• Gas: Kältewelle beflügelt
  • Strom: Nachlassende Preise
  • Bessere Hilfe für Start-ups bei Regulierungsthemen
  • Bei "Grünspar" muss alles raus
  • Lukrativer Auftrieb für kleine Windanlagen
  • Bundeskartellamt übt Kritik an Vergleichsportalen
  • Neuer Geschäftsführer für Stadtwerke Fürstenfeldbruck
  • Bundesrat beschließt Energiesammelgesetz
  • Stadt Gera ist nun wieder Anteilseigner
  • Porsche lädt mit mehr als 400 kW
Bild: malp / Fotolia
KLIMASCHUTZ:
IPCC-Sonderbericht: Der große kleine Unterschied
Ein halbes Grad Celsius – wenn es um Erwärmung der Erdatmosphäre und deren Folgen geht, macht das einen gewaltigen Unterschied. So das Ergebnis eines Sonderberichts des Weltklimarates.
 
Die Auswirkungen eines globalen Temperaturanstiegs um 1,5 Grad Celsius und eines Anstiegs um 2 Grad vergleichend zu untersuchen, dazu beauftragte die UN-Klimakonferenz in Paris 2016 den IPCC. An dem Sonderbericht haben 91 Autoren aus 40 Ländern mitgewirkt, rund 6 000 wissenschaftliche Publikationen wurden ausgewertet, es gab gut 1 100 Gutachten und über 40 000 Kommentare. Das jetzt präsentierte Ergebnis, dass die Unterschiede zwischen 1,5 und 2 Grad erheblich sind, „war auch für mich eine neue Erkenntnis“, sagte der in Klimaschutzfragen erfahrene Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth vor Journalisten in Berlin und spricht von „erschütternden Darstellungen“.

Meeresspiegel stiege weniger an

Hans-Otto Pörtner, Wissenschaftler am Alfred-Wegener-Institut und aus Südkorea zugeschalteter Ko-Vorsitzender der entsprechenden IPCC-Arbeitsgruppe, nennt einige wichtige Ergebnisse der Untersuchung: Die aktuelle globale Erwärmung liegt bereits bei 1 Grad, deren Folgen sind bereits sichtbar. Bei einer Erwärmung um 1,5 Grad würde der Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 voraussichtlich um 10 cm weniger ansteigen als bei 2 Grad. „Zehn Millionen Menschen weniger wären dadurch betroffen“, so Pörtner. Mit 2 Grad wäre die Arktis im Sommer eisfrei, der Meeresspiegel stiege um mindestens einen halben Meter.

Mit 1,5 Grad gäbe es weitaus weniger Extremwetterereignisse wie Hitzewellen und Starkregen. Bis zu 50 % Menschen weniger hätten unter Wasserknappheit zu leiden, so Pörtner. Mehrere Hundert Millionen Menschen weniger wären klimabedingten Risiken ausgesetzt und von Armut betroffen. Ebenso wären bei einer Begrenzung der Klimaerwärmung auf 1,5 Grad die Auswirkungen auf Biodiversität und Nahrungsmittelproduktion erheblich geringer.

Nie dagewesene Veränderungen nötig

Allerdings müssten die CO2-Emissionen bis 2030 (gegenüber 2010) um 45 % gesenkt werden, betont Pörtner. Für das 2-Grad-Ziel wären es nur 20 %. Die bisherigen für das Paris-Abkommen abgegebenen nationalen Verpflichtungen reichten bei weitem nicht aus, damit würde nur eine Begrenzung auf 3 Grad erreicht. Mit dramatischen Folgen: Unter anderem wären laut den Klimaforschern sämtliche Küstenstädte überflutet.

Die für die Vermeidung der einschneidenden Risiken der Erwärmung notwendige Klimaneutralität erfordere „nie dagewesene Veränderungen für die Menschheit“, stellt Wissenschaftler Pörtner klar: drastische Emissionsreduktion, Nutzung einer ganzen Bandbreite von Technologien (wozu auch der Entzug von CO2 aus der Atmosphäre gehört) und die Umleitung von Investitionen in CO2-freie Technologien wie auch Verhaltensänderungen.

Ein Ergebnis des IPCC-Sonderberichtes ist aber auch, dass die internationale Kooperation, verbunden mit der Nachhaltigkeitsentwicklung und Armutsbekämpfung den Kampf gegen den Klimawandel, bei dem nationale Regierungen, Kommunen, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gefragt sind, unterstützen kann.

Eile bei der Dekarbonisierung wichtig auch für Kohlekommission

„Für die Begrenzung auf 1,5 Grad müssten die CO2-Emissionen deutlich vor 2030 gesenkt werden. Die nächsten zehn Jahre sind also entscheidend“, betont
Pörtner. Dabei seien die notwendigen Technologien weltweit verfügbar, was auch Flasbarth herausstellt. Für Deutschland sieht er den Vorteil, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien, die zudem kostengünstig geworden sind, gut vorangekommen ist.

Allerdings räumt angesichts des mangelnden Fortschritts bei der CO2-Minderung auch der Umweltstaatssekretär ein: „Wir haben uns auf das Neue konzentriert, ohne uns vom Alten zu verabschieden.“ Das, so Flasbarth, falle allen Gesellschaften schwer. Es sei „offenkundig“, dass das fossile Zeitalter zu Ende gehe. Er zeigt sich sicher, dass der IPCC-Sonderbericht auch von der Kohlekommission beachtet werde. Für Flasbarth ist die Botschaft: „Sputet Euch“.

In zwei Bereichen müssen aus seiner Sicht die Anstrengungen erheblich erhöht werden: Im Verkehrssektor, wo die neue Mobilitäts-Kommission bis Ende des Jahres ein Klimaziel vorlegen wolle, und in der energieintensiven Industrie, die hohe Prozess-Emissionen hat. So sei etwa die Zementindustrie für 7 % der globalen CO2-Emissionen verantwortlich. Flasbarth zeigt sich erfreut darüber, dass die Branchenvertreter sich inzwischen mit dem Thema Dekarbonisierung beschäftigen. Wissenschaftler Pörtner kündigte an, dass der IPCC sich auch mit dem Thema synthetische Kraftstoffe (beispielsweise aus Windstrom mit CO2 produziertem Wasserstoff) befassen werde.

Politische Führerschaft für den notwendigen Wandel

Für Daniela Jacob, Direktorin des Climate Service Center Deutschland (GERICS) und Mitautorin des Sonderberichtes könnte Deutschland „deutlich ambitioniertere Schritte“ im Klimaschutz unternehmen. „Wir haben hier alles, was wir dafür brauchen: politisch-administrative Mechanismen, gute Ingenieure, viel Innovationspotenzial“, betont sie. Es seien „Anstrengungen auf allen Ebenen, vom Individuum bis hin zur Kanzlerin“ nötig, von der sie sich wünscht, dass sie „ihre Besuche in Deutschland mit der Bahn tätigt“. Jacob sieht das bisherige Agieren „zu sehr in Sektoren verhaftet“, statt es ganzheitlich anzugehen. Und man habe sich wohl auch selbst „mit vielen Regularien lahm gelegt“.

Forschungskollege Pörtner bekräftigt: „Die Probleme liegen nicht auf physikalisch-chemischer oder technischer Seite. Wir brauchen eine charismatische Führerschaft, die die Ziele in die Gesellschaft trägt, um die Zeitenwende nach vorne zu bringen.“

Was die Erhöhung des EU-Minderungsziels für 2030 betrifft, das aktuell noch nicht von der EU-Kommission angestrebt wird, so geht Flasbarth davon aus, „dass wir da etwas Zusätzliches brauchen – noch nicht für die nächste Weltklimakonferenz im Dezember in Kattowitz, aber für 2020“. Der Staatssekretär ist zuversichtlich, dass man sich auch in der Bundesregierung darauf verständigt. „Es laufen letzte Gespräche mit dem Bundeswirtschaftsministerium.“

Die Langfassung des Sonderberichtes finden Sie auf der Internetseite von IPCC  
 
 

Angelika Nikionok-Ehrlich
Redakteurin
+49 (0) 170 / 2383219
eMail
facebook
© 2018 Energie & Management GmbH
Montag, 08.10.2018, 16:39 Uhr

Mehr zum Thema