Quelle: Fotolia / zozzzzo
In Oberbayern soll Gas gefördert werden. Nach der Probebohrung muss sich im Labor zeigen, ob es sich für das Unternehmen lohnt. Die Anwohnenden haben indes eine andere Sorge.
In der wegen der Suche nach Erdgas bundesweit bekannt gewordenen oberbayerischen Gemeinde Reichling am Ammersee wächst die Sorge vor möglichen Enteignungen. „Wenn die das durchziehen, wird es Enteignungen geben. Deshalb wächst hier schon mit jedem Tag die Sorge vor dem, was uns im nächsten Jahr erwartet“, fasst Claudia Danner von der Bürgerinitiative Reichling-Ludenhausen die Stimmungslage zusammen.
Die „Energieprojekt Lech Kinsau 1 GmbH“, ein Unternehmen der MRH Mineralöl-Rohstoff-Handel GmbH und der Genexco GmbH, plant nach eigenen Angaben eine Förderung von Erdgas über zehn bis 15 Jahre. Es wird nach ersten Untersuchungen eine Gasmenge von 400 bis 500 Millionen Kubikmetern vermutet. Derzeit wird in einem Labor analysiert, ob sich wie vermutet in rund 3.400 Metern Tiefe unter der Gemeinde nennenswerte Mengen an förderfähigem Erdgas befinden. Das Ergebnis könnte im ersten Quartal 2026 veröffentlicht werden.
Streit um Flächen für die Gasleitungen
Das große Konfliktpotenzial liegt jedoch bei einer anderen Frage: Denn wie das Gas vom Bohrfeld ins Gasleitungsnetz eingespeist werden soll, weiß derzeit niemand. Denkbar wären Leitungen zu den Anschlussstellen in Denklingen (rund 7 Kilometer entfernt), Landsberg (rund 17 Kilometer) oder Schongau (rund 15 Kilometer) − doch weder die anliegenden Privatgrundstück-Besitzer noch der Landkreis Landsberg am Lech wollen dafür freiwillig Flächen bereitstellen.
Bereits Anfang September 2024 machte die Bürgerinitiative ihre Ent- und Geschlossenheit in der Frage in einem Brief an Genexco Gas deutlich. Anwohner fürchten wegen der Gasförderung um ihre Heimat und die unweit der Bohrstelle gelegene Trinkwasserquelle der Gemeinde. Derzeit sind nach Auskunft der Bürgerinitiative die Grundstücke um den Bohrplatz nicht als Leitungskorridor verfügbar. Laut Danner liegen bisher auch keine finanziellen Angebote vor, um die Leitungen bauen zu dürfen.
Rechtlich ist die Enteignungsfrage nicht leicht zu beantworten. Tatsache ist, dass das Energieprojekt einen Rechtsanspruch nach Paragraf 20 des Energiewirtschaftsgesetzes hat. Laut hiesigem Wirtschaftsministerium wird hier auch der Netzanschluss geregelt. Anders als die Förderung des Gases sei dies nicht Sache des Bergrechts, das in der Vergangenheit − etwa beim Braunkohletagebau Garzweiler − Grundlage für Enteignungen war.
Bauliche Umsetzung entscheidend für rechtliche Frage
Aus Sicht der Umweltorganisation Greenpeace hängt die rechtliche Frage an der konkreten Umsetzung der Gasleitung: „Man kann das nicht klar beurteilen, wenn man nicht weiß, was für Pipelines das sein werden, wohin sie gehen und wie das geplant wird“, sagte die Hamburger Rechtsanwältin Roda Verheyen. Sie appellierte an alle Eigentümer, sich im Fall der Fälle zu wehren, denn Artikel 14 im Grundgesetz schütze „rechtswidriger Inanspruchnahme“, Enteignungen seien nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig.
Saskia Reinbeck, Klimaschutzaktivistin von Greenpeace Bayern, forderte von Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler), sich für die Eigentumsrechte starkzumachen: „Ausgerechnet auf ihren Feldern Pipelines für den Abtransport von klimaschädlichem Erdgas verlegen zu wollen, ist an Zynismus kaum zu überbieten.“
Das Wirtschaftsministerium betonte auf Nachfrage, es habe sich mit „mit Fragen der Enteignung aus bergrechtlicher Sicht im vorliegenden Fall bisher nicht befasst“. Dazu bestehe keine Veranlassung, da der Abtransport „nach unserer Einschätzung“ nicht mehr der Gewinnung oder Aufbereitung zuzurechnen sei. „Auch im Hinblick auf etwaige Netzausbaumaßnahmen, liegen uns keine Informationen zu möglichen Enteignungen vor.“
Für das „Energieprojekt Lech Kinsau 1 GmbH“ ist auf Nachfrage das Thema Enteignungen nicht von Relevanz. „Gegenwärtig konzentrieren wir uns auf die Auswertung der im Rahmen der Erkundungsbohrung gewonnenen Daten“, teilte ein Sprecher auf Anfrage mit. Die Planung der Einspeisung ins Netz werde „aktuell nicht konkret diskutiert“.
Für Claudia Danner und ihre Mitstreiter in Reichling geht es mit einem unguten Gefühl ins Jahr 2026. „Wir hängen hier in der Luft“, sagte sie. Anfang Januar werde das Thema dann wieder angegangen. „Dann besprechen wir, wie es weitergeht. Für uns steht aber fest, wir geben nichts her.“
Dienstag, 30.12.2025, 10:26 Uhr
dpa
© 2026 Energie & Management GmbH