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Energie & Management > Aus Der Aktuellen Ausgabe - Kommentar: Atomkraft ohne Zukunft
Quelle: E&M
Aus Der Aktuellen Ausgabe

Kommentar: Atomkraft ohne Zukunft

Vor dem Hintergrund des Irankriegs warb EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen wieder für Atomkraft. Dies wäre ein teurer Missgriff, kommentiert E&M-Redakteurin Susanne Harmsen.
Am 26. April 2026 jährt sich die Nuklearkatastrophe im damals sowjetischen, heute ukrainischen Tschernobyl zum 40. Mal, und immer wieder werden Rufe nach einer Renaissance der Atomkraft laut. Aus diesem Anlass veröffentlichen wir hier den Kommentar „Berliner Notizen“ unserer Kollegin Susanne Harmsen, der am 1. April 2026 in der gedruckten Ausgabe von Energie & Management erschienen ist:

„Die Debatte über eine Rückkehr zur Atomkraft wirkt wie ein Reflex in Krisenzeiten. Steigende Energiepreise, geopolitische Spannungen und die Abhängigkeit von fossilen Importen setzen die Politik unter Druck. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen forderte deshalb eine stärkere Elektrifizierung auch auf Basis von Atomkraft. Auch Thüringens Wirtschaftsministerin Colette Boos-John (CDU) stieß in dieses Horn. Doch Kernenergie ist keine Lösung der aktuellen Krise.

Schon die wirtschaftliche Dimension stellt die Argumentation infrage, wie Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) antwortete. Weltweit sind Kernkraftwerke auf staatliche Subventionen angewiesen und benötigen Bauzeiten von bis zu 25 Jahren. Auch die Idee, abgeschaltete deutsche Kernkraftwerke zu reaktivieren, ist illusorisch. Die Betreiber selbst ziehen hier eine klare Grenze. Eine Sprecherin der Eon-Tochter Preussen Elektra erklärte, die Anlagen seien nicht mehr reaktivierbar. 

Hinzu kommen strukturelle Probleme, die seit Jahrzehnten ungelöst sind. Die Endlagerung radioaktiver Abfälle ist weiterhin offen. Laut SPD-Politiker Dirk Wiese ist die Atomkraft nicht nur die teuerste, sondern auch die gefährlichste Energieform. Diese Bewertung wird durch die hohen Folgekosten gestützt, die laut Schneider einen erheblichen Teil des Staatshaushalts binden. In die Rechnung der Kernenergie muss die Kostenbelastung für ihre Abfälle über Generationen hinweg einfließen.

Gleichzeitig verschiebt die Debatte Prioritäten. Vertreter der Grünen warnen, dass eine erneute Fokussierung auf Atomkraft Investitionen in erneuerbare Energien bremsen könnte. Tatsächlich liegt hier der zentrale Zielkonflikt: Jeder Euro, der in langfristige und kapitalintensive Atomprojekte fließt, fehlt beim schnellen Ausbau von Wind- und Solarenergie sowie bei Speichern und Netzen. 

Selbst Befürworter räumen ein, dass Atomkraft keine schnelle Entlastung bringen kann. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bezeichnete den deutschen Atomausstieg als irreversibel. Die Forderung nach mehr Energieunabhängigkeit ist berechtigt. Doch Atomkraft trägt dazu nur eingeschränkt bei. Uranimporte ersetzen lediglich die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern durch eine andere Form externer Versorgung. Erneuerbare Energien hingegen nutzen heimische Ressourcen und lassen sich schneller ausbauen.

Eine weitere Quelle zur preiswerten Energiesicherheit wird dagegen derzeit unterminiert, wie die Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz (Deneff) warnt. Am billigsten ist nämlich immer noch Energie, die gar nicht benötigt wird. Jedoch werde das Energieeffizienzgesetzes (EnEfG) in einem neuen Entwurf abgeschwächt, warnt der Verband. Die verbindlichen Einsparbeiträge von Bund und Ländern sollen entfallen und etablierte Effizienzstandards deutlich abgeschwächt werden. Diese bilden bislang die Grundlage für zentrale Förderprogramme in Gebäuden und Wirtschaft. Dies ist eine kritische Debatte wert, nicht die Kernkraft.“
 

Freitag, 24.04.2026, 17:25 Uhr
Susanne Harmsen
Energie & Management > Aus Der Aktuellen Ausgabe - Kommentar: Atomkraft ohne Zukunft
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Kommentar: Atomkraft ohne Zukunft
Vor dem Hintergrund des Irankriegs warb EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen wieder für Atomkraft. Dies wäre ein teurer Missgriff, kommentiert E&M-Redakteurin Susanne Harmsen.
Am 26. April 2026 jährt sich die Nuklearkatastrophe im damals sowjetischen, heute ukrainischen Tschernobyl zum 40. Mal, und immer wieder werden Rufe nach einer Renaissance der Atomkraft laut. Aus diesem Anlass veröffentlichen wir hier den Kommentar „Berliner Notizen“ unserer Kollegin Susanne Harmsen, der am 1. April 2026 in der gedruckten Ausgabe von Energie & Management erschienen ist:

„Die Debatte über eine Rückkehr zur Atomkraft wirkt wie ein Reflex in Krisenzeiten. Steigende Energiepreise, geopolitische Spannungen und die Abhängigkeit von fossilen Importen setzen die Politik unter Druck. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen forderte deshalb eine stärkere Elektrifizierung auch auf Basis von Atomkraft. Auch Thüringens Wirtschaftsministerin Colette Boos-John (CDU) stieß in dieses Horn. Doch Kernenergie ist keine Lösung der aktuellen Krise.

Schon die wirtschaftliche Dimension stellt die Argumentation infrage, wie Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) antwortete. Weltweit sind Kernkraftwerke auf staatliche Subventionen angewiesen und benötigen Bauzeiten von bis zu 25 Jahren. Auch die Idee, abgeschaltete deutsche Kernkraftwerke zu reaktivieren, ist illusorisch. Die Betreiber selbst ziehen hier eine klare Grenze. Eine Sprecherin der Eon-Tochter Preussen Elektra erklärte, die Anlagen seien nicht mehr reaktivierbar. 

Hinzu kommen strukturelle Probleme, die seit Jahrzehnten ungelöst sind. Die Endlagerung radioaktiver Abfälle ist weiterhin offen. Laut SPD-Politiker Dirk Wiese ist die Atomkraft nicht nur die teuerste, sondern auch die gefährlichste Energieform. Diese Bewertung wird durch die hohen Folgekosten gestützt, die laut Schneider einen erheblichen Teil des Staatshaushalts binden. In die Rechnung der Kernenergie muss die Kostenbelastung für ihre Abfälle über Generationen hinweg einfließen.

Gleichzeitig verschiebt die Debatte Prioritäten. Vertreter der Grünen warnen, dass eine erneute Fokussierung auf Atomkraft Investitionen in erneuerbare Energien bremsen könnte. Tatsächlich liegt hier der zentrale Zielkonflikt: Jeder Euro, der in langfristige und kapitalintensive Atomprojekte fließt, fehlt beim schnellen Ausbau von Wind- und Solarenergie sowie bei Speichern und Netzen. 

Selbst Befürworter räumen ein, dass Atomkraft keine schnelle Entlastung bringen kann. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bezeichnete den deutschen Atomausstieg als irreversibel. Die Forderung nach mehr Energieunabhängigkeit ist berechtigt. Doch Atomkraft trägt dazu nur eingeschränkt bei. Uranimporte ersetzen lediglich die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern durch eine andere Form externer Versorgung. Erneuerbare Energien hingegen nutzen heimische Ressourcen und lassen sich schneller ausbauen.

Eine weitere Quelle zur preiswerten Energiesicherheit wird dagegen derzeit unterminiert, wie die Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz (Deneff) warnt. Am billigsten ist nämlich immer noch Energie, die gar nicht benötigt wird. Jedoch werde das Energieeffizienzgesetzes (EnEfG) in einem neuen Entwurf abgeschwächt, warnt der Verband. Die verbindlichen Einsparbeiträge von Bund und Ländern sollen entfallen und etablierte Effizienzstandards deutlich abgeschwächt werden. Diese bilden bislang die Grundlage für zentrale Förderprogramme in Gebäuden und Wirtschaft. Dies ist eine kritische Debatte wert, nicht die Kernkraft.“
 

Freitag, 24.04.2026, 17:25 Uhr
Susanne Harmsen

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