Quelle: Katia Meyer-Tien
Im Januar importierte die EU wieder mehr russisches Gas per Schiff und über die Schwarzmeergasleitung Turkstream. Klagen und Sanktionsbeschlüsse könnten den Importstopp aushebeln.
Jüngste Zahlen der Brüssler Think Tank Bruegel zeigen, dass die EU im Januar die Importe von russischem LNG um 11 Prozent auf 2,276 Milliarden Kubikmeter kräftig erhöhte und damit den höchsten Monatsumfang vom letzten Dezember mit 2,275 Milliarden Kubikmeter Gas überschritt. Ebenso legten in den ersten vier Wochen dieses Jahres die Importe über die Schwarzmeergasleitung Turkstream weiter zu und umfassten 1,542 Milliarden Kubikmeter Gas, was einen Anstieg um knapp 2 Prozent markierte.
USA sprangen ein
Im letzten Jahr sanken die LNG-Lieferungen Russlands an die Europäische Union um knapp 7 Prozent auf rund 20 Milliarden Kubikmeter, während die Lieferungen über Turkstream um 8 Prozent stiegen. Insgesamt belegte Russland 2025 mit 38 Milliarden Kubikmetern den vierten Platz bei den Gaslieferungen an die EU, hinter Norwegen, den USA und Algerien. Ohne den Gastransit über die Ukraine verzeichnete Russland 2025 einen Rückgang seiner Gasexporte in die EU um fast 40 Prozent gegenüber 2024.
Stattdessen importierte die EU im vergangenen Jahr und im Januar vorzugsweise mehr LNG aus den USA. Der Anteil der Importe aus den USA stieg dadurch auf fast 60 Prozent, während der Anteil aus anderen Ländern stabil blieb oder sank. Der europäische Energiekommissar Dan Jørgensen sprach Medienberichten zufolge Ende Januar im Zuge der Grönlandkrise von einer stärkeren Besorgnis über eine Abhängigkeit von LNG-Lieferungen aus den USA. Die Union erwäge daher eine Erhöhung der Importe aus anderen Regionen, darunter Kanada, Katar und nordafrikanische Länder.
Ausstieg aus russischem Gas in Kraft
Am 26. Januar stimmten 24 EU-Staaten dem vollständigen Verbot russischer LNG-Lieferungen ab 1. Januar 2027 und von Pipelinegaslieferungen ab 30. September zu. Ungarn und die Slowakei stimmten erwartungsgemäß gegen die Verordnung zum russischen Gasverzicht. Bulgarien enthielt sich der Stimme, weil es bulgarischen Medien zufolge Strafzahlungen wegen nicht erfüllter Transportverpflichtungen befürchtet.
Das Verbot von LNG-Importen im Rahmen kurzfristiger Verträge soll am 25. April 2026 in Kraft treten. Kurzfristige Pipelinegasverträge müssen bis zum 17. Juni 2026 abgeschlossen sein. Die Verordnung ist seit ihrer Veröffentlichung am 2. Februar 2026 in Kraft. Nach Angaben der EU liegt der Importanteil von russischem Gas 2025 geschätzt bei 13 Prozent und macht einen Wert von über 15 Milliarden Euro jährlich aus. Dadurch sei die EU erheblichen Risiken in Bezug auf ihre Handels- und Energiesicherheit ausgesetzt.
Slowakei und Ungarn gegen EU-Beschluss
Die Regierungschefs von Ungarn und Slowakei Viktor Orban und Robert Fico sehen die Risiken dagegen im Verzicht auf russische Gasimporten. Beide Länder decken ihre Importe vorzugsweise mit Turkstream-Gas ab. Auf Jørgensen Hinweis auf die zunehmende Besorgnis über eine Abhängigkeit von den USA reagierte Fico Ende Januar in sozialen Medien mit Kritik und nannte die Vorschläge, alle russischen Gasimporte ab 2027 einzustellen und durch Flüssigerdgas aus den Vereinigten Staaten zu ersetzen, „irrsinnig und ideologisch“.
Der Beschluss zum russischen Gasimportstopp, der mit qualifizierter Mehrheit verabschiedet wurde, verstößt seiner Ansicht nach gegen die Grundprinzipien der Verträge, auf denen die Union basiert. Dies erklärte Fico auf einer Pressekonferenz am 27. Januar. Hier kündigte er an, gegen diesen Beschluss beim Gerichtshof der Europäischen Union in Luxemburg Klage zu erheben. Jüngst im Februar erklärte Fico laut Medien: „Ich denke, wir können die Klage gewinnen, die wir gegen die Europäische Kommission wegen ihrer Entscheidung, die Gasimporte aus dem Osten einzustellen, einreichen.“ Auch einige europäische Länder teilten die Ansicht, dass die Kommission in diesem Fall das für Sanktionen erforderliche Einstimmigkeitsprinzip umgangen habe. Ungarn reichte seine Klage Anfang Februar ein.
Modell Druschba-Pipeline für Turkstream
Ohne russische Energielieferungen würden die Wohn- und Stromkosten ungarischer Familien jährlich um mindestens 8 Prozent steigen, Orbán. „Das ist, als ob Ihnen ein ganzer Monatslohn vorenthalten würde“, erklärte er im ungarischen Fernsehen. Kiew fordere ständig von Brüssel, EU-Mitgliedstaaten, darunter auch Ungarn, den Zugang zu billiger russischer Energie zu entziehen. „Wer das sagt, ist Ungarns Feind, und deshalb ist auch die Ukraine unser Feind.“ Zudem enthält die Verordnung zum russischen Gasimportstopp eine Klausel, die vorsieht, eine Ausnahme zu gewähren, wenn die Versorgung gefährdet ist. Möglicherweise ist das ein Hebel, um das aktuelle Modell vom Ölimport über die Druschba-Pipeline auf Turkstream auszuweiten. Klagen und Einstimmigkeitsbeschlüsse bei Sanktionen könnten dafür sorgen, dass russisches Öl und Gas weiter nach Europa fließen, wenn die EU-Kommission jetzt die nötige Konsequenz vermissen lässt.
Dienstag, 10.02.2026, 14:47 Uhr
Josephine Bollinger-Kanne
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