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Energie & Management > Baden-Württemberg - Ein Land in Sorge um die Stromversorgung
Quelle: Fotolia / Martina Berg
Baden-Württemberg

Ein Land in Sorge um die Stromversorgung

Ohne schnelleren Ausbau der erneuerbaren Energien und Stromnetze drohen der Südwestwirtschaft große Wettbewerbsnachteile. Das geht aus einer Studie der IHK hervor.
„Der Ausbau der erneuerbaren Energien in Baden-Württemberg muss schneller vorankommen, um den bis zum Jahr 2040 stark steigenden Strombedarf im Land zu decken. Auch wenn das gelingt und alle realistischen Potenziale des Erneuerbaren-Ausbaus umgesetzt werden können, bleibt ein nicht unerheblicher Strom-Importbedarf übrig“, erklärte Christian Erbe, Präsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertages (BWIHK) zu den zentralen Ergebnissen der „BW-Stromstudie“.

Die Studie war im Auftrag des Verbandes vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE erstellt worden. Besonders hob Erbe dabei auch die Bedeutung des Stromnetzausbaus, auf Übertragungs- und Verteilebene hervor: „Wir kommen zweifellos nicht umhin, auch hier aufs Tempo zu drücken.“

Wenn Wunsch und Wirklichkeit auseinanderklaffen

BWIHK-Vizepräsident Jan Stefan Roell wies darauf hin, dass sich das Land besonders ehrgeizige Klimaziel gesetzt hat und fünf Jahre früher als der Bund klimaneutral zu werden will. Gleichzeitig hänge man aber beim Ausbau der erneuerbaren Energien hinterher. „Somit klaffen Wunsch und Wirklichkeit weit auseinander, uns droht eine Stromlücke. Das macht die Sicherung der Energieversorgung zu einem besonders herausfordernden Standortfaktor.“

Der Stromverbrauch in Baden-Württemberg beläuft sich laut der Untersuchung auf 64 Milliarden kWh pro Jahr. Bis 2040 wird sich der Energiebedarf danach mit 109 bis 161 Milliarden kWh, je nach zugrunde gelegtem Szenario, mehr als verdoppeln. Haupttreiber dafür ist auch die Industrie, die ihre Dekarbonisierung im Wesentlichen durch Elektrifizierung erreichen muss, um Öl und Gas zu ersetzen“, erläutert der ISE-Wissenschaftler Dr. Christoph Kost.

Er beziffert das maximale Stromerzeugungspotenzial aus erneuerbaren Energien im Land auf über 300 Milliarden kWh, allerdings seien nur 92 Milliarden kWh anvisiert. Das stelle aber schon eine Vervierfachung der heutigen Stromerzeugung aus Erneuerbaren dar und lasse sich nur erreichen, wenn sehr hohe Zubauraten bei Photovoltaik und Windkraft erreicht werden. Man werde dann aber immer noch auf Stromimporte von bis zu 67 Milliarden kWh im Jahr angewiesen sein.

Fernab der Erneuerbaren-Erzeugung

„Für die Wirtschaft in Baden-Württemberg sind die Studienergebnisse mehrfach eine schlechte Nachricht“, so Roell. Er verweist darauf, dass man fernab der nativen Zentren der Erneuerbaren-Erzeugung im Norden liegt. Süddeutschland werde in der Folge als Standort für Industrieunternehmen im Allgemeinen und für energieintensive Industrie im Besonderen geschwächt. Es drohten Unternehmensabwanderungen. Er forderte deshalb attraktive Rahmenbedingungen für private Investoren. Das gelte sowohl für den Ausbau der erneuerbaren Energien als auch der Übertragungsnetze von Nord nach Süd sowie für Back-up-Kraftwerke, um Schwankungen auszugleichen. Ohne diese Investitionsanreize sei die Energiewende nicht zu stemmen.
 
 
Damit der Ausbau der Erneuerbaren grundsätzlich gelingen kann, sei unter anderem ein politisches und gesellschaftliches Klima erforderlich, das den notwendigen Beitrag der Wirtschaft zur Dekarbonisierung anerkennt und unterstützt, betonte Wolfgang Grenke, Präsident der IHK Karlsruhe, welche die Studienerstellung federführend begleitet hat. Die Betriebe im Land selbst zeigten sich aktiv und anpassungsbereit. 84 Prozent engagierten sich in Energieeffizienz-Maßnahmen, für 63 Prozent der Unternehmen ist Energieeinsparung gegenüber dem Vorjahr wichtiger geworden.

In Umfragen der IHK-Organisation haben sich Lage und Standortattraktivität für Baden-Württembergs Wirtschaft kontinuierlich verschlechtert. Impulse aus dem Exportgeschäft fehlten nachhaltig, Innovations- und Produktionsbedingungen würden immer negativer bewertet. BWIHK-Präsident Erbe bemängelte in dem Zusammenhang auch überbordende Bürokratie.

Transnet: Freileitungen statt Erdkabel

Auch der Übertragungsnetzbetreiber Transnet BW nimmt die Studie zum Anlass, sich zur Lage der Energieversorgung in Baden-Württemberg zu äußern. Dr. Werner Götz, Vorsitzender der Geschäftsführung: „Die Energiewende gelingt nur, wenn alle ihren Beitrag leisten. Deshalb begrüße ich die Stromstudie der Industrie- und Handelskammern in Baden-Württemberg.“

Die Studie unterstreiche die Rolle der Energieversorgung als Standortfaktor, diese müsse auch zukünftig verlässlich und wettbewerbsfähig sein. Und: „Wir sollten die geplanten Stromautobahnen als Freileitung anstatt mit Erdkabeln realisieren, weil das bis zu 20 Milliarden Euro einspart.“ In der politischen Entscheidung für Freileitungen statt Erdkabel liege ein großer Hebel dafür, dass die Energiewende bezahlbar bleibt. So könnten die Kosten halbiert werden und es entstünde ein Zeitvorteil.

Eine weitere Möglichkeit, Kosten bei Infrastrukturprojekten zu sparen, biete die Kraftwerksstrategie: Eine Planung, die regionale Komponenten einbeziehe, reduziere das kostspielige Engpassmanagement. „Die Zeit drängt sowohl bei der Kraftwerksstrategie als auch bei der Abschaffung des Erdkabelvorrangs.“


Montag, 22.01.2024, 16:14 Uhr
Gnter Drewnitzky
Energie & Management > Baden-Württemberg - Ein Land in Sorge um die Stromversorgung
Quelle: Fotolia / Martina Berg
Baden-Württemberg
Ein Land in Sorge um die Stromversorgung
Ohne schnelleren Ausbau der erneuerbaren Energien und Stromnetze drohen der Südwestwirtschaft große Wettbewerbsnachteile. Das geht aus einer Studie der IHK hervor.
„Der Ausbau der erneuerbaren Energien in Baden-Württemberg muss schneller vorankommen, um den bis zum Jahr 2040 stark steigenden Strombedarf im Land zu decken. Auch wenn das gelingt und alle realistischen Potenziale des Erneuerbaren-Ausbaus umgesetzt werden können, bleibt ein nicht unerheblicher Strom-Importbedarf übrig“, erklärte Christian Erbe, Präsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertages (BWIHK) zu den zentralen Ergebnissen der „BW-Stromstudie“.

Die Studie war im Auftrag des Verbandes vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE erstellt worden. Besonders hob Erbe dabei auch die Bedeutung des Stromnetzausbaus, auf Übertragungs- und Verteilebene hervor: „Wir kommen zweifellos nicht umhin, auch hier aufs Tempo zu drücken.“

Wenn Wunsch und Wirklichkeit auseinanderklaffen

BWIHK-Vizepräsident Jan Stefan Roell wies darauf hin, dass sich das Land besonders ehrgeizige Klimaziel gesetzt hat und fünf Jahre früher als der Bund klimaneutral zu werden will. Gleichzeitig hänge man aber beim Ausbau der erneuerbaren Energien hinterher. „Somit klaffen Wunsch und Wirklichkeit weit auseinander, uns droht eine Stromlücke. Das macht die Sicherung der Energieversorgung zu einem besonders herausfordernden Standortfaktor.“

Der Stromverbrauch in Baden-Württemberg beläuft sich laut der Untersuchung auf 64 Milliarden kWh pro Jahr. Bis 2040 wird sich der Energiebedarf danach mit 109 bis 161 Milliarden kWh, je nach zugrunde gelegtem Szenario, mehr als verdoppeln. Haupttreiber dafür ist auch die Industrie, die ihre Dekarbonisierung im Wesentlichen durch Elektrifizierung erreichen muss, um Öl und Gas zu ersetzen“, erläutert der ISE-Wissenschaftler Dr. Christoph Kost.

Er beziffert das maximale Stromerzeugungspotenzial aus erneuerbaren Energien im Land auf über 300 Milliarden kWh, allerdings seien nur 92 Milliarden kWh anvisiert. Das stelle aber schon eine Vervierfachung der heutigen Stromerzeugung aus Erneuerbaren dar und lasse sich nur erreichen, wenn sehr hohe Zubauraten bei Photovoltaik und Windkraft erreicht werden. Man werde dann aber immer noch auf Stromimporte von bis zu 67 Milliarden kWh im Jahr angewiesen sein.

Fernab der Erneuerbaren-Erzeugung

„Für die Wirtschaft in Baden-Württemberg sind die Studienergebnisse mehrfach eine schlechte Nachricht“, so Roell. Er verweist darauf, dass man fernab der nativen Zentren der Erneuerbaren-Erzeugung im Norden liegt. Süddeutschland werde in der Folge als Standort für Industrieunternehmen im Allgemeinen und für energieintensive Industrie im Besonderen geschwächt. Es drohten Unternehmensabwanderungen. Er forderte deshalb attraktive Rahmenbedingungen für private Investoren. Das gelte sowohl für den Ausbau der erneuerbaren Energien als auch der Übertragungsnetze von Nord nach Süd sowie für Back-up-Kraftwerke, um Schwankungen auszugleichen. Ohne diese Investitionsanreize sei die Energiewende nicht zu stemmen.
 
 
Damit der Ausbau der Erneuerbaren grundsätzlich gelingen kann, sei unter anderem ein politisches und gesellschaftliches Klima erforderlich, das den notwendigen Beitrag der Wirtschaft zur Dekarbonisierung anerkennt und unterstützt, betonte Wolfgang Grenke, Präsident der IHK Karlsruhe, welche die Studienerstellung federführend begleitet hat. Die Betriebe im Land selbst zeigten sich aktiv und anpassungsbereit. 84 Prozent engagierten sich in Energieeffizienz-Maßnahmen, für 63 Prozent der Unternehmen ist Energieeinsparung gegenüber dem Vorjahr wichtiger geworden.

In Umfragen der IHK-Organisation haben sich Lage und Standortattraktivität für Baden-Württembergs Wirtschaft kontinuierlich verschlechtert. Impulse aus dem Exportgeschäft fehlten nachhaltig, Innovations- und Produktionsbedingungen würden immer negativer bewertet. BWIHK-Präsident Erbe bemängelte in dem Zusammenhang auch überbordende Bürokratie.

Transnet: Freileitungen statt Erdkabel

Auch der Übertragungsnetzbetreiber Transnet BW nimmt die Studie zum Anlass, sich zur Lage der Energieversorgung in Baden-Württemberg zu äußern. Dr. Werner Götz, Vorsitzender der Geschäftsführung: „Die Energiewende gelingt nur, wenn alle ihren Beitrag leisten. Deshalb begrüße ich die Stromstudie der Industrie- und Handelskammern in Baden-Württemberg.“

Die Studie unterstreiche die Rolle der Energieversorgung als Standortfaktor, diese müsse auch zukünftig verlässlich und wettbewerbsfähig sein. Und: „Wir sollten die geplanten Stromautobahnen als Freileitung anstatt mit Erdkabeln realisieren, weil das bis zu 20 Milliarden Euro einspart.“ In der politischen Entscheidung für Freileitungen statt Erdkabel liege ein großer Hebel dafür, dass die Energiewende bezahlbar bleibt. So könnten die Kosten halbiert werden und es entstünde ein Zeitvorteil.

Eine weitere Möglichkeit, Kosten bei Infrastrukturprojekten zu sparen, biete die Kraftwerksstrategie: Eine Planung, die regionale Komponenten einbeziehe, reduziere das kostspielige Engpassmanagement. „Die Zeit drängt sowohl bei der Kraftwerksstrategie als auch bei der Abschaffung des Erdkabelvorrangs.“


Montag, 22.01.2024, 16:14 Uhr
Gnter Drewnitzky

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