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Enerige & Management > Wärme - Energiezellen für Haßfurt
Bild: Fotolia.com, sasel77
WÄRME:
Energiezellen für Haßfurt
Die Stadtwerke im fränkischen Haßfurt setzen konsequent auf den Ausbau der erneuerbaren Energien. Schon jetzt können alle Privatkunden aus regenerativen Quellen versorgt werden.
 
Bei dem Umbau seiner Energieversorgung und der Umsetzung der Energiewende in der eigenen Stadt geht Haßfurt schon seit einigen Jahren als Vorbild voran: Ab 2009 setzte man dort die ersten elektronischen Stromzähler ein, die erneuerbare Stromproduktion wurde kontinuierlich ausgebaut und jüngst ging auch ein Wasserstoff-BHKW in Betrieb.

Mittlerweile sind alle Haushalte mit Smart Metern für Strom, Gas und Wasser ausgestattet, mehr als 10 000 Stromzähler sind im Einsatz. Mit diesen können die Stadtwerke seit 2014 die jeweils aktuellen Börsenpreise direkt an die Kunden weitergeben und so ein Preissignal je nach Stromangebot senden.

Bei den Kapazitäten für eine regenerative Stromerzeugung hat man seit 2010 kräftig dazugebaut. Installiert sind in Haßfurt heute Photovoltaikanlagen, Windturbinen, Biogasanlagen und Blockheizkraftwerke. In der Summe stieg die Stromproduktion aus diesen Anlagen von 11,7 Mio. kWh im Jahr 2010 auf 85,4 Mio. kWh im Jahr 2017.

Weil die privaten Kunden derzeit nur rund 80 Mio. kWh jährlich verbrauchen, gibt es in der Stadt einen Überschuss von erneuerbarem Strom, der an anderer Stelle verwendet werden kann. Die Stadtwerke, die auch das Gasnetz betreiben, nutzen dazu seit 2016 unter anderm ihre Power-to-Gas-Anlage, die sie zusammen mit Greenpeace Energy testen. In dieser ist ein Windgaselektrolyseur mit 1,25 MW Leistung mit einem Gasspeicher gekoppelt.
 
Autarkie vom Haushalt über das Wohngebiet bis zur Stadtgrenze angestrebt
 
Norbert Zösch, Geschäftsführer der Stadtwerke in Haßfurt, sieht die Energieversorgung der Stadt in unterschiedlich große „Zellen“ gegliedert. Diese können sich teilweise schon autark versorgen, später soll die Energieversorgung der ganzen Stadt weitgehend autark möglich sein.

Die kleinste Zelle ist für Zösch der Haushalt, der sich mit einer stromerzeugenden Heizung, einer PV-Anlage und einer Batterie weitgehend unabhängig vom äußeren Netz machen kann. Andere Zellen wären etwa ein Krankenhaus mit einer BKWK-Anlage oder ein Industriebetrieb mit einer Mikrogasturbinen zur Dampf- und Stromerzeugung.
 
Solarthermie und KWK nutzt das Baugebiet Osterfeld zur Beheizung der Häuser
Bild: Stadtwerke Haßfurt

Auch das Wasserwerk mit PV-Anlage, Notstromversorgung und Batterie zählt der Stadtwerkechef zu den Energiezellen ebenso wie die Power-to-Gas-Anlage und den Gasspeicher.

Zu dieser „Zelle Gasspeicher“ ist in diesem Jahr eine KWK-Anlage, die mit Wasserstoff betrieben wird, neu dazugekommen. Das BHKW-Modul soll 2019 starten. Lieferant der Maschine mit 168 kW Leistung ist die 2G Energy AG in Heek. Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt vom Institut für Energietechnik (IfE) an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Amberg-Weiden. Verwenden will man in Haßfurt reinen Wasserstoff, der Einsatz von Gasgemischen ist aber ebenfalls möglich. Mit der Anlage kann nun laut IfE erstmals im kommunalen Bereich eine geschlossene Speicherkette für regenerativen Strom im praxistauglichen Maßstab dargestellt und ausprobiert werden.
 
Wohngebiete mit kalter Nahwärme und Wärmepumpen
 
Eine neue zusätzliche Energiezelle, die die Energiesektoren Strom und Wärme miteinander verbindet, sind laut Zösch die Neubaugebiete in der Stadt. Zwei Entwicklungen machen hier eine energetische Verknüpfung über eine Nahwärmelösung möglich: Die Baugebiete gehören der Stadt, diese will die Nutzung der Nahwärme und kann den Anschluss an das Netz in den Kaufvertrag für das Grundstück hineinschreiben. Diese privatrechtliche Festlegung auf die Heizungsart sei besser als eine über den Bebauungsplan, sagt Zösch.
 
Der zweite Umstand, der die Sektorkopplung in diesem Bereich leichter macht, ist der Stromüberschuss aus erneuerbaren Energiequellen in der Stadt. Mit diesem und einem kalten Nahwärmenetz, dessen Heizwasser Wärmepumpen in den Häusern der Kunden auf die nötige Temperatur bringen, lässt sich Solar- und Windenergie auch für Heizzwecke nutzen.

Realisiert hat man eine derartige Nahwärmezelle im Baugebiet Osterfeld II, wo derzeit 61 Einfamilien- und drei Mehrfamilienhäuser auf insgesamt 92 Grundstücken entstehen. Zu den Wasser-, Abwasser- und Stromleitungen legen die Stadtwerke die Fernwärmeleitungen gleich mit in den Rohrgraben. 4 600 Meter Wärmeleitungen haben sie installiert. Stadtwerkechef Zösch freut sich über eine Anschlussquote von 75 % der Bauherren.
 Viele unterschiedliche Wärmequellen im Einsatz
 
Für die Energieversorgung der neuen Siedlung sind in einer Heizzentrale eine Solarthermieanlage mit 49 kW Leistung, ein Blockheizkraftwerk mit 800 kW und ein Gasbrennwertkessel mit 302 kW installiert. Dazu kommt ein Wärmespeicher mit 30 000 Liter Fassungsvermögen.

Verteilt wird die Heizenergie in einem Nahwärmenetz, das je nach Witterung mit Temperaturen zwischen 20 und 45 °C arbeitet. Die niedrigen Temperaturen und die gleitende Fahrweise sorgen dafür, dass die Verluste gering sind. Allerdings muss man dann die Temperaturen in der Wärmeübergabestation im Haus anheben. Das erledigen Wärmepumpen, die in jedem Keller installiert sind und für die Bereitstellung von Heizung und Warmwasser sorgen.
 
In der Heizentrale in Haßfurt sind BHKW (l.) und Kessel sowie ein Wärmespeicher installiert
Bild: Ratioplan GmbH

Gesteuert wird die Nahwärme über ein intelligentes Leitsystem, das Wetterdaten nutzt, um den Wärmebedarf vorausschauend zu berechnen, und das außerdem je nach aktuellem Bedarf den effizientesten Energieerzeuger auswählen kann. Sämtliche Komponenten, auch die in den einzelnen Häusern, sind über einen Datenbus miteinander verknüpft und können so Informationen über den Wärmebedarf, die tatsächlichen Verbrauchsdaten und bei Störungsmeldungen austauschen.

Die hocheffiziente Wärmeversorgung, in deren Aufbau die Stadtwerke rund 1,4 Mio. Euro investiert haben, nutzt zu 100 % regenerative Energien und Kraft-Wärme-Kopplung. Das führt am Ende zu einem sehr niedrigen Primärenergiefaktor von 0,40. Dieser ermöglicht dem Bauherrn die Förderfähigkeit seiner Immobilie als „KfW-Effizienzhaus“.

Abgerechnet wird mit den Kunden der Hausanschluss, der inklusive der Wärmepumpe und aller Installationsarbeiten rund 5 800 Euro kostet, und danach die bezogene Wärme nach dem tatsächlichem Verbrauch. Eine Grundgebühr verlangen die Stadtwerke nicht für ihr Basispaket, dass zehn Jahre Laufzeit hat. Für die Wahl und Installation der Heiztechnik im Haus ist der Besitzer zuständig. 
 

Armin Müller
Redakteur
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Donnerstag, 15.11.2018, 11:46 Uhr

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