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Energie & Management > Inside EU Energie - Zahlenchaos im europäischen Strommarkt
Quelle: Pixabay / NakNakNak / E&M
Inside EU Energie

Zahlenchaos im europäischen Strommarkt

Unser Brüsseler Korrespondent Tom Weingärtner kommentiert in seiner Kolumne „Inside EU Energie“ energiepolitische Themen aus dem EU-Parlament, der EU-Kommission und den Verbänden.
Die europäische Energiepolitik leidet nach einer Untersuchung der Brüsseler Denkfabrik Bruegel unter Intransparenz und einem Mangel an effizienter Zusammenarbeit. Vor allem in der Elektrizitätswirtschaft mache sich die Fragmentierung des Binnenmarktes bemerkbar. Die Bemühungen der EU, von Energieimporten unabhängig zu werden und auf Strom aus heimischen Energiequellen zu setzen, verstärke die daraus erwachsenden ökonomischen Nachteile. 

Die EU will die Erzeugung aus fossilen Energien bis 2040 weitgehend beenden und durch „saubere“ Energien (Wind, Sonne, Atom) ersetzen. Dafür seien massive Investitionen in die Erzeugung, das Stromnetz, Speicher und zur Steuerung der Nachfrage nötig, schreiben die Experten von Bruegel. Die Entscheidungen darüber würden in einem komplexen und unübersichtlichen System von Regeln und Akteuren getroffen, das die Effizienz dieser Investitionen beeinträchtige − und damit auch ihre Attraktivität für private Investoren. 

Bei Bruegel hat man dafür drei Hauptursachen ausgemacht: die schlechte Qualität der zur Verfügung stehenden Daten, eine zwischen den EU-Staaten nicht abgestimmte Investitionsplanung, ein Mangel an Vertrauen und grenzüberschreitender Zusammenarbeit. 

Die Energiewende mache Entscheidungen von tausenden Investoren und anderen Akteuren notwendig, die eine klare Vorstellung über die Entwicklung in den nächsten Jahrzehnten brauchten. Die dafür nötigen Daten stünden entweder gar nicht zur Verfügung oder basierten auf undurchsichtigen Modellen. Sie seien weder harmonisiert, noch konsistent und selten vergleichbar. 

Intransparente Planungsprozesse

Die Autoren verweisen als Beispiel auf unterschiedliche Prognosen der Stromnachfrage im Jahr 2030. Sie reichten von 2.450 TWh in den addierten Energie- und Klimapläne (NECP) bis 3.400 TWh in der Analyse der Erzeugungskapazität (ERAA) der Netzbetreiber (ENTSO-E). Das Zahlenchaos auf europäischer Ebene sei nicht geeignet, stabile Erwartungen bei potentiellen Investoren zu erzeugen und führe zu Unsicherheit und steigenden Kapitalkosten. Sie empfehlen, einen Energiedaten-Hub einzurichten, der aggregierte und vergleichbare Daten zeitnah zur Verfügung stellt. 

Kostentreibend sei auch ein intransparenter Planungsprozess. Die Planung grenzüberschreitender Infrastrukturprojekte durch ENTSO-E bleibe weitgehend rätselhaft. Niemand wisse genau, warum nationale TSOs bestimmte Projekte für die Aufstellung des TYNDP notifizierten.

Zu wenig Interkonnektorkapazität

Dass der Planungs- und Abstimmungsprozess auf europäischer Ebene unzureichend sei, sehe man auch daran, dass die Ziele für den Ausbau grenzüberschreitender Interkonnektoren verfehlt würden. Bereits 2020 sollte jeder EU-Staat über Interkonnektoren von mindestens 10 Prozent mit seinen Nachbarn verbunden sein. Von den fünf größten Mitgliedsstaaten (D, F, It, E, Pl) verfügte nur Deutschland Ende 2025 über eine Interkonnektorkapazität von mehr als 10 Prozent. Von den für 2030 anvisierten 15 Prozent seien alle fünf Länder weit entfernt. 

Die nationalen Energie- und Klimapläne (NECP) haben sich nach Ansicht von Bruegel als wenig hilfreich für einen abgestimmten Ausbau des Elektrizitätsmarktes und der dazu gehördenden Infrastruktur erwiesen.

Eine weitergehende Integration sei gerade im Hinblick auf die Energiewende von großem Vorteil für alle Mitgliedsstaaten, denn das Potenzial von Wind- und Solarenergie ergänze sich. Das Aufkommen an Solarenergie im Süden sei besonders hoch, wenn es wenig Wind im Norden gebe und umgekehrt. Ein integrierter Strommarkt sei widerstandsfähiger, habe niedrigere Kapitalkosten, mehr Wettbewerb und im Ergebnis niedrigere Preise. 

Behindert werde die Integration durch Verteilungseffekte. Grundsätzlich entscheidet jedes Mitgliedsland über seinen Energiemix, die Deutschen etwa bevorzugen die Erneuerbaren, Frankreich setzt vor allem auf Atomkraft. Dabei kommen regelmäßig auch Subventionen zum Einsatz. Leistungsfähigere Interkonnektoren haben Einfluss auf die Preise und schon die Erwartung, dass ein Interkonnektor gebaut und mehr Strom importiert wird, beeinflusse die Investitionsbereitschaft. Schweden etwa verhindert bislang eine leistungsfähige Anbindung an das deutsche Stromnetz, damit der billige Strom aus dem Norden nicht nach Deutschland exportiert wird und in Schweden die Preise steigen. 

Schließlich ist da auch ein Mangel an Vertrauen zwischen den Mitgliedsstaaten. Je stärker der Strommarkt integriert ist, desto geringer ist ihre Kontrolle. Viele Regierungen sehen darin eine Gefahr für die Versorgungssicherheit. Eine Option ist das allerdings nur noch für die größeren EU-Staaten. Viele kleinere Länder sind so weit integriert, dass ihre maximale Nachfrage nicht mehr alleine durch die eigene Erzeugung gedeckt werden kann.
 
Tom Weingärtner
Quelle: E&M

 

Donnerstag, 19.02.2026, 09:27 Uhr
Tom Weingärtner
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Zahlenchaos im europäischen Strommarkt
Unser Brüsseler Korrespondent Tom Weingärtner kommentiert in seiner Kolumne „Inside EU Energie“ energiepolitische Themen aus dem EU-Parlament, der EU-Kommission und den Verbänden.
Die europäische Energiepolitik leidet nach einer Untersuchung der Brüsseler Denkfabrik Bruegel unter Intransparenz und einem Mangel an effizienter Zusammenarbeit. Vor allem in der Elektrizitätswirtschaft mache sich die Fragmentierung des Binnenmarktes bemerkbar. Die Bemühungen der EU, von Energieimporten unabhängig zu werden und auf Strom aus heimischen Energiequellen zu setzen, verstärke die daraus erwachsenden ökonomischen Nachteile. 

Die EU will die Erzeugung aus fossilen Energien bis 2040 weitgehend beenden und durch „saubere“ Energien (Wind, Sonne, Atom) ersetzen. Dafür seien massive Investitionen in die Erzeugung, das Stromnetz, Speicher und zur Steuerung der Nachfrage nötig, schreiben die Experten von Bruegel. Die Entscheidungen darüber würden in einem komplexen und unübersichtlichen System von Regeln und Akteuren getroffen, das die Effizienz dieser Investitionen beeinträchtige − und damit auch ihre Attraktivität für private Investoren. 

Bei Bruegel hat man dafür drei Hauptursachen ausgemacht: die schlechte Qualität der zur Verfügung stehenden Daten, eine zwischen den EU-Staaten nicht abgestimmte Investitionsplanung, ein Mangel an Vertrauen und grenzüberschreitender Zusammenarbeit. 

Die Energiewende mache Entscheidungen von tausenden Investoren und anderen Akteuren notwendig, die eine klare Vorstellung über die Entwicklung in den nächsten Jahrzehnten brauchten. Die dafür nötigen Daten stünden entweder gar nicht zur Verfügung oder basierten auf undurchsichtigen Modellen. Sie seien weder harmonisiert, noch konsistent und selten vergleichbar. 

Intransparente Planungsprozesse

Die Autoren verweisen als Beispiel auf unterschiedliche Prognosen der Stromnachfrage im Jahr 2030. Sie reichten von 2.450 TWh in den addierten Energie- und Klimapläne (NECP) bis 3.400 TWh in der Analyse der Erzeugungskapazität (ERAA) der Netzbetreiber (ENTSO-E). Das Zahlenchaos auf europäischer Ebene sei nicht geeignet, stabile Erwartungen bei potentiellen Investoren zu erzeugen und führe zu Unsicherheit und steigenden Kapitalkosten. Sie empfehlen, einen Energiedaten-Hub einzurichten, der aggregierte und vergleichbare Daten zeitnah zur Verfügung stellt. 

Kostentreibend sei auch ein intransparenter Planungsprozess. Die Planung grenzüberschreitender Infrastrukturprojekte durch ENTSO-E bleibe weitgehend rätselhaft. Niemand wisse genau, warum nationale TSOs bestimmte Projekte für die Aufstellung des TYNDP notifizierten.

Zu wenig Interkonnektorkapazität

Dass der Planungs- und Abstimmungsprozess auf europäischer Ebene unzureichend sei, sehe man auch daran, dass die Ziele für den Ausbau grenzüberschreitender Interkonnektoren verfehlt würden. Bereits 2020 sollte jeder EU-Staat über Interkonnektoren von mindestens 10 Prozent mit seinen Nachbarn verbunden sein. Von den fünf größten Mitgliedsstaaten (D, F, It, E, Pl) verfügte nur Deutschland Ende 2025 über eine Interkonnektorkapazität von mehr als 10 Prozent. Von den für 2030 anvisierten 15 Prozent seien alle fünf Länder weit entfernt. 

Die nationalen Energie- und Klimapläne (NECP) haben sich nach Ansicht von Bruegel als wenig hilfreich für einen abgestimmten Ausbau des Elektrizitätsmarktes und der dazu gehördenden Infrastruktur erwiesen.

Eine weitergehende Integration sei gerade im Hinblick auf die Energiewende von großem Vorteil für alle Mitgliedsstaaten, denn das Potenzial von Wind- und Solarenergie ergänze sich. Das Aufkommen an Solarenergie im Süden sei besonders hoch, wenn es wenig Wind im Norden gebe und umgekehrt. Ein integrierter Strommarkt sei widerstandsfähiger, habe niedrigere Kapitalkosten, mehr Wettbewerb und im Ergebnis niedrigere Preise. 

Behindert werde die Integration durch Verteilungseffekte. Grundsätzlich entscheidet jedes Mitgliedsland über seinen Energiemix, die Deutschen etwa bevorzugen die Erneuerbaren, Frankreich setzt vor allem auf Atomkraft. Dabei kommen regelmäßig auch Subventionen zum Einsatz. Leistungsfähigere Interkonnektoren haben Einfluss auf die Preise und schon die Erwartung, dass ein Interkonnektor gebaut und mehr Strom importiert wird, beeinflusse die Investitionsbereitschaft. Schweden etwa verhindert bislang eine leistungsfähige Anbindung an das deutsche Stromnetz, damit der billige Strom aus dem Norden nicht nach Deutschland exportiert wird und in Schweden die Preise steigen. 

Schließlich ist da auch ein Mangel an Vertrauen zwischen den Mitgliedsstaaten. Je stärker der Strommarkt integriert ist, desto geringer ist ihre Kontrolle. Viele Regierungen sehen darin eine Gefahr für die Versorgungssicherheit. Eine Option ist das allerdings nur noch für die größeren EU-Staaten. Viele kleinere Länder sind so weit integriert, dass ihre maximale Nachfrage nicht mehr alleine durch die eigene Erzeugung gedeckt werden kann.
 
Tom Weingärtner
Quelle: E&M

 

Donnerstag, 19.02.2026, 09:27 Uhr
Tom Weingärtner

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