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Energie & Management > Geothermie - 40 Prozent fossile EU-Stromkapazität ersetzbar
Quelle: Heidi Roider
Geothermie

40 Prozent fossile EU-Stromkapazität ersetzbar

Der Think-Tank Ember beziffert das wirtschaftlich nutzbare Potenzial der Tiefengeothermie in der EU auf 43.000 MW. Das entspreche rund 42 Prozent der Stromerzeugung aus Kohle und Gas.
Die Tiefengeothermie kann nach Einschätzung des Think-Tanks Ember einen erheblichen Teil der fossilen Stromerzeugung in der Europäischen Union ersetzen. Ember ist eine in London ansässige Denkfabrik für Energie- und Klimaforschung. In der Analyse „Hot Stuff: Geothermal Energy in Europe“ kommt sie zu dem Ergebnis, dass sich rund 43.000 MW an geothermischer Leistung zu Kosten von unter 100 Euro pro MWh entwickeln ließen. Das sei preislich mit Kohle- und Gaskraftwerken vergleichbar.

Laut der Analyse entspräche dieses Volumen rund 42 Prozent der Stromerzeugung aus Kohle und Gas in der EU im Jahr 2025. Bei vollständiger Nutzung könnten die identifizierten Kapazitäten etwa 301 TWh Strom pro Jahr liefern. Ember verweist dabei auf den hohen Kapazitätsfaktor geothermischer Anlagen, die kontinuierlich Strom bereitstellen können.

Das größte wirtschaftlich erschließbare Potenzial sieht Ember in Ungarn. Es folgen Polen, Deutschland und Frankreich. Die Organisation argumentiert, dass der Ausbau der Tiefengeothermie die Abhängigkeit von fossilen Energieimporten senken und die Energiesicherheit stärken könne.

Neue Technologien bohren tiefer

Technologische Fortschritte hätten die Ausgangslage grundlegend verändert, heißt es in der Untersuchung. Moderne Bohrtechniken sowie Enhanced Geothermal Systems (EGS) ermöglichten den Zugang zu tieferen und heißeren Gesteinsschichten. Dadurch sei die Stromerzeugung aus Geothermie nicht länger auf vulkanisch aktive Regionen wie Island beschränkt. Ember betont, dass viele dieser Entwicklungen bislang wenig öffentliche Aufmerksamkeit erhalten hätten und Geothermie in weiten Teilen Europas noch immer als nicht verfügbar gelte.

Im Jahr 2024 waren in Europa 147 Geothermiekraftwerke in Betrieb. Sie verfügten zusammen über etwas mehr als 3.500 MW installierte Leistung und erzeugten rund 20 Milliarden kWh Strom. Ein Großteil der Produktion entfiel auf die Türkei, Italien und Island. Darüber hinaus produzieren unter anderem Kroatien, Frankreich, Deutschland, Ungarn, Österreich und Portugal geothermischen Strom. In Belgien, der Slowakei und Griechenland befinden sich Projekte im Aufbau. Nach Angaben von Ember sind europaweit rund 50 weitere Kraftwerke in unterschiedlichen Entwicklungsphasen.

Weltweite Reserven unerschlossen

Global spielt die Tiefengeothermie bislang eine untergeordnete Rolle. 2024 lag ihr Anteil an der weltweiten Stromerzeugung laut Ember bei weniger als 0,5 Prozent. Allerdings rechnet die Organisation mit einer deutlichen Beschleunigung des Ausbaus. Bis 2030 könnten weltweit jährlich knapp 1.500 MW neu installiert werden, was einer Verdreifachung des Zubaus im Vergleich zu 2024 entspreche. Langfristig könne die Geothermie bis 2050 bis zu 15 Prozent des globalen Wachstums der Stromnachfrage decken.

Ember verweist zudem auf eine aktuelle Analyse aus den USA. Demnach könnte Geothermie dort kosteneffizient bis zu 64 Prozent des erwarteten zusätzlichen Strombedarfs von Rechenzentren bis Anfang der 2030er Jahre decken. Geothermiekraftwerke eigneten sich für ein Energiesystem mit hohem Anteil fluktuierender Erzeugung, da sie gesicherte Leistung bereitstellen und systemstabilisierend wirken könnten.

Politische Weichen stellen

Politisch sieht Ember in Europa Nachholbedarf. Zwar hätten mehrere Mitgliedstaaten, darunter Österreich, Kroatien, Frankreich, Ungarn, Irland und Polen, nationale Geothermie-Fahrpläne verabschiedet. Auf EU-Ebene habe das Thema jedoch erst 2024 an Dynamik gewonnen. Sowohl der Rat der Europäischen Union als auch das Europäische Parlament hätten sich für eine Beschleunigung ausgesprochen und eine Europäische Geothermie-Allianz angeregt.

 
Geothermisches Potenzial nach Ländern.
Zur Vollansicht bitte auf die Grafik klicken
Quelle: Ember

Ob die Tiefengeothermie ihr identifiziertes Potenzial ausschöpfen kann, hängt laut Ember maßgeblich von den politischen Rahmenbedingungen ab. Die Organisation nennt drei zentrale Handlungsfelder: Erstens müsse die EU Investitionsrisiken durch gemeinsame Instrumente und gezielte Förderprogramme senken. Zweitens gelte es, Genehmigungsverfahren zu straffen und den Zugang zu Untergrunddaten zu verbessern. Drittens müsse der Systemwert der Geothermie in der Strommarktgestaltung und Energieplanung stärker berücksichtigt werden.

Ohne eine solche Priorisierung drohe Europa laut Ember, seine führende Rolle in der Geothermie zu verlieren. Die kommenden Entscheidungen im Rahmen des nächsten mehrjährigen Finanzrahmens sowie geplanter industriepolitischer Initiativen könnten daher richtungsweisend sein.

Die Geothermie-Studie von Ember steht in englischer Sprache als PDF zum Download bereit.

Donnerstag, 12.02.2026, 13:14 Uhr
Susanne Harmsen
Energie & Management > Geothermie - 40 Prozent fossile EU-Stromkapazität ersetzbar
Quelle: Heidi Roider
Geothermie
40 Prozent fossile EU-Stromkapazität ersetzbar
Der Think-Tank Ember beziffert das wirtschaftlich nutzbare Potenzial der Tiefengeothermie in der EU auf 43.000 MW. Das entspreche rund 42 Prozent der Stromerzeugung aus Kohle und Gas.
Die Tiefengeothermie kann nach Einschätzung des Think-Tanks Ember einen erheblichen Teil der fossilen Stromerzeugung in der Europäischen Union ersetzen. Ember ist eine in London ansässige Denkfabrik für Energie- und Klimaforschung. In der Analyse „Hot Stuff: Geothermal Energy in Europe“ kommt sie zu dem Ergebnis, dass sich rund 43.000 MW an geothermischer Leistung zu Kosten von unter 100 Euro pro MWh entwickeln ließen. Das sei preislich mit Kohle- und Gaskraftwerken vergleichbar.

Laut der Analyse entspräche dieses Volumen rund 42 Prozent der Stromerzeugung aus Kohle und Gas in der EU im Jahr 2025. Bei vollständiger Nutzung könnten die identifizierten Kapazitäten etwa 301 TWh Strom pro Jahr liefern. Ember verweist dabei auf den hohen Kapazitätsfaktor geothermischer Anlagen, die kontinuierlich Strom bereitstellen können.

Das größte wirtschaftlich erschließbare Potenzial sieht Ember in Ungarn. Es folgen Polen, Deutschland und Frankreich. Die Organisation argumentiert, dass der Ausbau der Tiefengeothermie die Abhängigkeit von fossilen Energieimporten senken und die Energiesicherheit stärken könne.

Neue Technologien bohren tiefer

Technologische Fortschritte hätten die Ausgangslage grundlegend verändert, heißt es in der Untersuchung. Moderne Bohrtechniken sowie Enhanced Geothermal Systems (EGS) ermöglichten den Zugang zu tieferen und heißeren Gesteinsschichten. Dadurch sei die Stromerzeugung aus Geothermie nicht länger auf vulkanisch aktive Regionen wie Island beschränkt. Ember betont, dass viele dieser Entwicklungen bislang wenig öffentliche Aufmerksamkeit erhalten hätten und Geothermie in weiten Teilen Europas noch immer als nicht verfügbar gelte.

Im Jahr 2024 waren in Europa 147 Geothermiekraftwerke in Betrieb. Sie verfügten zusammen über etwas mehr als 3.500 MW installierte Leistung und erzeugten rund 20 Milliarden kWh Strom. Ein Großteil der Produktion entfiel auf die Türkei, Italien und Island. Darüber hinaus produzieren unter anderem Kroatien, Frankreich, Deutschland, Ungarn, Österreich und Portugal geothermischen Strom. In Belgien, der Slowakei und Griechenland befinden sich Projekte im Aufbau. Nach Angaben von Ember sind europaweit rund 50 weitere Kraftwerke in unterschiedlichen Entwicklungsphasen.

Weltweite Reserven unerschlossen

Global spielt die Tiefengeothermie bislang eine untergeordnete Rolle. 2024 lag ihr Anteil an der weltweiten Stromerzeugung laut Ember bei weniger als 0,5 Prozent. Allerdings rechnet die Organisation mit einer deutlichen Beschleunigung des Ausbaus. Bis 2030 könnten weltweit jährlich knapp 1.500 MW neu installiert werden, was einer Verdreifachung des Zubaus im Vergleich zu 2024 entspreche. Langfristig könne die Geothermie bis 2050 bis zu 15 Prozent des globalen Wachstums der Stromnachfrage decken.

Ember verweist zudem auf eine aktuelle Analyse aus den USA. Demnach könnte Geothermie dort kosteneffizient bis zu 64 Prozent des erwarteten zusätzlichen Strombedarfs von Rechenzentren bis Anfang der 2030er Jahre decken. Geothermiekraftwerke eigneten sich für ein Energiesystem mit hohem Anteil fluktuierender Erzeugung, da sie gesicherte Leistung bereitstellen und systemstabilisierend wirken könnten.

Politische Weichen stellen

Politisch sieht Ember in Europa Nachholbedarf. Zwar hätten mehrere Mitgliedstaaten, darunter Österreich, Kroatien, Frankreich, Ungarn, Irland und Polen, nationale Geothermie-Fahrpläne verabschiedet. Auf EU-Ebene habe das Thema jedoch erst 2024 an Dynamik gewonnen. Sowohl der Rat der Europäischen Union als auch das Europäische Parlament hätten sich für eine Beschleunigung ausgesprochen und eine Europäische Geothermie-Allianz angeregt.

 
Geothermisches Potenzial nach Ländern.
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Quelle: Ember

Ob die Tiefengeothermie ihr identifiziertes Potenzial ausschöpfen kann, hängt laut Ember maßgeblich von den politischen Rahmenbedingungen ab. Die Organisation nennt drei zentrale Handlungsfelder: Erstens müsse die EU Investitionsrisiken durch gemeinsame Instrumente und gezielte Förderprogramme senken. Zweitens gelte es, Genehmigungsverfahren zu straffen und den Zugang zu Untergrunddaten zu verbessern. Drittens müsse der Systemwert der Geothermie in der Strommarktgestaltung und Energieplanung stärker berücksichtigt werden.

Ohne eine solche Priorisierung drohe Europa laut Ember, seine führende Rolle in der Geothermie zu verlieren. Die kommenden Entscheidungen im Rahmen des nächsten mehrjährigen Finanzrahmens sowie geplanter industriepolitischer Initiativen könnten daher richtungsweisend sein.

Die Geothermie-Studie von Ember steht in englischer Sprache als PDF zum Download bereit.

Donnerstag, 12.02.2026, 13:14 Uhr
Susanne Harmsen

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