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Bild: Fotolia.com, zentilia
WINDKRAFT:
Wellbrock: "Der EEG-Entwurf führt zu einem Oligopol auf See"
Über die Perspektiven des künftigen Offshore-Windausbaus hierzulande sprach E&M mit dem neuen WAB-Geschäftsführer Andreas Wellbrock.
 
E&M: Herr Wellbrock, mit der bevorstehenden EEG-Novelle will die Bundesregierung den Offshore-Windkraftausbau künftig auf 730 Megawatt im Jahr beschränken, Ist das nicht ein energiepolitisches Armutszeugnis?

Wellbrock: Zynisch könnte ich sagen, dass die Offshore-Windbranche in den zurückliegenden Jahren einiges an Kummer gewohnt war. Sehr bitter ist, dass die Bundesregierung ihr eigenes Ziel, die Stromgestehungskosten auf See zu senken, mit diesen dürftigen Vorgaben für den weiteren Ausbau konterkariert. Skaleneffekte in der Industrie lassen sich nur erreichen, wenn große Mengen produziert werden. Mit dem durchschnittlichen Ausbau von 730 MW sind die von der Politik geforderten Kostenreduzierungen im Offshore-Windsektor nicht möglich. Außerdem befürchte ich, dass sich einige Marktteilnehmer angesichts des gedeckelten Ausbauvolumens aus dem Markt verabschieden werden.

E&M: Das heißt, Sie erwarten eine Oligopolisierung bei Betreibern sowie den industriellen Herstellern und Zulieferern?

Wellbrock: Ja, wenn es bei dem EEG-Entwurf bleibt, gehe ich von einem Oligopol auf See aus. Damit werden wir steigende Preise erleben.

E&M: Der EEG-Referentenentwurf sieht für das Jahr 2017 gleich zwei Ausschreibungsrunden mit einem Gesamtvolumen von etwa 3 000 Megawatt vor. Wie bewerten Sie das?

Wellbrock: Auch mit dieser angestrebten Regelung ist eine Kostensenkung nicht möglich. Mit den beiden Auktionen soll der Weg für Offshore-Windparks in den Jahren 2021 bis 2024 geebnet werden. Bereits im nächsten Jahr müssen sich die potenziellen Investoren beispielsweise festlegen, welche Offshore-Windturbinen sie einsetzen. Damit können sie in zwei, drei Jahren nicht auf neuere, leistungsstärkere Anlagen mit einem größeren Rotordurchmesser zurückgreifen, die dann sicherlich effizienter und wegen höherer Stückzahlen auch preiswerter sind.

"Niemand nutzt ein heutiges iPhone noch in fünf Jahren"

E&M: Wie sieht deshalb Ihr Gegenvorschlag aus?

Wellbrock: Um Erfahrungen mit Ausschreibungen zu sammeln, ist die erste Auktionsrunde im nächsten Jahr schon okay. Dann müsste es mindestens eine zweijährige Übergangsfrist und auch Öffnungsklauseln geben, mit der technologische Weiterentwicklungen bei den Windturbinen, den Fundamenten oder den Kabeln berücksichtigt werden können. Es ist doch Quatsch, wenn ich ein heutiges iPhone in fünf Jahren noch nutzen soll. Die Offshore-Windenergie hat eine dramatische Lernkurve hinter und noch weiter vor sich. All das will die Bundesregierung mit ihrer frühzeitigen Festlegung auf zwei Auktionen gleich im kommenden Jahr ungenutzt lassen.

E&M: Für die deutsche Nord- und Ostsee gibt es derzeit bereits genehmigte und in den Planungen weit vorangeschrittene Projekte mit einem Volumen von gut 6 000 MW, das heißt, die Hälfte davon bleibt bei den beiden geplanten Ausschreibungsrunden unberücksichtigt. Erwarten Sie deshalb Klagen?
 
Andreas Wellbrock: "Ich gehe von juristischen Klagen aus, wenn das Wind-auf-See-Gesetz so bleibt"
Bild: WAB e.V.

Wellbrock: Für ihre Projekte haben Investoren in der Regel Vorlaufkosten in zweistelliger Millionenhöhe. Da nach dem jetzigen Stand der EEG-Debatte für die Unternehmen, die bei den beiden Ausschreibungsrunden leer ausgehen, keine Entschädigungen vorgesehen sind, gehe ich in der Tat von juristischen Klagen aus. Was anderes kann ich mir nicht vorstellen.

E&M: Schon für die EEG-Novelle 2014 haben die norddeutschen Küstenländer durch ihr gemeinsames Vorgehen deutliche Verbesserungen für die Offshore-Windenergie erreichen können. Erwarten Sie das auch bei dieser Novelle?

Wellbrock: Auf jeden Fall. Mit dem Wismarer Appell haben sich die Küstenländer schon deutlich pro Offshore-Windenergie positioniert und Forderungen gestellt, die deutlich über die Vorstellungen des Bundeswirtschaftsministeriums hinausgehen. Wir als WAB stehen voll hinter diesem Wismarer Appell, auf dessen Basis wir auch unsere Stellungnahme für den EEG-Referentenentwurf abgegeben haben.

E&M: Wie stark schätzen Sie das Gewicht der fünf SPD-regierten Küstenländer bei der EEG-Novelle ein, die im Bundesrat nicht zustimmungspflichtig ist?

Wellbrock: Ich habe das Gefühl, dass die Küstenländer mit ihren Vorstellungen beim Wind-auf-See-Gesetz Gehör finden und Veränderungen durchsetzen können.

E&M: Was muss unbedingt an den vorliegenden Referentenentwürfen geändert werden?

Wellbrock: Das jährliche Ausbauvolumen muss bei mindestens 900 MW im Jahr liegen, was der Leistung von zwei Windparks auf See entspricht. Drei wäre noch besser, keine Frage. Die vorgesehenen Bürgschaften für ein Offshore-Windparkprojekt von 100 Mio. Euro und zu einem späteren Zeitpunkt von 200 Mio. Euro sind für mittelständische Unternehmen nicht zu leisten. Sie würden aus dem Markt gekickt. Nirgendwo anders gibt es übrigens solch hohe finanzielle Vorleistungen, die zu erbringen sind.

E&M: Die WAB hat in den zurückliegenden Monaten stets das so genannte Zentralmodell nach dänischem Vorbild für das Ausschreibungsdesign kritisiert. Bleibt es bei dieser Kritik?

"Energie- und Klimapolitik ist nicht kongruent"

Wellbrock: Ja, die Bundesregierung wäre gut beraten, die Erfahrungen mit den Ausschreibungen in der Interimsphase zwischen 2021 und 2024 abzuwarten. Die Förderung der Offshore-Windenergie wird erneut grundlegend auf den Kopf gestellt, so dass wir uns alle die Zeit nehmen und abwarten sollten, ob sich mit den Festlegungen bis 2024 die angestrebten Ausbauziele erreichen lassen. Außerdem eröffnet das Zentralmodell den Unternehmen, die in den zurückliegenden Jahren vor allem auf Kohle- und Atomstrom gesetzt haben, einen weitaus verbesserten Marktzutritt zur Offshore-Windenergie. Die Pionierunternehmen und auch Stadtwerke wie die aus München oder der Trianel-Verbund werden dagegen benachteiligt. Auch damit würde einer Oligopolisierung Vorschub geleistet.

E&M: Die WAB hat ihren Sitz in Bremerhaven. Die Stadt will an der Unterweser einen neuen Hafen für die Offshore-Windenergie bauen. Macht dieses Projekt angesichts der reduzierten Ausbaupläne noch Sinn?

Wellbrock: Die bereits in Bremerhaven ansässigen Unternehmen, die immer größere Komponenten bauen, brauchen verbesserte Verlademöglichkeiten. Da macht der neue Offshore-Windhafen schon Sinn. Außerdem hat die Stadt Bremerhaven bereits 260 Hektar neue Gewerbeflächen erschlossen, um neue Unternehmen aus dem Offshore-Windsektor anzusiedeln. Diese Flächen können nur mit dem neuen Hafen verkauft werden. Kein Unternehmen trifft eine Investitionsentscheidung, wenn es nur die Aussicht auf eine neue Infrastruktur gibt - und diese muss vorhanden sein.

E&M: Noch ein letztes Wort zur EEG-Novelle: Die Bundesregierung will es bei dem Ausbaudeckel von 15 000 Megawatt bis 2030 belassen. Ist diese Begrenzung noch zeitgemäß?

Wellbrock: Absolut nicht. Die Einigung auf der Pariser Weltklimakonferenz erfordert einen schnelleren Ausbau der erneuerbaren Energien. Wenn die Bundesregierung nun beispielsweise Elektroautos fördert und bis Ende der Dekade rund eine halbe Million Fahrzeuge auf die Straße bringen will, erfordert das mehr Ökostrom. Die Energie- und Klimapolitik in Berlin ist einfach nicht kongruent.


Andreas Wellbrock, Jahrgang 1964, ist seit 1. April neuer Geschäftsführer des Industrie-Netzwerkes WAB e.V. Der studierte Diplom-Wirtschaftsingenieur hatte zuvor 16 Jahre lang für die Bremer BLG Logistics Group gearbeitet, bei der er zuletzt als Vorstandsmitglied für das Geschäftsfeld Logistik für die Offshore-Windenergie verantwortlich war.
 

Ralf Köpke
© 2017 Energie & Management GmbH
Freitag, 06.05.2016, 14:38 Uhr

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