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Enerige & Management > Stadtwerke - Schwäbisch Hall geht nach Indien
Bild: Peter Breuning
STADTWERKE:
Schwäbisch Hall geht nach Indien
Die Versorgungslage der indischen Hochschule Gandhigram Rural Institute ist desolat. Abhilfe könnte ein Projekt der Stadtwerke Schwäbisch Hall bringen.
 
Am Gandhigram Rural Institute (GRI), rund 2 000 Kilometer südlich der indischen Hauptstadt Neu-Delhi im Bundesstaat Tamil Nadu gelegen, lernen und leben rund 3 000 Studenten. Fachbereiche wie Biologie, Mathematik oder Medizin sind vertreten. Die Hochschule, einst von dem berühmten indischen Unabhängigkeitskämpfer Mahatma Gandhi persönlich gegründet, gilt als Eliteuniversität.

Weniger elitär ist jedoch die Versorgungssituation auf dem Campus. Immer wieder kommt es aufgrund von Netzüberlastungen und Wartungsarbeiten zu Stromausfällen, die Wasserversorgung bricht wegen geringer werdender Regenmengen in den Monsunmonaten zusammen und die Trinkwassergewinnung kollidiert mit der Abwasserentsorgung. Zustände, die regelmäßig zu tagelangen Protesten und Streiks der Studenten und der rund 1 000 Campus-Angestellten führen.

Damit soll bald Schluss sein. Unter Leitung der Stadtwerke Schwäbisch Hall und der indischen Iplon Ltd. soll auf dem Gelände, das etwa so groß ist wie 117 Fußballfelder, die Zuverlässigkeit bei der Energie- und Wasserversorgung einkehren. „Die aktuelle Versorgungslage auf dem Campus ist katastrophal“, sagte Peter Breuning, Projektleiter der Stadtwerke Schwäbisch Hall, der gemeinsam mit anderen beteiligten potenziellen Projektpartnern das Vorhaben vorstellte.

Für immer verfügbaren Strom sollen Photovoltaikanlagen und zwei Blockheizkraftwerke gebaut werden. Dazu sind vier bis fünf Trafostationen und zwölf Energiespeicher vorgesehen. Der Campus soll als Inselnetz versorgt und so vom umgebenden Netz unabhängig sein. Nur bei Bedarf könne eine Verbindung nach außen aktiviert werden. Um die Trink- und Abwassersituation in den Griff zu bekommen, planen die Stadtwerke die Errichtung einer Wasseraufbereitungsanlage.

Testfeld neuester Technologien

Doch nicht nur Strom und Wasser könnten bald zuverlässig fließen. Geplant ist auch eine ganze Reihe weiterer Angebote, Dienste und Lösungen für Personal und Studierende. So sollen auf dem Gelände ausschließlich batterieelektrische Mobilitätslösungen wie E-Roller, E-Autos und E-Rikschas umherfahren, die dazugehörige Ladeinfrastruktur werde installiert und teilweise auch in die vorgesehene LED-Straßenbeleuchtung integriert. Außerdem sollen energieeffiziente Kühlsysteme in den Gebäuden eingesetzt und ein Glasfasernetz für den Fernseh- und Internetempfang verlegt werden. Die Nutzung von intelligenten Messsystemen werde zudem die Grundlage für eine eigene Campus-App sein, mittels der sich Stromlieferungen zukaufen und Fahrzeuge anmieten lassen. Die Abrechnung der Kosten laufe dann automatisch. Neben den Verbesserungen für die Studenten sollen diese durch die Einbindung in die Projekte auch ein Gefühl für den Wert von Energie entwickeln.

Dass das alles auch realisierbar sei, ist kürzlich in einer Machbarkeitsstudie gezeigt worden. „Allgemein gesprochen ist in Indien vieles einfacher als in Deutschland, da es deutlich weniger Auflagen und Regularien gibt. Die Leute sind froh, wenn Strom und Wasser fließen. Es muss nur funktionieren“, sagte Breuning. In einem ersten Schritt sei der komplette Campus bereits mit Datenloggern ausgestattet worden, um ein besseres Bild der energetischen Situation zu bekommen.

Projektpartner gesucht

Für die nun beginnende Implementierungsphase suchen die Stadtwerke nach Partnerunternehmen, die als Geldgeber und Techniklieferanten Interesse an dem Vorhaben zeigen. Angesprochen sind praktisch alle Anbieter, die in Deutschland Lieferanten für dezentrale, ökologische und intelligente Versorgungslösungen sind. Besonders seien Unternehmen aus den Bereichen Energieerzeugung und -netze, Wasser/Abwasser, E-Mobilität und Kommunikation gefragt.
 
Schaltvorgänge auf dem Campus müssen mühsam von Hand gemacht werden
Bild: Peter Breuning

Eingebettet werden sollen all die neuen Lösungen für die Hochschule schließlich in eine Gesellschaft vor Ort, deren Strukturen einem deutschen Stadtwerk gleichen. Das Personal der „Stadtwerke Gandhigram“ müsse dabei am Anfang aus lediglich vier Personen bestehen, erklärte Breuning. Mehr seien seiner Erfahrung nach für die Instandhaltung der Systeme nicht notwendig. „Es ist besser, mit einer kleinen Mannschaft anzufangen, um Erfahrungen zu sammeln, und dann in die Größe zu gehen“, sagte auch Victor Thamburaj, der das Projekt über sein Softwareunternehmen Iplon aus Indien mitentwickelt. Mit Schwäbisch Hall als Kleinstadt sei daher ein idealer Partner gefunden.

Drei Projektphasen geplant

Zur Umsetzung des Vorhabens sind drei Ausbaustufen vorgesehen. In erster Linie werde man eine sichere und zuverlässige Strom- und Wasserversorgung einführen, erklären die Stadtwerke. Hierfür müssen Rohre, Kabel und Leitungen verlegt werden. Anschließend soll dann rund um einen 14 000 Quadratmeter großen See, der als Trinkwasserreservoir dient, ein Naherholungsgebiet für Studenten und Urlauber entstehen. Im letzten Schritt des Projekts werde das Augenmerk auf der energetischen Sanierung und Klimatisierung der Gebäude sowie der Sektorkopplung liegen.

Die Stadtwerke Schwäbisch Hall schätzen die Kosten für Ausbaustufe eins auf rund 5 Mio. Euro und die für die Stufen zwei und drei zusammen auf rund 7 Mio. Euro. In der Kalkulation seien die Preise auf dem deutschen Markt berücksichtigt worden. In Indien fallen vermutlich viele Posten, nicht zuletzt aufgrund niedriger Personalkosten, günstiger aus, sagte Breuning.

Nach dem Zeitplan der Umsetzung gefragt, nannte Breuning eine Dauer von einem Jahr, die idealerweise pro Ausbaustufe anfallen sollte. Allerdings werde die Gebäudesanierung realistischerweise fünf bis zehn Jahre beanspruchen. Breuning gab zu, dass das Vorhaben durchaus ambitioniert sei, fügte jedoch die Formel „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“ hinzu.

Großes Potenzial

Sollte das Projekt erfolgreich sein, sehe man großes Potenzial im Aufbau stadtwerkeähnlicher Strukturen in Indien – eine völlige Neuheit für das Land. Allein im Bundesland Tamil Nadu gibt es nach Auskunft von Thamburaj viele Hundert Hochschulen mit ähnlich schlechter Versorgungslage. Insgesamt könnten nach Ansicht von Breuning mehr als 1 000 gleichartige Projekt auf dem gesamten Subkontinent umgesetzt werden. Die Stadtwerke erhoffen sich durch das Pilotprojekt auch Erkenntnisse zu der Frage, wie ein solch großes Vorhaben auf dem indischem Markt gelingen kann. Auch für heimische Smart-Grid-Initiativen könne man anschließend Schlüsse ziehen.

„Es gibt große Synergien zwischen dem, was Indien braucht, und dem, was Deutschland bereitstellen kann“, sagte der indische Generalkonsul Sugandh Rajaram im Rahmen der Projektvorstellung und ging auf den laufenden Transformationsprozess seines Landes ein. Indien benötige als Schwellenland viel Wissen und Impulse von außen, um voranzukommen. Für ihr eigenes Projekt sind die Schwäbisch Haller zuversichtlich. „Die ersten Rückmeldungen in den Gesprächen sind sehr positiv. Es war richtig, das Projekt auf einer großen Veranstaltung vorzustellen und mit vielen interessierten, potenziellen Partnern ins Gespräch zu kommen“, erklärte Projektleiter Breuning.
 

Jonas Rosenberger
Redakteur
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Montag, 30.07.2018, 10:08 Uhr

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