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Enerige & Management > Stromnetz - 50 Hertz drängt auf Windkraftausbau an Land und auf See
Bild: Jonas Rosenberger
STROMNETZ:
50 Hertz drängt auf Windkraftausbau an Land und auf See
Um dem wachsenden Günstrombedarf gerecht zu werden, steigert der ostddeutsche Überrtragungsnetzbetreiber 50 Hertz in den kommenden Jahren sein Investitionsbudet.
 
Stefan Kapferer, seit Ende 2019 Chef des ostdeutschen Übertragungsnetzbetreibers 50 Hertz Transmission, ist ein (Medien)-Profi. Der frühere Staatssekretär aus dem Bundeswirtschaftsministerium und Hauptgeschäftsführer des Lobbyverbandes BDEW weiß, dass sich Botschaften am besten in griffigen Worten verpacken lassen. Folgerichtig wählte Kapferer auf der jüngsten virtuellen Bilanzpressekonferenz den Slogan „Schneller mehr vom Richtigen tun" aus, um mehr Tempo bei der Energiewende und beim Netzausbau zu fordern.

Im vergangenen Sommer hatte 50 Hertz angekündigt, bereits 2032 die Stromnachfrage im eigenen Versorgungsgebiet inklusive der Stadtstaaten Berlin und Hamburg komplett mit erneuerbaren Energien abdecken zu wollen, im zurückliegenden Jahr ist diese Quote immerhin schon auf den neuen Rekordwert von 62 % gestiegen. Wie zu besten BDEW-Zeiten (und das mit FDP-Parteibuch!) wiederholte Kapferer seine Forderung, den Windenergieausbau an Land deutlich zu forcieren: „Der jährliche Zubau an Windkraftanlagen in unserem Netzgebiet müsste sich von zuletzt 427 auf über 700 MW gut verdoppeln, damit wir unser 100-Prozent-Ziel bis 2032 auch erreichen.“

Dagegen konnte der 50-Hertz-Chef einen positiven Trend bei der Photovoltaik vermelden: Im Solarsektor wuchs die installierte Leistung um rund 45 %, von 761 MW (2019) auf 1.348 MW (2020). „Im Durchschnitt müssen wir bis 2032 jährlich rund 1.500 Megawatt in unserem Netzgebiet zubauen - das kriegen wir hin“, betonte er.

Neben der Windkraft an Land zählt aber auch die Offshore-Windenergie zu den Sorgenkindern von Kapferer. Seine Experten haben in der deutschen Ostsee inklusive der 12-Seemeilen-Zone ein Potenzial für weitere Meerwindkraftwerke mit einem Volumen von rund 3.000 MW ausgemacht, das derzeit noch nicht im regierungsamtlichen Flächenentwicklungsplan berücksichtigt ist. „Falls sich daran nichts ändert“, warnte Kapferer, „kommt der Ausbau der Offshore-Windenergie in der deutschen Ostsee nach 2026 zum Erliegen - und das, obwohl sich Deutschland zusammen mit anderen Ostsee-Anrainerstaaten 2020 zur Erschließung des Gesamtpotenzials von rund 90.000 Megawatt bekannt hat.“

Betroffen von der insgesamt misslichen Situation für die Offshore-Windbranche in der Ostsee sind ohnehin aktuell zwei Vorhaben, die auf einen Netzanschluss warten: Das geplante, zweite Testfeld, das die Stiftung Offshore-Windenergie vor Rostock-Warnemünde verfolgt, sowie das Großprojekt Gennacker vor der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst mit einer Leistung von gut 900 MW. Für Gennacker hat der Projektentwickler WPD AG immerhin eine Genehmigung vorliegen, kommt aber bei der Umsetzung nicht weiter. Der 50-Hertz-Chef zeigte Sympathien für beide Projekte: „Wir hoffen beide Vorhaben noch während dieser Dekade an unser Netz anschließen zu können.“

Was sicher mit Investitionen in Millionenhöhe verbunden ist. Aber der ostdeutsche Übertragungsnetzbetreiber ist gut aufgestellt, wie die 2020er Bilanz zeigte: Danach konnte das Unternehmen den Gewinn auf 193 Mio. Euro nach 178 Mio. im Jahr zuvor steigern, der Umsatz hatte bei 1,45 Mrd. Euro gelegen.
50 Hertz wird auf jeden Fall weiter investieren, mehr als noch vor wenigen Jahren gedacht: Bis 2025 ist nach Worten von dem für Finanzen verantwortlichen Geschäftsführer Marco Nix ein Investitionsbudget von 4,7 Milliarden Euro vorgesehen. Im zurückliegenden fünf-Jahres-Zeitraum 2016 bis 2020 umfasste diese Summe „nur“ 2,9 Mrd. Euro. Allein in diesem Jahr seien 860 Mio. Euro eingeplant, rund 160 Mio. Euro mehr als im Vorjahr.

Sowohl Kapferer als auch Nix betonten, dass sich der Netzausbau lohne, nicht nur für die Energiewende, sondern auch für die Verbraucher. Dank neuer Leitungen sanken beim sogenannten Engpassmanagement (das heißt dem Einspeisemanagement von regenerativen Kraftwerken sowie dem Redispatch mit konventionellen Kraftwerken) die benötigten Mengen von rund 2,5 Mrd. kWh in 2019 auf zuletzt 1,5 Mrd. kWh, das ließ die damit verbundenen Kosten von 84 Mio. Euro (2019) auf 33 Mio. Euro (2020) fallen. Im Jahr 2015 hatten diese noch bei über 350 Mio. Euro gelegen.

Dass bei all diesen positiven Zahlen bei 50 Hertz und dem belgischen Hauptgesellschafter Elia (80 % Anteil) gute Stimmung während der Bilanzpressekonferenz herrschte, ist leicht auszumalen. Der aus Brüssel zugeschaltete Elia-Vorstandschef Chris Peeters zeigte sich „sehr zufrieden“ über die Zusammenarbeit mit dem zweiten Gesellschafter, der KfW-Bankengruppe, die für die Bundesregierung den 20-%-Anteil hält. Was hätte er auch anderes sagen sollen.

Von den Belgiern wird künftig auf jeden Fall noch mehr beim grenzüberschreitenden Ausbau der Offshore-Windenergie zu hören sein. Peeters erneuerte seine Ankündigung, zusammen mit dem dänischen Netzbetreiber Energinet Energieinseln und hybride Interkonnektoren zu planen und zu bauen. Dass auch 50 Hertz bei diesen Mega-Vorhaben mit an Bord ist, versteht sich selbst.
 

Ralf Köpke
© 2021 Energie & Management GmbH
Freitag, 05.03.2021, 16:05 Uhr

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