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Energie & Management > Aus Der Aktuellen Ausgabe - Streit um den richtigen Weg
Quelle: E&M
Aus Der Aktuellen Ausgabe

Streit um den richtigen Weg

Der Koalitionsbeschluss zu einem „Smart Meter Light“ entfacht erneut die Debatte über den schnellsten Weg zur Digitalisierung der Energiewirtschaft.
Selbst für Fachleute aus dem intelligenten Messwesen kam die Ansage des Koalitionsausschusses überraschend. In ihrem „Programm für Aufschwung und Beschäftigung“ haben CDU/CSU und SPD angekündigt, die Digitalisierung der Stromnetze beschleunigen zu wollen. Ein wesentliches Mittel dabei soll ein „kostengünstiges Smart Meter Light“ sein. Es soll Kunden, die nicht dem verpflichtenden Rollout unterliegen, in die Lage versetzen „kostengünstig und cybersicher“ ihre Stromrechnung zu optimieren.

Damit griffen die Koalitionsspitzen eine Diskussion auf, die bereits seit längerer Zeit schwelt – eine Diskussion, die allerdings immer wieder Perspektiven vermischt, begriffliche Unschärfen zementiert und Fachfremden vermeintliche Argumente für die politische, manchmal auch populistische Meinungsbildung an die Hand gibt.

Dabei hatte die Initiative „Simplify Smart Metering“ bereits im vergangenen Jahr klargestellt, dass insbesondere Steuerungsvorgänge über gesicherte Kanäle erfolgen müssen. „Hier sehen wir das Gateway (das Smart Meter Gateway als Teil des intelligenten Messsystems; Anm. d. Red.) als gesetzt an“, betonten Vertreter der Initiative in einem Positionspapier. Daher sei ihr Ansatz auch nicht, wie gelegentlich fälschlicherweise behauptet, eine Konkurrenz zum intelligenten Messsystem.
 
Keine Konkurrenz zum intelligenten Messsystem
 
Den Initiatoren geht es vielmehr um eine „smarte moderne Messeinrichtung“, also einen intelligenten elektronischen Zähler ohne Smart Meter Gateway. Dadurch könnten dynamische Tarife schneller und einfacher umgesetzt sowie optionale Einbaufälle, also unterhalb der Verbrauchsschwelle für den Pflichteinbau, abgearbeitet werden. Außerdem könnte die Netztransparenz durch eine schnelle und flächendeckende Bereitstellung von 15-Minuten-Messwerten erhöht und gegebenenfalls teurer Netzausbau vermieden werden. Die Liste ließe sich noch fortsetzen.

Der Kritik, mit einer smarten modernen Messeinrichtung würde eine Parallelwelt errichtet, die letztlich die Gefahr von Stranded Investments in sich birgt, treten die Initiatoren von Simplify Smart Metering mit dem Argument entgegen, die Aufrüstung zu einem intelligenten Messsystem zu einem späteren Zeitpunkt sei ohne Zählertausch möglich.

Die Website der Initiative weist 48 Unternehmen und Organisationen als Unterstützer aus, darunter zahlreiche Stadtwerke, deren Tochtergesellschaften als grundzuständige Messstellenbetreiber tätig sind, aber auch eine Reihe von wettbewerblichen Messstellenbetreibern.

Wissenschaftler der Forschungsstelle für Energiewirtschaft in München hatten sich kurz nach Gründung der Initiative allerdings in einem Whitepaper skeptisch gezeigt, dass mit einer niederschwelligen Lösung, wie sie die Initiative vorschlägt, tatsächlich die Probleme beim Tempo und die Kosten des Smart Meter Rollouts „adäquat“ adressiert werden. Denn smarte moderne Messeinrichtungen würden ebenfalls regulatorische Eingriffe und Zertifizierungsprozesse voraussetzen. Unter anderem bestehe auch die Gefahr einer Repriorisierung von Installationskapazitäten zuungunsten von intelligenten Messsystemen.

Nach dem jüngsten Vorstoß des Koalitionsausschusses wurden aus den Reihen des VDE – der Verband vertritt unter anderem die Hersteller von Smart Meter Gateways – ebenfalls Bedenken angemeldet.

Das Forum Netztechnik/Netzbetrieb im VDE (VDE FNN) und die Deutsche Kommission Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (DKE) sprachen sich gegen die Einführung eines eigenständigen „Smart Meter Light“ aus. In einem Positionspapier warnen beide Organisationen davor, mit einer zusätzlichen Technologievariante den laufenden Smart-Meter-Rollout zu bremsen. Sie unterstützen zwar das Ziel einer Beschleunigung des Rollouts, halten es jedoch für den falschen Weg, Parallelstrukturen zu schaffen.

Deutscher Ansatz auf europäischer Ebene
 
Nach ihrer Einschätzung würde ein zusätzlicher Technologiepfad umfangreiche Arbeiten bei Standardisierung, Normung, Entwicklung, Integration und Betrieb erfordern. Dafür müssten dieselben personellen und technischen Ressourcen eingesetzt werden, die derzeit für den Hochlauf intelligenter Messsysteme benötigt würden. Dies würde den bereits angelaufenen Rollout verlangsamen und den angestrebten Skalierungseffekt verringern.

Nach Angaben von VDE FNN und DKE sind inzwischen nahezu 4 Millionen intelligente Messsysteme installiert. Geräte, Prozesse und IT-Systeme befänden sich mittlerweile im produktiven Masseneinsatz und würden kontinuierlich weiterentwickelt. Zudem gewinne der deutsche Smart-Meter-Ansatz auch auf europäischer Ebene an Bedeutung. So stärkten der Cyber Resilience Act (CRA) und das europäische Zertifizierungsschema EUCC den Ansatz einer zertifizierten und vertrauenswürdigen Smart-Meter-Infrastruktur. In dieser Phase sei regulatorische Stabilität ein entscheidender Erfolgsfaktor.

Als Alternative zu einem „Smart Meter Light“ verweisen die Autoren auf die bereits gesetzlich verankerte sogenannte 1:n-Lösung. Dabei werden in Mehrparteienhäusern mehrere Stromzähler über ein gemeinsames Smart-Meter-Gateway angebunden. Die Kommunikationsinfrastruktur müsse dadurch nur einmal installiert werden; die Kosten könnten auf mehrere Messstellen verteilt werden. Zusätzliche Standards, Schnittstellen oder parallele Marktprozesse seien nicht erforderlich. Die Einbindung weiterer Zähler könne zudem über Wireless M-Bus ohne aufwendige Verkabelung erfolgen.

Nach Auffassung von VDE FNN und DKE erfüllt die bestehende 1:n-Architektur bereits die Ziele, die das Koalitionspapier mit einem „Smart Meter Light“ verfolgt. Sie ermögliche eine kosteneffiziente und cybersichere Einbindung von Endkunden außerhalb des verpflichtenden Rollouts und sei vollständig in die bestehenden Marktprozesse integriert. Gleichzeitig könne sie auch künftige Anforderungen etwa durch Photovoltaikanlagen, Wärmepumpen oder Ladeeinrichtungen abdecken.

Dagegen hält Bastian Gierull den Beschluss des Koalitionsausschusses für eine „großartige Nachricht für die Energiewende und für Millionen Stromkundinnen und -kunden“. Die Koalition stelle mit dem Aufbau einer zentralen Datenplattform und dem Ziel, bis 2030 mehr als 90 Prozent aller relevanten Messstellen mit Smart Metern auszustatten, die richtigen Weichen, so der CEO von Octopus Energy Germany.

„Denn nur mit digitalen Zählern und transparenten Daten können alle Verbraucherinnen und Verbraucher ihren Stromverbrauch flexibel steuern, günstigere Strompreise nutzen und dabei bares Geld sparen. Das ist gut für die Menschen, gut für die Netze und genau der Schub, den die Energiewende braucht. Jetzt kommt es darauf an, die Maßnahmen schnell umzusetzen“, sagte Gierull. Damit wiederholt der Octopus-Chef seine Forderung nach einem Messsystem, das „schlanken Anforderungen“ genügt und die Grundlage schafft, um schnell flexible Tarife für den Massenmarkt anbieten zu können.
 
Flexibilität durch Light-Version nicht schneller erschlossen
 
Filip Thon sieht zwar einen einfachen und beschleunigten Smart Meter Rollout als entscheidend an, um das volle Potenzial von Flexibilität im Stromsystem nutzen zu können. Es sei aber fraglich, ob ein Smart Meter Light tatsächlich der notwendige Beschleuniger ist, so der CEO von Eon Energie Deutschland. „Denn: Ein Smart Meter Light wird zwar mehr Haushalten einen Zugang zu dynamischen Tarifen eröffnen, aber nicht dafür sorgen, dass die Flexibilitäten von Kunden mit großen verschiebbaren Lasten, zum Beispiel aus Eigenerzeugung, intelligenten Stromspeichern oder Elektromobilität, schneller im Stromsystem genutzt werden“, sagt Thon.

Dafür sei nach wie vor ein intelligentes Messsystem notwendig. Dessen Rollout müsse „unkompliziert“ sein. „Deshalb darf die Diskussion um neue Smart-Meter-Varianten nicht dazu führen, dass der Rollout dort an Tempo verliert, wo der Nutzen für Verbraucher, Stromsystem und Energiewende am größten ist“, betonte der Chef von Eon Deutschland.

Damit schlägt er im Grunde in die gleiche Kerbe wie Markus Meyer. Der Leiter des Bereichs Regulierung und Energiepolitik bei Enpal hatte sich im Sommer des vergangenen Jahres skeptisch über einen „Rollout Light“ geäußert. Nicht der Gerätetyp verursache hohe Kosten, sondern die komplizierten Abläufe und systemseitigen Anforderungen. „Wir sollten bei der Sicherheit keine Kompromisse machen und uns stattdessen voll auf die Umsetzung konzentrieren“, sagte er damals.

Die Ebene der Prozessoptimierung, die Ebene der Tarife im Stromvertrieb an Endkunden, die Ebene des sicheren Netzbetriebs – für alle sind Messwerte von entscheidender Bedeutung. In der öffentlichen Debatte um Smart Meter ist die Perspektive allerdings nicht immer eindeutig.

Vor diesem Hintergrund rückt die durch den Koalitionsbeschluss befeuerte Diskussion um Smart Meter Light auch eine vor wenigen Wochen veröffentlichte Studie über den Smart Meter Rollout, die von der Beratungsgesellschaft BET zusammen mit den Stadtwerken Osnabrück erstellt wurde, in den Fokus.

„Für mich war der größte Gamechanger der Studie der bewusste Perspektivwechsel: Weg von der reinen Netzsicht, hin zu Kunden- und Vertriebssicht. Dadurch werden viele zusätzliche Potenziale des Smart-Meter-Rollouts sichtbar und auch die Diskussion verändert sich.“ Mit dieser Einschätzung bringt Christina Grimm, Senior-Referentin Unternehmensentwicklung der Stadtwerke Osnabrück, in einem Post auf der Plattform Linkedin den Kern der Kurzstudie auf den Punkt.

Denn die Untersuchung beschäftigt sich weniger mit der Frage, welche Technik künftig eingesetzt werden sollte, als mit der grundsätzlichen Frage, wo der wirtschaftliche Nutzen einer umfassenderen Digitalisierung des Messwesens überhaupt entsteht.
 
Wechsel der Perspektive ist Game Changer
 
Während die öffentliche Debatte häufig um netzdienliche Steuerung, §14a EnWG, dynamische Tarife oder die Einbindung flexibler Verbraucher kreist, betrachtet BET den Rollout intelligenter Messsysteme vor allem aus Sicht der Marktrollen – vom Netzbetrieb über den Messstellenbetrieb und den Vertrieb bis hin zu Handel und Endkunden. Das Ergebnis fällt eindeutig aus: Die kurzfristig größten Potenziale liegen vielfach nicht in der Steuerung, sondern in der Digitalisierung energiewirtschaftlicher Prozesse.

Insgesamt identifiziert die Studie 22 marktrollenübergreifende Use Cases. Besonders hoch bewertet werden Anwendungen, die Prozesse automatisieren und vergleichsweise einfach umzusetzen sind. Dazu zählen etwa die Fernauslesung, stichtagsgenaue Ablesungen sowie die spartenübergreifende Auslesung von Strom-, Gas-, Wasser- und Wärmezählern. Aus Sicht der Autoren reduzieren digitale Messwerte den Aufwand für Abrechnung und Marktkommunikation, vermeiden Schätzungen und Klärfälle und beschleunigen Lieferantenwechsel.

Für einzelne Use Cases werden erhebliche Effizienzpotenziale genannt. So schätzt BET für die Fernauslesung Prozessverbesserungen von 40 bis 70 Prozent sowie eine Verringerung von Klärfällen um 10 bis 25 Prozent. Gleichzeitig weisen die Autoren ausdrücklich darauf hin, dass diese Größenordnungen auf Experteneinschätzungen beruhen und erst durch praktische Erfahrungen belastbar untermauert werden müssen.

Dagegen werden netzorientierte Steuerung, virtuelle Kraftwerke oder die Vermarktung von Flexibilitäten zwar als strategisch bedeutsam eingestuft, kurzfristig jedoch aus regulatorischen und wirtschaftlichen Gründen mit einem geringeren Zusatznutzen bewertet.

Am Ende empfiehlt BET einen „vertriebsoptimierten, erweiterten Pflichtrollout“, der zusätzliche Einbaufälle dort erschließt, wo hoher Kunden- und Prozessnutzen entsteht – etwa bei Einfamilienhäusern unterhalb der bisherigen Verbrauchsschwellen oder in Mehrparteienhäusern mit Potenzial für Mehrspartenablesung und Community-Modelle. Ein solches Vorgehen sei wirtschaftlicher als sowohl der reine Pflichtrollout als auch ein flächendeckender Full-Rollout.

Diesen Punkt greift Daniel Waschow, Vorstandsvorsitzender der Stadtwerke Osnabrück, in einem Linkedin-Post auf. Aus seiner Sicht lautet die zentrale Botschaft der Studie nicht „Smart Meter Light statt intelligentes Messsystem“, sondern „mehr Wirkung statt mehr Quotendiskussion“. Entscheidend sei, die Potenziale möglichst schnell zu erschließen, ohne zusätzliche Kosten oder organisatorische Komplexität zu erzeugen. Der Stadtwerke-Chef warnt davor, die Diskussion auf eine Technikfrage zu verengen.

Allerdings sollte nach seiner Auffassung zunächst genutzt werden, was unter den heutigen regulatorischen Rahmenbedingungen bereits möglich sei, statt über neue Gerätekategorien nachzudenken. Neue Parallelstrukturen könnten den Rollout eher verlangsamen und verteuern. Gleichzeitig spricht er sich ausdrücklich dafür aus, bestehende Standards wie Cybersicherheit, Eichrechtskonformität und Interoperabilität nicht aufzugeben. Ziel müsse vielmehr sein, die Umsetzung schneller und gleichzeitig kostenoptimierter zu gestalten. (fw)

Der Beschluss des Koalitionsausschusses vom 1. Juli 2026 zur Digitalisierung in der Energiewirtschaft im Wortlaut (Auszug)

Wir wollen zudem die Digitalisierung der Netze beschleunigen. Die Ziele für den Smart-Meter-Rollout schärfen wir nach: Bis Ende 2030 soll der Rollout für alle relevanten Messstellen zu über 90 Prozent abgeschlossen sein. Für Kunden, die nicht dem verpflichtenden Rollout unterfallen, etablieren wir ein kostengünstiges „Smart Meter Light“, mit dem sie kostengünstig und cybersicher ihre Stromrechnung optimieren können. Alle wichtigen Daten zu Netzausbau, Netzauslastung und Netzanschlusskapazitäten werden wir standardisiert auf einer zentralen Datenplattform verfügbar machen.
 
 
Quelle: Katia Meyer-Tien

Mittwoch, 5.08.2026, 08:45 Uhr
Fritz Wilhelm
Energie & Management > Aus Der Aktuellen Ausgabe - Streit um den richtigen Weg
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Streit um den richtigen Weg
Der Koalitionsbeschluss zu einem „Smart Meter Light“ entfacht erneut die Debatte über den schnellsten Weg zur Digitalisierung der Energiewirtschaft.
Selbst für Fachleute aus dem intelligenten Messwesen kam die Ansage des Koalitionsausschusses überraschend. In ihrem „Programm für Aufschwung und Beschäftigung“ haben CDU/CSU und SPD angekündigt, die Digitalisierung der Stromnetze beschleunigen zu wollen. Ein wesentliches Mittel dabei soll ein „kostengünstiges Smart Meter Light“ sein. Es soll Kunden, die nicht dem verpflichtenden Rollout unterliegen, in die Lage versetzen „kostengünstig und cybersicher“ ihre Stromrechnung zu optimieren.

Damit griffen die Koalitionsspitzen eine Diskussion auf, die bereits seit längerer Zeit schwelt – eine Diskussion, die allerdings immer wieder Perspektiven vermischt, begriffliche Unschärfen zementiert und Fachfremden vermeintliche Argumente für die politische, manchmal auch populistische Meinungsbildung an die Hand gibt.

Dabei hatte die Initiative „Simplify Smart Metering“ bereits im vergangenen Jahr klargestellt, dass insbesondere Steuerungsvorgänge über gesicherte Kanäle erfolgen müssen. „Hier sehen wir das Gateway (das Smart Meter Gateway als Teil des intelligenten Messsystems; Anm. d. Red.) als gesetzt an“, betonten Vertreter der Initiative in einem Positionspapier. Daher sei ihr Ansatz auch nicht, wie gelegentlich fälschlicherweise behauptet, eine Konkurrenz zum intelligenten Messsystem.
 
Keine Konkurrenz zum intelligenten Messsystem
 
Den Initiatoren geht es vielmehr um eine „smarte moderne Messeinrichtung“, also einen intelligenten elektronischen Zähler ohne Smart Meter Gateway. Dadurch könnten dynamische Tarife schneller und einfacher umgesetzt sowie optionale Einbaufälle, also unterhalb der Verbrauchsschwelle für den Pflichteinbau, abgearbeitet werden. Außerdem könnte die Netztransparenz durch eine schnelle und flächendeckende Bereitstellung von 15-Minuten-Messwerten erhöht und gegebenenfalls teurer Netzausbau vermieden werden. Die Liste ließe sich noch fortsetzen.

Der Kritik, mit einer smarten modernen Messeinrichtung würde eine Parallelwelt errichtet, die letztlich die Gefahr von Stranded Investments in sich birgt, treten die Initiatoren von Simplify Smart Metering mit dem Argument entgegen, die Aufrüstung zu einem intelligenten Messsystem zu einem späteren Zeitpunkt sei ohne Zählertausch möglich.

Die Website der Initiative weist 48 Unternehmen und Organisationen als Unterstützer aus, darunter zahlreiche Stadtwerke, deren Tochtergesellschaften als grundzuständige Messstellenbetreiber tätig sind, aber auch eine Reihe von wettbewerblichen Messstellenbetreibern.

Wissenschaftler der Forschungsstelle für Energiewirtschaft in München hatten sich kurz nach Gründung der Initiative allerdings in einem Whitepaper skeptisch gezeigt, dass mit einer niederschwelligen Lösung, wie sie die Initiative vorschlägt, tatsächlich die Probleme beim Tempo und die Kosten des Smart Meter Rollouts „adäquat“ adressiert werden. Denn smarte moderne Messeinrichtungen würden ebenfalls regulatorische Eingriffe und Zertifizierungsprozesse voraussetzen. Unter anderem bestehe auch die Gefahr einer Repriorisierung von Installationskapazitäten zuungunsten von intelligenten Messsystemen.

Nach dem jüngsten Vorstoß des Koalitionsausschusses wurden aus den Reihen des VDE – der Verband vertritt unter anderem die Hersteller von Smart Meter Gateways – ebenfalls Bedenken angemeldet.

Das Forum Netztechnik/Netzbetrieb im VDE (VDE FNN) und die Deutsche Kommission Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (DKE) sprachen sich gegen die Einführung eines eigenständigen „Smart Meter Light“ aus. In einem Positionspapier warnen beide Organisationen davor, mit einer zusätzlichen Technologievariante den laufenden Smart-Meter-Rollout zu bremsen. Sie unterstützen zwar das Ziel einer Beschleunigung des Rollouts, halten es jedoch für den falschen Weg, Parallelstrukturen zu schaffen.

Deutscher Ansatz auf europäischer Ebene
 
Nach ihrer Einschätzung würde ein zusätzlicher Technologiepfad umfangreiche Arbeiten bei Standardisierung, Normung, Entwicklung, Integration und Betrieb erfordern. Dafür müssten dieselben personellen und technischen Ressourcen eingesetzt werden, die derzeit für den Hochlauf intelligenter Messsysteme benötigt würden. Dies würde den bereits angelaufenen Rollout verlangsamen und den angestrebten Skalierungseffekt verringern.

Nach Angaben von VDE FNN und DKE sind inzwischen nahezu 4 Millionen intelligente Messsysteme installiert. Geräte, Prozesse und IT-Systeme befänden sich mittlerweile im produktiven Masseneinsatz und würden kontinuierlich weiterentwickelt. Zudem gewinne der deutsche Smart-Meter-Ansatz auch auf europäischer Ebene an Bedeutung. So stärkten der Cyber Resilience Act (CRA) und das europäische Zertifizierungsschema EUCC den Ansatz einer zertifizierten und vertrauenswürdigen Smart-Meter-Infrastruktur. In dieser Phase sei regulatorische Stabilität ein entscheidender Erfolgsfaktor.

Als Alternative zu einem „Smart Meter Light“ verweisen die Autoren auf die bereits gesetzlich verankerte sogenannte 1:n-Lösung. Dabei werden in Mehrparteienhäusern mehrere Stromzähler über ein gemeinsames Smart-Meter-Gateway angebunden. Die Kommunikationsinfrastruktur müsse dadurch nur einmal installiert werden; die Kosten könnten auf mehrere Messstellen verteilt werden. Zusätzliche Standards, Schnittstellen oder parallele Marktprozesse seien nicht erforderlich. Die Einbindung weiterer Zähler könne zudem über Wireless M-Bus ohne aufwendige Verkabelung erfolgen.

Nach Auffassung von VDE FNN und DKE erfüllt die bestehende 1:n-Architektur bereits die Ziele, die das Koalitionspapier mit einem „Smart Meter Light“ verfolgt. Sie ermögliche eine kosteneffiziente und cybersichere Einbindung von Endkunden außerhalb des verpflichtenden Rollouts und sei vollständig in die bestehenden Marktprozesse integriert. Gleichzeitig könne sie auch künftige Anforderungen etwa durch Photovoltaikanlagen, Wärmepumpen oder Ladeeinrichtungen abdecken.

Dagegen hält Bastian Gierull den Beschluss des Koalitionsausschusses für eine „großartige Nachricht für die Energiewende und für Millionen Stromkundinnen und -kunden“. Die Koalition stelle mit dem Aufbau einer zentralen Datenplattform und dem Ziel, bis 2030 mehr als 90 Prozent aller relevanten Messstellen mit Smart Metern auszustatten, die richtigen Weichen, so der CEO von Octopus Energy Germany.

„Denn nur mit digitalen Zählern und transparenten Daten können alle Verbraucherinnen und Verbraucher ihren Stromverbrauch flexibel steuern, günstigere Strompreise nutzen und dabei bares Geld sparen. Das ist gut für die Menschen, gut für die Netze und genau der Schub, den die Energiewende braucht. Jetzt kommt es darauf an, die Maßnahmen schnell umzusetzen“, sagte Gierull. Damit wiederholt der Octopus-Chef seine Forderung nach einem Messsystem, das „schlanken Anforderungen“ genügt und die Grundlage schafft, um schnell flexible Tarife für den Massenmarkt anbieten zu können.
 
Flexibilität durch Light-Version nicht schneller erschlossen
 
Filip Thon sieht zwar einen einfachen und beschleunigten Smart Meter Rollout als entscheidend an, um das volle Potenzial von Flexibilität im Stromsystem nutzen zu können. Es sei aber fraglich, ob ein Smart Meter Light tatsächlich der notwendige Beschleuniger ist, so der CEO von Eon Energie Deutschland. „Denn: Ein Smart Meter Light wird zwar mehr Haushalten einen Zugang zu dynamischen Tarifen eröffnen, aber nicht dafür sorgen, dass die Flexibilitäten von Kunden mit großen verschiebbaren Lasten, zum Beispiel aus Eigenerzeugung, intelligenten Stromspeichern oder Elektromobilität, schneller im Stromsystem genutzt werden“, sagt Thon.

Dafür sei nach wie vor ein intelligentes Messsystem notwendig. Dessen Rollout müsse „unkompliziert“ sein. „Deshalb darf die Diskussion um neue Smart-Meter-Varianten nicht dazu führen, dass der Rollout dort an Tempo verliert, wo der Nutzen für Verbraucher, Stromsystem und Energiewende am größten ist“, betonte der Chef von Eon Deutschland.

Damit schlägt er im Grunde in die gleiche Kerbe wie Markus Meyer. Der Leiter des Bereichs Regulierung und Energiepolitik bei Enpal hatte sich im Sommer des vergangenen Jahres skeptisch über einen „Rollout Light“ geäußert. Nicht der Gerätetyp verursache hohe Kosten, sondern die komplizierten Abläufe und systemseitigen Anforderungen. „Wir sollten bei der Sicherheit keine Kompromisse machen und uns stattdessen voll auf die Umsetzung konzentrieren“, sagte er damals.

Die Ebene der Prozessoptimierung, die Ebene der Tarife im Stromvertrieb an Endkunden, die Ebene des sicheren Netzbetriebs – für alle sind Messwerte von entscheidender Bedeutung. In der öffentlichen Debatte um Smart Meter ist die Perspektive allerdings nicht immer eindeutig.

Vor diesem Hintergrund rückt die durch den Koalitionsbeschluss befeuerte Diskussion um Smart Meter Light auch eine vor wenigen Wochen veröffentlichte Studie über den Smart Meter Rollout, die von der Beratungsgesellschaft BET zusammen mit den Stadtwerken Osnabrück erstellt wurde, in den Fokus.

„Für mich war der größte Gamechanger der Studie der bewusste Perspektivwechsel: Weg von der reinen Netzsicht, hin zu Kunden- und Vertriebssicht. Dadurch werden viele zusätzliche Potenziale des Smart-Meter-Rollouts sichtbar und auch die Diskussion verändert sich.“ Mit dieser Einschätzung bringt Christina Grimm, Senior-Referentin Unternehmensentwicklung der Stadtwerke Osnabrück, in einem Post auf der Plattform Linkedin den Kern der Kurzstudie auf den Punkt.

Denn die Untersuchung beschäftigt sich weniger mit der Frage, welche Technik künftig eingesetzt werden sollte, als mit der grundsätzlichen Frage, wo der wirtschaftliche Nutzen einer umfassenderen Digitalisierung des Messwesens überhaupt entsteht.
 
Wechsel der Perspektive ist Game Changer
 
Während die öffentliche Debatte häufig um netzdienliche Steuerung, §14a EnWG, dynamische Tarife oder die Einbindung flexibler Verbraucher kreist, betrachtet BET den Rollout intelligenter Messsysteme vor allem aus Sicht der Marktrollen – vom Netzbetrieb über den Messstellenbetrieb und den Vertrieb bis hin zu Handel und Endkunden. Das Ergebnis fällt eindeutig aus: Die kurzfristig größten Potenziale liegen vielfach nicht in der Steuerung, sondern in der Digitalisierung energiewirtschaftlicher Prozesse.

Insgesamt identifiziert die Studie 22 marktrollenübergreifende Use Cases. Besonders hoch bewertet werden Anwendungen, die Prozesse automatisieren und vergleichsweise einfach umzusetzen sind. Dazu zählen etwa die Fernauslesung, stichtagsgenaue Ablesungen sowie die spartenübergreifende Auslesung von Strom-, Gas-, Wasser- und Wärmezählern. Aus Sicht der Autoren reduzieren digitale Messwerte den Aufwand für Abrechnung und Marktkommunikation, vermeiden Schätzungen und Klärfälle und beschleunigen Lieferantenwechsel.

Für einzelne Use Cases werden erhebliche Effizienzpotenziale genannt. So schätzt BET für die Fernauslesung Prozessverbesserungen von 40 bis 70 Prozent sowie eine Verringerung von Klärfällen um 10 bis 25 Prozent. Gleichzeitig weisen die Autoren ausdrücklich darauf hin, dass diese Größenordnungen auf Experteneinschätzungen beruhen und erst durch praktische Erfahrungen belastbar untermauert werden müssen.

Dagegen werden netzorientierte Steuerung, virtuelle Kraftwerke oder die Vermarktung von Flexibilitäten zwar als strategisch bedeutsam eingestuft, kurzfristig jedoch aus regulatorischen und wirtschaftlichen Gründen mit einem geringeren Zusatznutzen bewertet.

Am Ende empfiehlt BET einen „vertriebsoptimierten, erweiterten Pflichtrollout“, der zusätzliche Einbaufälle dort erschließt, wo hoher Kunden- und Prozessnutzen entsteht – etwa bei Einfamilienhäusern unterhalb der bisherigen Verbrauchsschwellen oder in Mehrparteienhäusern mit Potenzial für Mehrspartenablesung und Community-Modelle. Ein solches Vorgehen sei wirtschaftlicher als sowohl der reine Pflichtrollout als auch ein flächendeckender Full-Rollout.

Diesen Punkt greift Daniel Waschow, Vorstandsvorsitzender der Stadtwerke Osnabrück, in einem Linkedin-Post auf. Aus seiner Sicht lautet die zentrale Botschaft der Studie nicht „Smart Meter Light statt intelligentes Messsystem“, sondern „mehr Wirkung statt mehr Quotendiskussion“. Entscheidend sei, die Potenziale möglichst schnell zu erschließen, ohne zusätzliche Kosten oder organisatorische Komplexität zu erzeugen. Der Stadtwerke-Chef warnt davor, die Diskussion auf eine Technikfrage zu verengen.

Allerdings sollte nach seiner Auffassung zunächst genutzt werden, was unter den heutigen regulatorischen Rahmenbedingungen bereits möglich sei, statt über neue Gerätekategorien nachzudenken. Neue Parallelstrukturen könnten den Rollout eher verlangsamen und verteuern. Gleichzeitig spricht er sich ausdrücklich dafür aus, bestehende Standards wie Cybersicherheit, Eichrechtskonformität und Interoperabilität nicht aufzugeben. Ziel müsse vielmehr sein, die Umsetzung schneller und gleichzeitig kostenoptimierter zu gestalten. (fw)

Der Beschluss des Koalitionsausschusses vom 1. Juli 2026 zur Digitalisierung in der Energiewirtschaft im Wortlaut (Auszug)

Wir wollen zudem die Digitalisierung der Netze beschleunigen. Die Ziele für den Smart-Meter-Rollout schärfen wir nach: Bis Ende 2030 soll der Rollout für alle relevanten Messstellen zu über 90 Prozent abgeschlossen sein. Für Kunden, die nicht dem verpflichtenden Rollout unterfallen, etablieren wir ein kostengünstiges „Smart Meter Light“, mit dem sie kostengünstig und cybersicher ihre Stromrechnung optimieren können. Alle wichtigen Daten zu Netzausbau, Netzauslastung und Netzanschlusskapazitäten werden wir standardisiert auf einer zentralen Datenplattform verfügbar machen.
 
 
Quelle: Katia Meyer-Tien

Mittwoch, 5.08.2026, 08:45 Uhr
Fritz Wilhelm

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