ebit-Plus von immerhin 61 % auf sogenannter „Portfoliooptimierung“ beruhte, sprich auf Verkäufen. So hatte die Steag beispielsweise die Meag, den zentralen Vermögensmanager der beiden Versicherungskonzerne Munich Re und Ergo, mit 49 % am eigenen Fernwärmenetz beteiligt – und dafür einen dreistelligen Millionenbetrag kassiert. Solch lukrative Assets hat das Traditionsunternehmen aber nicht mehr im Angebot, für dieses Jahr sind laut Baumgärtner nur Verkäufe kleinerer Unternehmensteile wie beispielsweise von Biogas- und Biomasseanlagen geplant – was sich im Ebit bemerkbar macht.

Bereits über 400 Stellen gestrichen

Dass für Euphorie in der Steag-Zentrale im Essener Stadtteil Rüttenscheid kein Anlass besteht, zeigt auch die Mitarbeiter-Bilanz. Zwar gab es Ende des vergangenen Jahres mit den 6 493 Beschäftigten immerhin 389 Köpfe mehr auf der Lohnliste, was aber allein auf Neueinstellungen im Ausland beispielsweise in Indien oder Brasilien beruhrte. Im Rahmen des eingeleiteten Restrukturierungsprogramms „Steag 2022“ wurden bis Ende vergangenen Jahres bereits 412 Stellen gestrichen, über 500 weitere sollen noch folgen. Unter anderem werden über 100 Jobs beim Aus der beiden Kraftwerksblöcke Lünen 6 und 7 wegfallen, die die Steag bei der Bundesnetzagentur zur endgültigen Stilllegung für Anfang März 2019 angemeldet hat. Auf das Trostpflaster, dass das letztjährige Abschalten von Kraftwerksblöcken in Voerde am Niederrhein und in Herne, die CO2-Bilanz der Steag verbessert hat, hätte das Management gerne verzichtet.

Verzichten müssen die sechs kommunalen Gesellschafter, wie bereits bekannt, für die kommenden drei Jahre auf eine zusätzliche Ausschüttung. Das Sextett erhält für das vergangene Jahr rund 45 Mio. Euro – Geld, das reicht, um ihre für den Steag-Kauf aufgenommenen Kredite bedienen zu können. Die ausbleibenden Zusatzausschüttungen haben längst in den sechs Revierstädten zwischen Duisburg und Dortmund den Sinn über die Steag-Beteiligung neu entfacht. Wer von ihnen die anstehende Kapitalerhöhung mitträgt, ist offen. Und ob alle sechs Ruhrgebietsstädte künftig der Steag die Treue halten, ist genauso offen. So gibt es beispielsweise in Essen und Duisburg Stimmen im politischen Lager, die für einen Verkauf der Steag-Beteiligung plädieren. Auslandsengagements wie für ein neues, millionenschweres Geothermiekraftwerk in Indonesien dürften Wasser auf die Mühlen der Steag-Kritiker sein.

Steag-Chef Rumstadt weiß sich bislang der Unterstützung seines Aufsichtsrates, der sechs Revier-Oberbürgermeister sowie seiner Gesellschafter sicher. Letztlich fallen die Entscheidung, und das weiß auch der Energiemanager, in den Stadträten.

Entscheidungen ganz anderer Art erwartet Rumstadt von der neuen schwarz-roten Bundesregierung. Ein halbes Jahr nach der Bundestagwahl im vergangenen September habe ein neues Kabinett unter Kanzlerin Merkel endlich die Amtsgeschäfte aufgenommen, sagte der Steag-Chef, „aber es gibt noch immer kein überzeugendes energiepolitisches Konzept.“ Dass sich Schwarz-Rot bei der Neuauflage ihrer Koalition auf einen 65-prozentigen Anteil der erneuerbaren Energien bis zum Jahr 2030 verständigt haben, ist für Rumstadt vollkommen unverständlich: „Ich befürchte, dass der Aspekt einer jederzeit sicheren Energieversorgung dabei unter den Tisch fällt.“ Den Koalitionspolitikern in Berlin hielt er vor, sich bislang mit ihrer Energie- und Klimapolitik nur um den „Aspekt Umwelt“ gekümmert zu haben.

Um künftig nicht allein in der kohlenschwarzen Ecke zu stehen, kündigte Steag auf der Bilanzpressekonferenz für die kommenden fünf Jahre Investitionen von rund 650 Mio. Euro in das Geschäftsfeld erneuerbare und dezentrale Energien an. Dieser Unternehmensbereich steuert schon heute rund ein Drittel zum Konzernergebnis bei, in den kommenden Jahren sollen es 50 % werden. Eine Jahreszahl, wann dieses Ziel erreicht werden soll, nannte Rumstadt aber nicht. Dass die Zeiten vorbei sind, in denen die Steag als reiner Kohleverstromer (mit einem Appendix Fernwärme) ihr Geld verdiente, vorbei sind, formulierte Rumstadt so: „Nostalgie ist kein Geschäftsmodell.“
 

Ralf Köpke
© 2018 Energie & Management GmbH
Donnerstag, 19.04.2018, 15:49 Uhr

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