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Im März 2006 gab Christof Schorsch E&M ein Interview. Der Blick zurück in der Rubrik „E&M vor 20 Jahren“ zeigt die damaligen Erwartungen und Debatten beim Thema Regulierung auf.
Vor 20 Jahren wurde das Thema Regulierung kontrovers diskutiert: Die Regulierung könnte Stadtwerke noch stärker verändern als die Liberalisierung 1998, so die damalige Annahme. Auch die Stadtwerkekooperationen standen damals vor neuen Herausforderungen. LBD-Berater Christof Schorsch gab Energie & Management ein Interview:
März 2006: Eine Menge Bewegung in der insgesamt recht überschaubaren Kooperationenlandschaft erwartet Schorsch in den nächsten Jahren. Kooperationen müssten sich „ein Stück weit neu erfinden“, fordert der Prokurist der Berliner LBD-Beratungsgesellschaft mbH. Dr. Christof Schorsch muss es wissen. Er berät Stadtwerke, hat 2004 an einer Studie über kommunale Unternehmen mitgearbeitet und pflegt intensive Kontakte zu ihnen. Außerdem koordiniert und organisiert die LBD mit der Kölner SynergieKomm seit dem letzten Jahr einen regelmäßigen Erfahrungsaustausch unabhängiger deutscher Stadtwerkekooperationen. Beim letzten Treffen Anfang des Jahres in Leipzig stand das Thema Expansion im Mittelpunkt der Diskussion. E&M unterhielt sich mit Christof Schorsch über Perspektiven für Kooperationen und mögliche neue Ziele.
E&M: Herr Dr. Schorsch, warum haben in der Vergangenheit viele Stadtwerke lieber über Kooperationen geredet als sich darauf einzulassen?
Christof Schorsch: Das hat damit zu tun, dass es schon ein anspruchsvolles Unterfangen ist, eine Kooperation einzugehen und damit zu entscheiden, bestimmte Wertschöpfungsbereiche aus dem Haus zu geben. So etwas zu starten ist eine richtig große Transaktion. Die Kooperationspartner müssen gut miteinander können, die ‚Chemie’ muss stimmen – das ist entscheidend. Und es ist auf jeden Fall einfacher, eine Dienstleistung zu beziehen und zum Beispiel Strom von einem Dritten einzukaufen als sich längerfristig auf eine intensive Zusammenarbeit einzulassen.
E&M: Tendieren in letzter Zeit Stadtwerke wieder mehr dazu, eine Kooperation einzugehen?
Schorsch: Das ist schwer zu beurteilen. Laut VKU (Verband kommunaler Unternehmen; Anm. d. Red.) gibt es derzeit etwa 30 unabhängige Stadtwerkekooperationen, denen rund 200 Gesellschafter angehören. Möglicherweise ist der Druck bei vielen Energieversorgern noch nicht groß genug, um sich einer Kooperation anzuschließen oder eine eigene zu gründen.
E&M: Wird der Druck steigen?
Schorsch: Unbedingt, denn es gibt nur wenige Alternativen. Für Stadtwerke, die groß genug sind, ist eine Stand-alone-Position möglich, andere suchen einen strategischen Partner in Gestalt eines der großen Verbundunternehmen oder eines ausländischen Versorgers wie Essent oder Nuon. Der dritte Weg ist die Kooperation als Mittelding zwischen Abhängigkeit und Unabhängigkeit unter Wahrung kommunalwirtschaftlicher Interessen.
E&M: Was sind die Hauptanforderungen an eine gute Kooperation?
Schorsch: Eine Kooperation muss vor allem beweisen, dass sie ihren Gesellschaftern wirtschaftliche Vorteile bringt. Klassische Bereiche der Zusammenarbeit sind Energiemarktprozesse, wie Beschaffung, Portfoliomanagement, Abrechnung und Zählermanagement, aber auch Großkundenvertrieb und sonstige Dienstleistungen, wie etwa IT.
E&M: Wie wirken die sich verändernden Rahmenbedingungen auf Kooperationen?
Schorsch: Je mehr durch die Regulierung der Druck auf die Stadtwerke zunimmt, desto stärker wird auch der Druck auf die Kooperationen wachsen. Viele Kooperationen tun gut daran, zu überprüfen, wo sie stehen. Die meisten wurden gleich nach der Liberalisierung gegründet und müssen jetzt in einer neuen und deutlich wettbewerbsintensiveren Marktphase bestehen, die stark von Regulierung, sinkenden Netzentgelten sowie niedrigeren Renditen und anziehendem Wettbewerb im Vertrieb geprägt sein wird.
E&M: Bedeutet das, dass Kooperationen künftig kooperieren müssen?
Schorsch: Kooperationen werden zunächst sicherlich mehr und mehr in Konkurrenz zueinander geraten. Bisher zeigt ein Blick auf die Landkarte überwiegend ein schiedlich-friedliches Nebeneinander. Ein Aha-Effekt war für mich, als zwei Kooperationen in Nordrhein-Westfalen – die LET Liberal Energy Trading in Menden und die Verson Energie Partner in Krefeld – kürzlich bekannt gaben, Mitte des Jahres zu fusionieren.
E&M: Kommt es zu einer Flurbereinigung in der Kooperationenlandschaft?
Schorsch: Meine Einschätzung ist, dass es bei den Kooperationen eine deutliche Tendenz zur Expansion gibt, sowohl geographisch als auch inhaltlich. Das heißt zum Beispiel, dass künftig diejenigen, die sich nur mit Strom beschäftigen, auch Gas anbieten werden. Regional begrenzte Kooperationen werden sich überregional auf die Suche nach neuen Gesellschaftern machen. Die eine oder andere Kooperation wird dann sicherlich zu klein sein und an ihre Grenzen hinsichtlich Kapital, Know-how und Managementressourcen stoßen. Die schiedlich-friedliche Trennung wird sich tendenziell auflösen. Spannend ist die Frage, ob Kooperationen dann kooperieren, wirklich in den Wettbewerb zueinander eintreten oder sich spezialisieren. Auf jeden Fall ist zu erwarten, dass Kooperationen künftig nicht nur von der Gesellschafterseite her unter Druck geraten, sondern auch aufgrund ihrer eigenen Expansionsbemühungen.
E&M: Was bedeutet das für ihre Organisation?
Schorsch: Kooperationen brauchen künftig professionelle Strukturen und müssen wie klassische Unternehmen aufgestellt sein. Eine Kooperation nebenberuflich zu managen, wird nicht mehr möglich sein.
E&M: Gibt es einen grundsätzlichen Trend hin zu den großen – professionelleren - Kooperationen wie Trianel, Citiworks oder Kom-Strom?
Schorsch: Auch hier gilt der allgemeine Markttrend: Die großen werden immer größer und werden weiter wachsen. Dennoch werden sich nicht alle Stadtwerke mit fliegenden Fahnen diesen Kooperationen anschließen. Das liegt zum einen an der Kleinstaaterei der Branche, zum anderen aber auch am Einfluss der lokalen Entscheider, die überschaubare Strukturen schätzen. Die Grundfrage dabei ist, ob ein Unternehmen eines von vielen sein oder in einer kleineren Kooperation maßgeblich mitentscheiden will. Das Regionale ist für Stadtwerke generell eine wichtige Größe.
E&M: Ist denn überhaupt schon eine dezidierte Konkurrenz unter den Kooperationen um neue Mitglieder festzustellen?
Schorsch: Bei den bundesweiten wie Trianel, Citiworks und Kom-Strom, ja.
E&M: Zu welchem Vorgehen raten Sie Stadtwerke-Kooperationen?
Schorsch: Wie jedes Stadtwerk müssen sich auch Kooperationen überlegen, welche Ziele sie haben. Jede Kooperation muss sich mit dem Thema Strategie beschäftigen. Es werden wohl nur Kooperationen, die ein klares Profil haben, die nächsten fünf Jahre überleben.
E&M: Gibt es in fünf Jahren weniger oder mehr Kooperationen?
Schorsch: Das ist ein bisschen Kaffeesatzleserei. Es wird auf jeden Fall deutlich mehr Kooperationstätigkeit geben. Intuitiv würde ich sagen, dass es weniger Kooperationen geben wird, die mehr machen.
Samstag, 28.02.2026, 04:56 Uhr
Peter Focht
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