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Laut einer neuen Studie ist eine umfassende Elektrifizierung im Wärmesektor kosteneffizient erreichbar − auch ohne höhere Sanierungsraten. Die Prognos-Studie löste umgehend Kritik aus.
Eine neue Prognos-Studie im Auftrag der Stiftung Klimaneutralität stellt höhere Sanierungsraten infrage. Die Studie wurde am 16. Dezember vorgestellt. „Klimapolitisch ist das eine sehr gute Nachricht“, zeigte sich Thomas Losse-Müller, Direktor der Stiftung Klimaneutralität, überzeugt.
„Wir sind lange davon ausgegangen, dass wir die Heizlast in Gebäuden deutlich stärker senken müssen, damit die Kosten im Stromsystem im Zuge der Elektrifizierung nicht explodieren. Unsere Analyse zeigt, dass diese Annahme nicht stimmt. Das erweitert unseren Handlungsspielraum.“
Allerdings haben nach der Veröffentlichung der Studie Branchenvertreter wie der Bundesverband energieeffiziente Gebäudehülle (BUVEG) dieser Darstellung widersprochen und warnen vor sozialen und energetischen Folgen.
Die Stiftung Klimaneutralität und Prognos haben eine Sensitivitätsanalyse zur Rolle der energetischen Sanierung im klimaneutralen Energiesystem vorgelegt. Ausgangspunkt der Analyse war das Szenario „Klimaneutrales Deutschland: Von der Zielsetzung zur Umsetzung“ (KNDE) von Agora Energiewende, das von steigenden Sanierungsraten von 1,7 Prozent jährlich ausgeht. Die neue Analyse von Prognos hält die jährliche Sanierungsrate dagegen konstant bei rund einem Prozent und untersuchte die Effekte bis 2045.
Die Studienautoren kommen zu dem Ergebnis, dass geringere Sanierungsanstrengungen den Endenergieverbrauch im Gebäudesektor nur moderat erhöhen. Für das Jahr 2045 beziffert Prognos den Mehrverbrauch auf 32 Milliarden kWh verglichen mit dem Referenzszenario, was rund vier Prozent entspricht. Der zusätzliche Bedarf entfällt überwiegend auf Umweltwärme, Fernwärme und Strom für Wärmepumpen.
Auch die Belastung des Stromsystems fällt laut Analyse begrenzt aus. Der Bruttostrombedarf steigt um 6,6 Milliarden kWh oder 0,5 Prozent, die maximale zusätzliche Last durch Wärmepumpen um 1.300 MW. Prognos sieht darin keinen systemkritischen Effekt, selbst bei weiter fortschreitender Elektrifizierung anderer Sektoren.
Kostenverlagerung hin zur EnergiewirtschaftEs ergibt sich aber eine Kostenverlagerung: Geringeren Investitionsbedarfen für Sanierungen im Gebäudesektor stehen Mehrkosten für Erzeugung und Netze im Stromsystem gegenüber. Für das Jahr 2045 ergeben sich Mehrkosten von 4,5 Milliarden Euro im Energiesektor, denen Einsparungen von 5,1 Milliarden Euro bei Sanierungen gegenüberstehen. Kumuliert über den Zeitraum 2025 bis 2045 errechnet Prognos leichte Minderkosten von rund 200 Millionen Euro.
Die Stiftung Klimaneutralität leitet aus den Ergebnissen politische Schlussfolgerungen ab. Sie sieht in einer stärkeren Elektrifizierung der Wärmeversorgung einen sozial verträglicheren Weg, da Kosten über das Stromsystem breiter verteilt werden können. Hohe Sanierungsinvestitionen belasteten dagegen einzelne Eigentümer oder Mieterhaushalte stark, insbesondere in angespannten Wohnungsmärkten.
Aus Sicht der Stiftung eröffnet die Analyse einen größeren Handlungsspielraum für die Wärmewende. Förderpolitik müsse sich weniger auf steigende Sanierungsraten konzentrieren und stärker auf den Heizungswechsel. „Das ist sozialer und hilft auch dem Klima mehr“, sagte Losse-Müller. Dahin müsse die Förderung gehen und deshalb sei auch die 65-Prozent-Quote im Gebäudenergiegesetz so wichtig.
Kritik aus der GebäudebrancheDer Bundesverband energieeffiziente Gebäudehülle (BUVEG) widerspricht dieser Interpretation. Verbandschef Jan Peter Hinrichs kritisiert, warnt inhaltlich unter anderem
vor Fehlanreizen. Ein hoher Elektrifizierungsgrad ohne ausreichende Sanierung führe in energetisch schlechten Gebäuden zu hohem Energiebedarf. Rund 30 Prozent der Wohngebäude zählen zu den schlechtesten Effizienzklassen, etwa die Hälfte gilt nicht als wärmetechnisch geeignet für einen wirtschaftlichen Betrieb moderner Heizsysteme. Die Folge seien hohe Vorlauftemperaturen und steigende Energiekosten nach dem Heizungstausch.
Davon betroffen seien häufig Haushalte mit geringer Kaufkraft. Aus Sicht des BUVEG verschärft eine einseitige Fokussierung auf den Heizungswechsel soziale Risiken, statt sie zu mindern. Der Verband betont, dass erneuerbare Energien auch langfristig begrenzt verfügbar bleiben und im Winter konkurrierende Nachfrage aus Industrie und Verkehr besteht.
Der BUVEG plädiert für einen integrierten Blick auf den Gebäudebestand. Klimaneutralität lasse sich nur durch das Zusammenspiel von Heizung, Gebäudehülle und technischer Ausstattung erreichen.
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Die Analyse „Auswirkungen unterschiedlicher Sanierungsraten auf das Energiesystem und seine Kosten“ als PDF. (zum Öffnen bitte auf die Grafik klicken) Quelle: Prognos |
Mittwoch, 17.12.2025, 15:50 Uhr
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