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Energie & Management > Stromnetz - Kehrtwende für die Energiewende
Trommeln mit den Erdkabeln für Südostlink werden im Regensburger Hafen verladen. Quelle: E&M / Drewnitzky
Stromnetz

Kehrtwende für die Energiewende

Stromtrassen-Kehrtwende: Bei den Unternehmen und in der Politik scheint sich die Überzeugung durchzusetzen, dass die Erdverkabelung alles andere als eine gute Idee war.
Vor allem die bayerische Staatsregierung hatte 2015 dafür gesorgt, dass die Entscheidung fiel, den Südlink, der 4.000 MW Windkraftstrom von der Küste nach Bayern und Baden-Württemberg bringen soll, als Erdkabel zu bauen. Eine Entscheidung, die sich heute immer mehr als falsch erweist. Und das in fast jeder Hinsicht.

Hinter der Erdverkabelung steckte ursprünglich die Absicht, im Freistaat für Ruhe gute Laune zu sorgen. Denn die Anwohner hatten damit begonnen, gegen die „Monstertrasse“ zu rebellieren. Die Idee: Wenn man alles vergräbt, wird sich das wieder beruhigen. Wie wir heute wissen, ist das Gegenteil der Fall: Hunderte Klagen, Einsprüche, Betretungsverbote, Widerstände auch in der Kommunalpolitik folgten.

Jahrelange Verzögerungen des Projekts sind die Folge. Nicht nur wegen der Widerstände, sondern auch, weil die bisherigen Pläne Makulatur waren: Die Erdkabelentscheidung setzte das Vorhaben wieder auf null. Ursprünglich war von einer Inbetriebnahme 2022 die Rede.

Pünktlich zum Abschalten der letzten Atomkraftwerke sollte über den Südlink der Windkraftstrom fließen. Jetzt ist von 2028 die Rede. Die Redispatch-Kosten, um das Stromnetz stabil zu halten, gehen in die Milliarden. Nicht nur für das Anfahren von Kraftwerken im Süden muss bezahlt werden, wenn der Windkraftstrom wegen fehlender Leitungen nicht durchkommt. Auch der abgeregelte Windmüller im Norden hat Anspruch auf Entschädigung.

Einsparpotenzial: 20 Milliarden Euro

Das Argument, das die Diskussion aber gerade zuvorderst befeuert: Erdkabeltrassen sind wesentlich teurer als der Freileitungsbau. Der Südlink wird nach jetzigen Berechnungen 10 Milliarden Euro kosten. Die ursprüngliche Freileitungsplanung bewegte sich um die 3 Milliarden Euro. Und es ist mittlerweile nicht nur der Südlink, der Unsummen verschlingt. Es kommen noch andere Erdkabeltrassen dazu. Und Industrie und Haushalte stöhnen sowieso schon über hohe Energiekosten.

Deshalb scheint jetzt die Parole „Vorwärts Kameraden, es geht zurück“ zu gelten. Ganz vorne mit dabei war der Übertragungsnetzbetreiber 50 Hertz. Bereits im November 2023 wurde bekannt, dass es da ein internes Papier gab. Gegenüber der Redaktion bestätigte ein Sprecher damals allerdings nur, dass man sich darin mit der „Akzeptanzsicherung für die Energiewende“ beschäftige.

20 Milliarden Euro, so rechnete das Unternehmen aus, ließen sich sparen, wenn wieder auf Freileitungen gesetzt würde. Zusätzlich verschärft hat sich die Situation auch mit der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Klima- und Transformationsfonds. Spätestens damit dürfte so manchem aufgegangen sein, dass selbst in deutschen Landen nicht unendlich viel Geld auf dem Tisch liegt.

Nur neue Projekte wären betroffen

Betroffen von einer Erdkabelabkehr wären allerdings nicht die bisher schon im Genehmigungsverfahren und den Vorbereitungen weit fortgeschrittenen Projekte wie Südlink oder Südostlink, sondern neue Gleichstromleitungen wie Ostwestlink, Nordwestlink oder Südwestlink. Neben den geringeren Kosten haben Freileitungen den Vorteil, dass sie schneller gebaut werden können und die Eingriffe in die Natur geringer sind. Schließlich werden nur Masten aufgestellt, fürs Erdkabel muss jeder Zentimeter Boden aufgegraben werden.
 
Blick ins Südostlink-Erdkabel
Quelle: E&M / Drewnitzky

Auch Transnet-BW-Chef Werner Götz sprach sich Ende vergangenen Jahres für die Freileitungsvariante aus: „Bei neuen Großprojekten muss wieder das Thema Kosten im Vordergrund stehen.“ Auch er nannte das Einsparpotenzial von 20 Milliarden Euro. Das entspreche einer Halbierung der Kosten. Und die baden-württembergische Energieministerin Thekla Walker (Grüne) stimmte ein: „Alle Ideen, die Energiewende voranzubringen, sind willkommen. Wenn sich mit Freileitungen Zeit und Geld sparen lässt, dann befürworte ich diesen Vorschlag.“

Inzwischen kommt man auch in Berlin aus der Deckung. Nach den Landesfürsten Winfried Kretschmann (Grüne) in Baden-Württemberg und Michael Kretschmer (CDU) in Sachsen sprach sich CDU-Bundesvize Andreas Jung gegenüber dem Handelsblatt ebenfalls für die Freileitungen aus. Der weitere Erfolg der Energiewende werde von ihrer Kosteneffizienz abhängen, erklärte er. Ausufernde Strompreise könnten die Akzeptanz der Energiewende untergraben.

Deshalb brauche es eine neue Offenheit für Freileitungen. Dabei müssten fortgeschrittene Projekte natürlich Vertrauensschutz genießen, so der Energiepolitiker. „Wo Planungen aber noch in Kinderschuhen stecken, müssen Weichen neu gestellt werden – mit einem gesetzlichen Vorrang für Freiland als Regelplanung. 20 Milliarden Euro mehr oder weniger sind kein Pappenstiel, das macht einen echten Unterschied.“

Freitag, 24.05.2024, 16:27 Uhr
Gnter Drewnitzky
Energie & Management > Stromnetz - Kehrtwende für die Energiewende
Trommeln mit den Erdkabeln für Südostlink werden im Regensburger Hafen verladen. Quelle: E&M / Drewnitzky
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Kehrtwende für die Energiewende
Stromtrassen-Kehrtwende: Bei den Unternehmen und in der Politik scheint sich die Überzeugung durchzusetzen, dass die Erdverkabelung alles andere als eine gute Idee war.
Vor allem die bayerische Staatsregierung hatte 2015 dafür gesorgt, dass die Entscheidung fiel, den Südlink, der 4.000 MW Windkraftstrom von der Küste nach Bayern und Baden-Württemberg bringen soll, als Erdkabel zu bauen. Eine Entscheidung, die sich heute immer mehr als falsch erweist. Und das in fast jeder Hinsicht.

Hinter der Erdverkabelung steckte ursprünglich die Absicht, im Freistaat für Ruhe gute Laune zu sorgen. Denn die Anwohner hatten damit begonnen, gegen die „Monstertrasse“ zu rebellieren. Die Idee: Wenn man alles vergräbt, wird sich das wieder beruhigen. Wie wir heute wissen, ist das Gegenteil der Fall: Hunderte Klagen, Einsprüche, Betretungsverbote, Widerstände auch in der Kommunalpolitik folgten.

Jahrelange Verzögerungen des Projekts sind die Folge. Nicht nur wegen der Widerstände, sondern auch, weil die bisherigen Pläne Makulatur waren: Die Erdkabelentscheidung setzte das Vorhaben wieder auf null. Ursprünglich war von einer Inbetriebnahme 2022 die Rede.

Pünktlich zum Abschalten der letzten Atomkraftwerke sollte über den Südlink der Windkraftstrom fließen. Jetzt ist von 2028 die Rede. Die Redispatch-Kosten, um das Stromnetz stabil zu halten, gehen in die Milliarden. Nicht nur für das Anfahren von Kraftwerken im Süden muss bezahlt werden, wenn der Windkraftstrom wegen fehlender Leitungen nicht durchkommt. Auch der abgeregelte Windmüller im Norden hat Anspruch auf Entschädigung.

Einsparpotenzial: 20 Milliarden Euro

Das Argument, das die Diskussion aber gerade zuvorderst befeuert: Erdkabeltrassen sind wesentlich teurer als der Freileitungsbau. Der Südlink wird nach jetzigen Berechnungen 10 Milliarden Euro kosten. Die ursprüngliche Freileitungsplanung bewegte sich um die 3 Milliarden Euro. Und es ist mittlerweile nicht nur der Südlink, der Unsummen verschlingt. Es kommen noch andere Erdkabeltrassen dazu. Und Industrie und Haushalte stöhnen sowieso schon über hohe Energiekosten.

Deshalb scheint jetzt die Parole „Vorwärts Kameraden, es geht zurück“ zu gelten. Ganz vorne mit dabei war der Übertragungsnetzbetreiber 50 Hertz. Bereits im November 2023 wurde bekannt, dass es da ein internes Papier gab. Gegenüber der Redaktion bestätigte ein Sprecher damals allerdings nur, dass man sich darin mit der „Akzeptanzsicherung für die Energiewende“ beschäftige.

20 Milliarden Euro, so rechnete das Unternehmen aus, ließen sich sparen, wenn wieder auf Freileitungen gesetzt würde. Zusätzlich verschärft hat sich die Situation auch mit der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Klima- und Transformationsfonds. Spätestens damit dürfte so manchem aufgegangen sein, dass selbst in deutschen Landen nicht unendlich viel Geld auf dem Tisch liegt.

Nur neue Projekte wären betroffen

Betroffen von einer Erdkabelabkehr wären allerdings nicht die bisher schon im Genehmigungsverfahren und den Vorbereitungen weit fortgeschrittenen Projekte wie Südlink oder Südostlink, sondern neue Gleichstromleitungen wie Ostwestlink, Nordwestlink oder Südwestlink. Neben den geringeren Kosten haben Freileitungen den Vorteil, dass sie schneller gebaut werden können und die Eingriffe in die Natur geringer sind. Schließlich werden nur Masten aufgestellt, fürs Erdkabel muss jeder Zentimeter Boden aufgegraben werden.
 
Blick ins Südostlink-Erdkabel
Quelle: E&M / Drewnitzky

Auch Transnet-BW-Chef Werner Götz sprach sich Ende vergangenen Jahres für die Freileitungsvariante aus: „Bei neuen Großprojekten muss wieder das Thema Kosten im Vordergrund stehen.“ Auch er nannte das Einsparpotenzial von 20 Milliarden Euro. Das entspreche einer Halbierung der Kosten. Und die baden-württembergische Energieministerin Thekla Walker (Grüne) stimmte ein: „Alle Ideen, die Energiewende voranzubringen, sind willkommen. Wenn sich mit Freileitungen Zeit und Geld sparen lässt, dann befürworte ich diesen Vorschlag.“

Inzwischen kommt man auch in Berlin aus der Deckung. Nach den Landesfürsten Winfried Kretschmann (Grüne) in Baden-Württemberg und Michael Kretschmer (CDU) in Sachsen sprach sich CDU-Bundesvize Andreas Jung gegenüber dem Handelsblatt ebenfalls für die Freileitungen aus. Der weitere Erfolg der Energiewende werde von ihrer Kosteneffizienz abhängen, erklärte er. Ausufernde Strompreise könnten die Akzeptanz der Energiewende untergraben.

Deshalb brauche es eine neue Offenheit für Freileitungen. Dabei müssten fortgeschrittene Projekte natürlich Vertrauensschutz genießen, so der Energiepolitiker. „Wo Planungen aber noch in Kinderschuhen stecken, müssen Weichen neu gestellt werden – mit einem gesetzlichen Vorrang für Freiland als Regelplanung. 20 Milliarden Euro mehr oder weniger sind kein Pappenstiel, das macht einen echten Unterschied.“

Freitag, 24.05.2024, 16:27 Uhr
Gnter Drewnitzky

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