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Enerige & Management > Aus Der Aktuellen Zeitungsausgabe - Gut gemeint und praxisfremd: Rotmilan-"Dichtezentren"
Quelle: Lars Schmid, Fotolia
AUS DER AKTUELLEN ZEITUNGSAUSGABE:
Gut gemeint und praxisfremd: Rotmilan-"Dichtezentren"
In Baden-Württemberg kommt der Windkraftausbau aufgrund der Restriktionen des Artenschutzes kaum voran. Grund ist oft der Rotmilan.
 
Das Land Baden-Württemberg sprach einst von einer „guten Lösung“: Man definierte sogenannte Dichtezentren für Rotmilane. Diese sollten dazu dienen, „einerseits die bedrohte Greifvogelart zu schützen und andererseits die dringend benötigten Windkraftanlagen für die Energiewende auszubauen“.

Doch längst ist klar, dass das Modell der Dichtezentren in der Praxis zu kompliziert ist: „Nicht praktikabel“, sagt zum Beispiel Harald Endreß, Geschäftsführer der Zeag Erneuerbare Energien in Heilbronn, die im Norden von Baden-Württemberg aktuell 36 Windkraftanlagen betreibt.
 
Was „Dichtezentren“ sind

Ein Dichtezentrum des Rotmilans liegt in Baden-Württemberg dann vor, wenn in einem Radius von 3,3 Kilometern um eine geplante Windenergieanlage mindestens sieben Revierpaare vorkommen. Implizit geht die Kalkulation davon aus, dass sich Rotmilane gleichmäßig in einem entsprechenden Umkreis um ihren Horst bewegen. Das tun sie aber üblicherweise nicht, weshalb das ganze Konzept aus Sicht von Kritikern einen Rechenfehler enthält.

Die Schwelle, ab wann ein Dichtezentrum vorliegt, wurde in den letzten Jahren erhöht − von mindestens vier auf nun mindestens sieben Revierpaare im betreffenden Umkreis. Dies war offenbar auch politischen Erwägungen geschuldet, nicht allein fachlichen. Trotzdem tut sich die Windkraft im Südwesten weiterhin schwer, denn praktisch jeder Planer in den südwestdeutschen Mittelgebirgen hat mit dem Greifvogel zu tun, der erst durch die Windkraft so populär wurde.
 
Fast die Hälfte aller Rotmilane weltweit lebt in Deutschland
Quelle: Pixabay/Seaq68

Fast die Hälfte aller Rotmilane, die es weltweit gibt, lebt nämlich in Deutschland, davon wiederum allein ein Drittel in Baden-Württemberg. Die Landesanstalt für Umwelt (LUBW) beziffert laut einer repräsentativen Flächenstichprobe von 2019 den Bestand auf 4.100 bis 4.500 Revierpaare. Inzwischen ist der Vogel nicht mehr auf der Roten Liste der gefährdeten Arten aufgeführt, also wieder einigermaßen präsent. Diese relative Vielzahl der Individuen macht es der Windkraft entsprechend schwer; die Schwäbische Alb zum Beispiel ist heute fast flächendeckend als Dichtezentrum zu betrachten.

Zwar betont nun das Landesumweltministerium, dass auch Dichtezentren „nicht generell für den Windenergieausbau auszuschließen“ seien. Konzentrationszonen für Windenergieanlagen könnten in Dichtezentren „selbst innerhalb des empfohlenen Mindestabstands (1.000-Meter-Radius) um einen Rotmilanhorst ausgewiesen werden, wenn die Raumnutzungsanalyse im Einzelfall ergibt, dass kein signifikant erhöhtes Tötungsrisiko für den Rotmilan besteht“. Doch damit wird es in der Praxis wieder kompliziert − denn nun hängt alles an Gutachtern.
 
Entscheidend: Wohin fliegt er?

Die Raumnutzungsanalyse nämlich ist ein vogelkundliches Gutachten, das ermittelt, ob sich ein am Standort angetroffener Rotmilan bei seinen Flügen in die Richtung des geplanten Windrads orientiert. Oder ob er vielmehr − was für die Art typisch ist − ins Offenland strebt statt in den Wald, in dem die Anlagen geplant sind. Eine solche Erhebung wiederum erweist sich in der Praxis als konfliktträchtig, weil nach wie vor strittig ist, wie eine rechtssichere Raumnutzungsanalyse für den Rotmilan aussehen muss.

Das Problem: Die einschlägigen Regelwerke ändern sich ständig, sei es durch politische Vorgaben oder auch aufgrund von Urteilen der Gerichte. „Bei einem unserer Projekte mussten wir dreimal von vorn anfangen mit den artenschutzrechtlichen Erhebungen, weil sich zwischenzeitlich die Regelwerke geändert hatten“, sagt Zeag-Manager Endreß. Unterhalb von fünf Jahren zwischen Projektbeginn und Genehmigung gehe heute gar nichts, mitunter brauche man auch acht Jahre: „Bei uns hängen etliche Verfahren fest.“
 
Meistens scheiterte es am Milan

Der Artenschutz bringt mitunter eine solche Rechtsunsicherheit, dass viele Projektierer das Kostenrisiko der Entwicklung von Standorten scheuen. Manche haben in der Vergangenheit viel Geld verloren, weil sie Projekte aufgeben mussten. Eine Umfrage des BWE-Landesverbands Baden-Württemberg zu den jeweiligen Hintergründen ergab im Jahr 2018, dass von 245 aufgegebenen Anlagen mit einer Leistung von insgesamt 805 MW beachtliche 162 − also rund zwei Drittel − am Artenschutz scheiterten.Vor allem Konflikte mit dem Rotmilan (141 Anlagen) sowie mit dem Wespenbussard (27 Anlagen) waren die Auslöser. Manchmal waren am Standort auch beide Arten gleichermaßen anzutreffen.

Entsprechend dürftig sind die Zubauzahlen im Südwesten: Als die Grünen in Baden-Württemberg 2011 erstmals eine Landesregierung anführten, definierten sie das Ziel, im Jahr 2020 mindestens 10 % des Strombedarfs aus heimischer Windkraft zu decken. Erreicht wurden jedoch gerade mal 4,4 %.

Ganz praktisch gesehen liegt das Problem im Südwesten für die Windmüller häufig daran, dass es nur wenige zusammenhängende Waldflächen gibt. Denn der Rotmilan lebt an den Waldrändern und strebt hinaus ins Offenland. „Da es kaum Waldstandorte gibt, die mehr als 3,3 Kilometer von einem Waldrand entfernt sind, hat man praktisch immer mit dem Rotmilan zu tun“, sagt Zeag-Windexperte Endreß.
 
Neuer Ansatz des ZSW

Es wird also Zeit, das Verhalten des Rotmilans noch besser zu erforschen. Daher sollen nun auf dem Stöttener Berg auf der Schwäbischen Alb neue Erkenntnisse auch zu diesem Thema gewonnen werden. Das Zentrum für Sonnenenergie und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) betreibt dort das Windenergie-Forschungstestfeld Winsent. Im Umfeld brüten − wie fast überall in dieser Region − Rotmilane. Sie werden mit Sendern versehen, um so deren Routen zu erfassen. Zudem werden auch verschiedene technische Systeme an den Anlagen erprobt.

Ziel des Projekts ist es zu erforschen, wie sich das Risiko der Kollision mit einer Windkraftanlage reduzieren lässt. Man hofft, mit genaueren Erkenntnissen zu den Bewegungen und zum grundsätzlichen Verhalten der Greifvögel Raumnutzungsanalysen zu präzisieren.

Das Konzept der Dichtezentren könnte damit praktikabler werden. In der Theorie ist dies nämlich durchaus ein bedenkenswerter Ansatz. Die Dichtezentren seien ergänzend zum bestehenden Schutzgebietsregime „ein sinnvoller Baustein, mit dem man Populationen schützen kann“, heißt es beim Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende (KNE) in Berlin. Denn die Dichtezentren beförderten einen eher „bilanziellen Schutzansatz“:

Wenn man einen bestimmten Prozentanteil der Brutplätze einer Art schütze, könne „der Erhaltungszustand der Population gesichert oder günstig beeinflusst werden“. Der Blick werde weniger auf das einzelne Exemplar gelenkt als vielmehr auf den Gesamtbestand. Zudem seien Dichtezentren über längere Zeiträume stabil und eigneten sich daher besser für Risikoprognosen als einzelne Brutvorkommen, so das KNE.

Das Konzept der Dichtezentren gibt es übrigens auch in einigen anderen Bundesländern. Das KNE listet neben Baden-Württemberg Bayern, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Saarland, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen auf, wobei die Dichtezentren „methodisch unterschiedlich hergeleitet“ würden. Auch bei der Frage, für welche Arten von windenergiesensiblen Greif- und Großvögeln Dichtezentren ausgewiesen werden, variieren die Länder laut KNE-Übersicht.
 
Planerischer Blindflug

Was es in Baden-Württemberg oft so schwer macht, sind fehlende Vorabinformationen: „Der Projektierer weiß oft nicht, ob er in einem Dichtezentrum plant“, sagt Elke Bruns, Leiterin Fachinformation im KNE. Andere Bundesländer hätten dagegen bereits Rasterkarten angelegt, aus denen vorab für Planer deutlich wird, an welchen Orten Konflikte auftauchen können. Sie müssen sich also nicht erst im Planungsverfahren überraschen lassen.
 

Bernward Janzing
© 2021 Energie & Management GmbH
Donnerstag, 09.09.2021, 10:54 Uhr

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