Dekarbonisierung war ein Thema beim Führungstreffen zur E-world. Quelle: Volker Stephan
Im Spannungsfeld von Klimaschutz und Wirtschaftlichkeit vollzieht sich die Dekarbonisierung der Industrie. Branchenvertreter forderten in Essen einen Prozess von „Maß und Mitte“.
Der europäische Emissionshandel (ETS) nehme für einige Industriebetriebe in Deutschland eine bedenkliche Entwicklung, beklagt der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Laut Vize-Hauptgeschäftsführer Holger Lösch sei mit dem ETS sozusagen eine Planbarkeit für den Untergang verbunden.
„Für manche Unternehmen besteht die Planungssicherheit darin, dass es im Rahmen des bestehenden ETS irgendwann für sie zu Ende geht“, sagte Lösch am 9. Februar auf dem „Führungstreffen Energie“, das traditionell am Tag vor dem Beginn der Leitmesse E-world energy & water in Essen stattfindet. Bei den geltenden Rahmenbedingungen, den Preisen je Tonne ausgestoßenen CO2 und der überbordenden Regulatorik werde die Transformation der Unternehmen nicht gelingen. „Wir müssen den ETS neu kalibrieren“, so Lösch.
Zuvor hatte die Deutschland-Direktorin von Agora Energiewende, Julia Bläsius, eine Lanze für den Emissionshandel gebrochen. Er biete die geforderte Planbarkeit – und zwar in Deutschland über die kurze Dauer einer Legislaturperiode hinaus. Hohe Strompreise sieht Bläsius als Herausforderung für die Industrie, der ein auf drei Jahre befristeter Industriestrompreis bei Investitionsentscheidungen nicht helfe.
Staatliche Unterstützung für H2-Hochlauf gefordert
Eine wirkungsvolle Unterstützung müsse anders aussehen. Dauerhaft niedrige Strompreise etwa seien durch immer mehr erneuerbare Energien im System zu erreichen. Gleichzeitig müsse der Ausbau von Netzen und Anschlüssen erfolgen, um die für Dekarbonisierung und Elektrifizierung erforderliche Infrastruktur vorzuhalten. Und schließlich müsse Wasserstoff als Gas der Zukunft billiger werden, damit zum Beispiel Stahlhersteller emissionsfrei produzieren können. Wasserstoff günstiger zu machen, das müsse „der Staat sich mit einem Unterstützungsprogramm leisten“ können.
BDI-Funktionär Holger Lösch warb für ein pragmatisches Herangehen, weil Extremvorstellungen wie die „All electric society“ oder die „Net zero“-Vorgaben für klimaneutrales Produzieren von Unternehmen gescheitert seien. „Das hätten wir uns alles sparen können“, so Lösch, es habe sich dabei um einen Kulturkampf, um „Krampf“ gehandelt. Er forderte bei der Dekarbonisierung „Augenmaß, Technologieoffenheit und Kosteneffizienz“.
Zum Thema Wasserstoff sagte Lösch, dass die Systemkosten aktuell viel zu hoch seien. „Wenn wir Wasserstoff heute genau so fördern würden wie die erneuerbaren Energien ab Ende der 90er-Jahre, wo wären wir da heute“, fragte er rhetorisch. Es brauche eine Skalierung, um die Gestehungskosten auf einen „ultimativ niedrigen“ Niveau zu drücken. „Die Industrie sperrt sich doch nicht“, sagte er, sie habe extrem viel investiert und benötige jetzt wirksame Rahmenbedingungen.
Für den Gas-Großhändler Sefe erinnerte Hamead Ahrary daran, dass der Bedarf an Gas auf lange Sicht nicht abflachen werde. „Das ist Fakt. Und wir müssen auf absehbare Zeit weiter Gas liefern“, so der Sefe-Vertriebsvorstand. Gleichwohl folge Sefe auch dem „Kundenwunsch“ und treibe Alternativen voran, wie etwa ein Wasserstoffnetz. Eine 400 Kilometer lange Leitung sei in Mecklenburg-Vorpommern bereits in Betrieb.
Allerdings sei Sefe beim Wasserstoff mit Pipeline und Kernnetz in Vorleistung gegangen. Das Produkt H2 selbst müsse für die Industriekunden bezahlbar werden, damit die Investitionen sich irgendwann auszahlten. Auch müssten die Rahmenbedingungen besser werden, damit Industriekunden sich langfristig für die Dekarbonisierung entscheiden können. Angesichts vieler Unternehmensentscheidungen, Wasserstoff-Projekte zurückzustellen, ließ Ahrary mit einer Aussage Interpretationsspielraum offen: „Das Thema H2 ist bei uns noch nicht weg.“
Dienstag, 10.02.2026, 16:21 Uhr
Volker Stephan
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